Mit dem Baby in der Schule für Empathie
Sitzkreis mit Stammgast: Ronja ist für eine Stunde der absolute Mittelpunkt im Kita-Alltag.Foto: Michael Bönte
Ronja weiß sicher nicht, was sie gerade bewirkt. Sieben Monate alt, liegt sie vor den Knien ihrer Mutter auf der Decke, die von den Kindergartenkindern auf dem Fußboden ausgebreitet worden ist. Aufmerksam huscht ihr Blick durch die Runde, die sich im Gemeinschaftsraum der katholischen Kindertagesstätte St. Sophia in Werne eingefunden hat. Jede Bewegung und jedes Geräusch saugt sie in sich auf. Füßchen und Händchen zucken aufgeregt durch die Luft.
Nicht weniger aufgeregt sind die sieben Kindergartenkinder drum herum. Auch sie schauen ganz genau, was das Baby so anstellt, begutachten seine Mimik und freuen sich über jeden Gluckser. "Was macht die Mama gerade?", fragt Martina Stolte. Die Leiterin der Kita führt durch das Angebot und lenkt die Aufmerksamkeit der Kinder immer wieder auf Details. "Sie wärmt die Füße von Ronja", sagt ein Mädchen. "Wenn meine Füße kalt sind, darf ich sie unter das Bein meiner Mutter schieben", sagt ein anderes.
Es geht um die Gefühle von Vertrauen, Geborgenheit und Liebe
Es ist "Baby-Watching", wie jeden Donnerstag: Für eine Stunde kommt Lisa Osterschulze mit ihrem Baby in die Kita. Ein Jahr lang sehen die Kindergartenkinder das Kleinkind aufwachsen, erleben seine Entwicklung, den Umgang der Mutter mit ihm. Im Mittelpunkt: Emotionen, Empathie und Selbsterfahrung. "Das Angebot organisieren wir schon seit mehr als zehn Jahren", sagt Stolte. "Mittlerweile haben hier bereits acht Babys auf der Decke gelegen."
Stolte hatte sich zuvor für die Begleitung dieser Begegnungen ausbilden lassen. "Ein Fortbildungstag mit viel Selbstreflexion, praktischen Übungen und dem ersten Baby-Watching für mich", erinnert sie sich. Von damals kennt sie selbst die Aufregung, die sie heute bei den Kindern erlebt. Denn es geht in diesen Augenblicken um die wichtigen, für das Leben unverzichtbaren Gefühle von Vertrauen, Geborgenheit und Liebe. "Wir aktivieren damit so etwas wie den goldenen Kern - alles andere darf in diesem Moment außen vor bleiben."
Intensive Augenblicke sind das für die Kinder. "Sie erleben Werte, reflektieren ihre eigene Situation, lernen neue Verhaltensstrategien", sagt Stolte. Dass diese Erfahrungen mit in den Kindergartenalltag genommen werden, erlebt sie immer wieder. "Plötzlich fragen sie untereinander, wie es ihnen geht, oder intervenieren, wenn es beim Streit zu heftig wird."
Empathie erleben im Kindesalter ist eine Form von Prävention für eine Gesellschaft
Der Caritasverband für die Diözese Münster organisiert seit einiger Zeit "Schnuppertage" für das "Baby-Watching": Pädagogische Fachkräfte können eine halbe Stunde die Methode und ihre Wirkung miterleben, um die Idee möglicherweise in ihrer Einrichtung umzusetzen. "Weil die Ausstrahlung dieses Angebots enorm ist und nicht in den Wänden der Kindergärten bleibt", sagt Andrea Kapusta aus dem Fortbildungsbereich des Verbandes. Deshalb schließt sich ein Tag an, an dem Hintergründe und Möglichkeiten des Angebotes im Fokus stehen.
Lisa Osterschulze (l.) und Martina Stolte (r.) animieren die Kinder, die Gefühle von Ronja nachzuempfinden.Foto: Michael Bönte
"Studien etwa zum Thema Gewalt zeigen, dass es in unserer Gesellschaft an vielen Stellen an Empathie fehlt", sagt Kapusta. "Wer sie als Kind nicht erlebt, kann Konfliktsituationen nicht mit Einfühlungsvermögen lösen." Sie sieht in der frühkindlichen Entwicklung dieser Sensibilität auch eine Form von Prävention für eine Gesellschaft, die durch das fehlende Verständnis für die Position des anderen extremistische Tendenzen zeigen kann. "Kinder lernen beim Baby-Watching schnell, dass es andere Wege des Miteinanders gibt."
"Hallo, ist das schön - alle Kinder konnten Ronja sehen." Die kleine Ronja wird heute wie jedes Mal mit einem Lied verabschiedet, nachdem sie aufgeregt das Klangspiel verfolgt hat, das in der Runde weitergegeben wurde. Dann geht es für die Hauptdarstellerin müde und sichtbar zufrieden zurück in den Kinderwagen.
Nachwuchsprobleme für diese Auftritte gibt es in der Kindertagesstätte St. Sophia in Werne nicht. "Die Eltern fragen mittlerweile von selbst an, ob ihr Neugeborenes zum Baby-Watching kommen darf", sagt Stolte. Das liegt sicher auch an den guten Erfahrungen, die sich herumgesprochen haben. Einige Kindergartenkinder kennen die Runde mittlerweile von beiden Seiten: "Sie haben selbst auf der Decke gelegen und ein paar Jahre später auf den Kissen im Kreis drum herum gesessen."
Kontakt: kapusta@caritas-muenster.de
