Wenn aus Obst Marmeladen und Begegnung werden
Abgefüllte Nachhaltigkeit; Die Brombeermarmelade ist nur eines von vielen Produkten der Obstretter.Foto: Michael Bönte
Da sitzt geballte Kompetenz am Tisch in der Küche der katholischen Familienbildungsstätte in Steinfurt: Sieben Frauen mit jeder Menge Koch-Erfahrung beratschlagen, was sie aus dem derzeitigen Angebot der Speisekammer kreieren können. Am Ende einigen sie sich auf ein Experiment: Aus dem Quittensaft soll ein süßlicher Senf entstehen. "Eine neue Kreation - so etwas hatten wir noch nie", sagt Maria Robers, die das Koch-Team der Obstretter leitet.
Und das muss schon etwas heißen. Denn bereits seit sechs Jahren stehen Frauen des Projekts regelmäßig an den Töpfen der Einrichtung und verarbeiten das, was sonst auf den Wiesen und Gärten der Umgebung verfaulen würde. Äpfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen sind Dauerbrenner - Johannisbeeren, Himbeeren oder Walnüsse die Exoten. "Eine von uns hat immer eine Idee, was wir daraus machen können", sagt Robers. Dieses Mal sind es eben die Quitten, die mit Zimt, Nelke, Sternanis und Senfkörnern ihren Weg durch Töpfe, Mixbecher und Trichter in die Einweckgläser mit dem Obstretter-Aufkleber finden.
Die Speisekammer füllt sich immer wieder neu. Immer dann, wenn bei Christine Thamm oder einer ihrer Helferinnen das "Obstretter-Handy" klingelt. "Es melden sich oft ältere Menschen, die es selbst nicht mehr schaffen, die Ernte einzuholen", beschreibt die Organisatorin der Pflück-Teams die weit mehr als 100 Anfragen, die jährlich reinkommen. "Aber auch Besitzer von Streuobstwiesen oder Hobbygärtner mit vielen verschiedenen Obstbäumen."
Großer Zulauf
Allen gemein ist der Wunsch, dass die Früchte nicht irgendwann auf dem Boden liegen und verfaulen. Und genau das war die Ausgangsidee, als Andrea Jäger vom Caritas-Nachbarschaftshaus in Steinfurt das Projekt anstieß: "Der nachhaltige Ansatz spielte die zentrale Rolle." Mit der Familienbildungsstätte und dem Verein "WieWollenWirLeben" holten sich die Initiatoren der Caritas organisatorische Unterstützung mit ins Boot. "Der Zulauf war groß" - über Zeitungsartikel, Annoncen und vor allem über persönliche Kontakte wuchs das Projekt. Und das auf beachtliche Ausmaße: Etwa 20 Frauen gehören mittlerweile zum Koch-Team, mehr als 40 Pflückerinnen und Pflücker sind im Einsatz. "Es gibt aber noch viele weitere ehrenamtlich Unterstützende, die immer wieder dazustoßen", sagt Thamm. "Unsere Kontaktgruppe hat über 110 Telefonnummern." Mit welchem Ertrag? Sie muss nur kurz zusammenrechnen: "2025 haben wir etwa zehn Hektoliter Apfelsaft und mehr als 1000 Einmachgläser produziert."
Das Koch-Team der Obstretter (v. l.): Elisabeth Höffker, Gisela Pöpper, Christine Thamm, Hildegard Lamping-Cloppenburg, Maria Robers, Renate Ruck und Gitta IkerFoto: Michael Bönte
Zwischen diesen Zahlen spielen sich viele Begegnungen und zum Teil rührende Geschichten ab. "Nicht selten sind es alleinstehende alte Menschen, denen es im Herzen wehtut, wenn ihre Früchte auf den herbstlichen Wiesen liegen bleiben", sagt Thamm. "Sie haben selbst über Jahrzehnte am Kochtopf gestanden und das Obst verarbeitet." Die Freude ist groß, wenn die Obstretter dann mit ihren Leitern, Teleskop-Pflückern und Körben anrücken. "Da fließt manchmal auch mal eine Träne der Rührung."
Begegnung, Gespräch, Zuwendung
Weil das Profil des Projekts mittlerweile viel mehr ist als die Ernte und Verarbeitung. "Es ist Begegnung, Gespräch, Zuwendung", sagt Robers. Und erinnert sich an eine alte Dame, die anrief, weil sie noch ein paar Äpfel aufgesammelt hatte. Bei anderen Adressen stapeln sich sonst die Kisten - die Anruferin hatte ihre zehn Früchte auf dem Spültisch drapiert. "Sie putzte jeden einzelnen Apfel blitzeblank, bevor sie ihn mir gab." Das zeigte die Wertschätzung für die Ernte und brachte vor allem Zeit zum Klönen. "Ich habe gemerkt, wie gut es ihr tut, endlich wieder Kontakt zu jemandem zu haben."
"Beschwipste Mirabelle"
Zum Klönen ist auch in der Küche der Familienbildungsstätte stets Zeit. Wenn sich die Kochprofis treffen, wird natürlich viel gefachsimpelt. Daraus wird dann mal die "beschwipste Mirabelle", das Tomaten-Chutney oder wie heute der Quitten-Senf. Wenn das alles in Gläser abgefüllt worden ist, ist die Arbeit aber noch nicht am Ziel. Die Erzeugnisse wandern auf Wochenmärkte, Basare oder zu Tafeln. Mit einer weiteren Aufgabe: Die Spenden, zu denen man dort aufruft, unterstützen auch andere soziale Projekte. Erst dann endet eine Verwertungskette, die jedes Jahr wieder mit den leuchtenden Früchten an den Bäumen beginnt. Und die auf ihren Wegen bis auf die Teller der Menschen in Steinfurt und Umgebung viel Nachhaltiges, Soziales und Gerechtes bewirkt.
