Rocken ohne Vorurteile
Zwischen Kerzenlicht und Akkorden: Sebastian Secker begleitet die Gruppe am Keyboard – ein Beispiel dafür, wie vielfältig "Die Heuler" musikalisch aufgestellt sind.Foto: Christoph Grätz
Jeden Montag von 14 bis 16 Uhr musizieren im Gruppenraum der Kontakt- und Beratungsstelle für psychisch Erkrankte (KOBS) der Caritas Oberhausen bis zu 20 gesang- und musikbegeisterte Menschen. Menschen mit psychischen Einschränkungen, aber auch Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Stadtteil, die einfach gerne singen und musizieren. Fünf Gitarren, ein Piano und verschiedenste Percussion-Instrumente, wie Schellenringe, Tamburine und Congas, stehen für die Musikerinnen und Musiker bereit.
Shiny Happy People
"Take Me Home, Country Roads" - damit fängt die Probe an. Norbert Nilkens, der Ende der 80er-Jahre die Gruppe ins Leben gerufen hat, zählt vor: "One, two, one, two, three …" - und los geht‘s.
Nilkens war bis vor sieben Jahren noch Leiter der KOBS und begleitet die Heuler seitdem ehrenamtlich an der Gitarre. Begeistert singen und musizieren die elf anwesenden Musiker und Musikerinnen, und man fühlt deutlich: Hier herrscht ein besonderer Spirit; Gemeinschaft und Spaß stehen im Vordergrund. Und so ist es auch nicht schlimm, wenn der eine oder die andere einen falschen Ton singt oder spielt. "Bei voller Besetzung sind wir 20 Leute", sagt Nilkens. Sebastian Secker, der die Gruppe vonseiten der Caritas begleitet, meint: "Ich freue mich jeden Montag auf die Heuler, weil in keiner anderen Gruppe wird so viel gelacht. Die Themen, mit denen ich sonst zu tun habe, sind eher schwererer Natur." Secker ist Drummer in einer Band, bei den Heulern spielt er Klavier und Gitarre.
Rhythmus, der trägt: Christa und Maike geben auf Bongos und Trommel den Takt vor – ein Moment, der zeigt, wie niedrigschwellig und lebendig das Musizieren bei den "Heulern" ist.Foto: Christoph Grätz
Thank You for the Music
Hat das gemeinsame Musizieren hier auch eine therapeutische Wirkung? So wirklich wichtig ist diese Frage für die Heuler aber nicht, Therapie ist nicht der Anspruch. Man hat eher den Eindruck, dass die Frage durch das gemeinsame Tun positiv beantwortet wird. Wer hierhinkommt, ist herzlich willkommen.
Norman, der mit seinem Hund Pablo gekommen ist und Gitarre spielt, sagt: "Beim Singen denke ich nicht so sehr an Probleme, es befreit mich, und ich mag die Gemeinschaft hier." Und auch Pablo, der fast so etwas wie das Maskottchen der Heuler ist, scheint die Musik zu genießen. Er liegt ganz ruhig auf einem Sessel und schlummert vor sich hin, während im Raum "Ich will zurück nach Westerland" zum Besten gegeben wird. Die Heuler spielen auf Stadtfesten, bei Veranstaltungen der Caritas, bei Festen und Feiern. Ihr Repertoire besteht mittlerweile aus über 300 Liedern, die in einer fetten Kladde zusammengestellt sind. Fünf Zentimeter Musik, von "Viele Jahre ist es her" bis "What Shall We Do with the Drunken Sailor". Jeder Heuler hat sein eigenes Exemplar. Ob Evergreen, Oldie oder Schlager, ob Geburtstags- oder Weihnachtslieder, die Heuler können jede Feier mit ihrer Musik rocken.
Come As You Are
Die bewegendsten Auftritte, erinnert sich Rita (73), seien die jährlichen Konzerte bei den Novemberlichtern, einem vorweihnachtlichen Adventsmarkt der Caritas Oberhausen. Zwei Tage lang präsentieren sich sämtliche Einrichtungen und Dienste des Verbandes der Öffentlichkeit, so auch die Kontakt- und Beratungsstelle. Der Auftritt der Heuler ist immer ein besonderer Höhepunkt.
"Die Heuler" in voller Energie: Musikerinnen, Musiker und Maskottchen Pablo versammeln sich mit Gitarren, Trommeln und Tamburinen – ein Bild für Gemeinschaft, Humor und den besonderen Spirit der inklusiven Band.Foto: Christoph Grätz
Heute sind Musikerinnen, Musiker, Sänger und Sängerinnen von 45 bis 75 Jahren zur Probe gekommen. Horst (75), der gerne laut singt und Gitarre spielt, ist die "Rampensau". Er ist mittlerweile seit 30 Jahren bei den Heulern und nach eigener Aussage der glücklichste Mensch der Welt, seitdem er mit seiner Nicole zusammen ist, die ebenfalls bei den Heulern mitsingt. Horst hat eine Tennisschule betrieben, als sein Leben aus der Bahn geriet und ihn die Caritas, wie er sagt, gerettet hat. Maike, die mit 48 Jahren fast die Jüngste bei der heutigen Probe ist, kommt gerne zu den Heulern, weil "die Menschen hier mich verstehen und so nehmen, wie ich bin". Maike leidet an ADHS und liebt die Gemeinschaft. Sie kann alle deutschen Schlager auswendig mitsingen.
Möge die Straße uns zusammenführen
"Demnächst treten wir beim größten inklusiven Musikfestival im Ruhrgebiet auf", schwärmt Sebastian Secker. "Wir haben eine Anfrage des Franz Sales Hauses bekommen, der großen Einrichtung der Eingliederungshilfe in Essen, ob wir am 12. September beim ‚Franz Sales Open Air‘-Festival auftreten können. Wir freuen uns riesig, sind aber auch schon ganz schön aufgeregt."
Wie jeden Montag geht auch heute die Probe mit dem irischen Lied "Möge die Straße uns zusammenführen …" zu Ende: "… und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand."
Probensound und Podcast bei caritalks #120