Caritas in NRW

Abgehängt und dann?

"Bitter, wenn sich keiner für einen interessiert"

Drei Besucher und ein Sozialarbeiter sitzen im Café Emmaus in Rheydt an einem Tisch und reden miteinander. Im Hintergrund ist eine Küche mit zwei Frauen zu sehen.Gelegenheit zum zwanglosen Gespräch mit Sozialarbeiter Christoph Föhles (2. v. l.) im Aufenthaltsraum des Cafés Emmaus: Burkhard Jacobs, Laslo Tot und Udo Bauer (v. r.)DiCV Aachen

Laslo Tot hat kaum mehr Lust, sich um eine Wohnung zu bemühen. Überall, wo sich der Rentner bislang gemeldet hat, gab es nur Absagen. Wenn er in der Rheydter Innenstadt, wo er jetzt wohnt, überhaupt ein Wohnungsangebot entdecken würde, das er sich leisten könnte. Rund 750 Euro Rente hat der 69-Jährige, der zuletzt als Drucker arbeitete. Doch Tot muss eine neue Wohnung suchen. Der Vermieter seiner Wohnung, in der der in Jugoslawien Geborene seit elf Monaten lebt, möchte aus gesundheitlichen Gründen das gesamte Haus verkaufen. 360 Euro warm zuzüglich Strom zahlt Tot für diese Wohnung. Für eine Wohnung im Zentrum von Rheydt ein Super-Preis, auch wenn Tot nach Abzug der Lebenshaltungskosten dann nur einige Euro übrig bleiben. So günstig wie jetzt, zumal in der Lage, wird er wohl kaum wieder wohnen können. Da macht er sich keine Illusionen. "Ein Zimmer mit Küche, Bad und WC würde mir reichen. Doch das kostet schon 500 Euro. Für mich ist das nicht bezahlbar. Der Kühlschrank bliebe dann leer, und Grundsicherung bekomme ich nicht. Vermieter, bei denen ich mich gemeldet habe, haben Angst, mir eine Wohnung zu geben", sagt Laslo Tot. Die Vermieter versprechen zurückzurufen. Doch bislang hat sich niemand bei dem Rentner gemeldet.

Laslo Tot fühlt sich alleingelassen. Den Schuldigen für seine Situation hat er schon ausgemacht. "Die Politik in Deutschland gefällt mir gar nicht." Beim Thema Diäten seien sich alle Abgeordneten einig. Nur über die Rente debattierten sie wochen- und monatelang. Von katastrophalen Zuständen spricht er in diesem Zusammenhang. Und das Wort Sozialstaat würde er streichen, wenn er zu sagen hätte. Was ihm blüht, wenn er nicht schleunigst eine Wohnung findet, mag er sich gar nicht ausmalen. "Obdachlosigkeit", sagt er kurz. Und nach einer Pause fügt er hinzu: "Ich kenne viele Obdachlose. Und es werden immer mehr."

Hilfe bekommt Tot, der von der Nationalität her Ungar ist, im Café Emmaus, einer Einrichtung des SKM in Rheydt. In der Einrichtung für wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen erhalten Besucher Soforthilfe in Form von Essen, Trinken und Möglichkeiten zur Körperpflege und Reinigung ihrer Wäsche. Es gibt kostenfrei Frühstück und Getränke, dreimal pro Woche gibt der SKM gegen einen kleinen Obolus ein warmes Mittagessen aus. In einem Aufenthaltsraum können Wohnungslose mit anderen Betroffenen ins Gespräch kommen, miteinander Billard, Darts und Karten spielen oder recht zwanglos mit Christoph Föhles, dem Leiter der Einrichtung, oder seiner Kollegin Astrid Thiess ins Gespräch kommen. Der Sozialarbeiter und sein Team bieten allgemeine Sozialberatung für die Wohnungslosen an. Die hat auch schon Laslo Tot genutzt. "Die Beratung ist einmalig. Gäbe es das Café Emmaus nicht, wäre es für mich viel schlimmer. Es ist für mich das zweite Zuhause."

Behörden werden als parteiisch oder willkürlich erlebt

Auch Udo Bauer* besucht regelmäßig das Café Emmaus in der Rheydter Innenstadt. "Wenn es das nicht gäbe, wäre ich den ganzen Tag auf der Straße", sagt er. Der 46-Jährige ist vor einem halben Jahr aus der Haft entlassen worden. Es war nicht das erste Mal, dass er im Gefängnis saß. Wenn Bauer früher aus der Haft entlassen wurde, war es für ihn nie ein Problem, eine Wohnung zu finden. Das ist nun anders. Wenn er auf ein Wohnungsangebot einging, erhielt er schon mehrfach die Auskunft, man nehme keine Deutschen. Bauer hat nun gehört, was der Hintergrund sein soll: Die Vermieter, die ablehnend reagierten, würden Flüchtlinge bevorzugen, weil dort sichergestellt sei, dass Kommunen, die für Flüchtlinge zuständig seien, die Kosten für die Renovierung der Wohnung übernähmen. Auch mit der Suche nach einem Job hat es für Udo Bauer, der derzeit von Arbeitslosengeld I lebt, nicht geklappt. Zwar habe er vom Jobcenter immer wieder Arbeitsangebote erhalten und sich auch darum gekümmert. Aber dann habe sich herausgestellt, so erzählt der 46-Jährige, dass die Stellenangebote nicht mehr aktuell gewesen seien. "Da fühlt man sich richtig verarscht", sagt Bauer. "Schon bitter zu erleben, wenn sich niemand für einen interessiert." Zum Glück findet Bauer, der tagsüber auf der Straße lebt, bislang immer noch einen Unterschlupf für die Nacht. Wenn das irgendwann nicht mehr klappen sollte, weiß er nicht, wohin.

Burkhard Jacobs hat den Eindruck, dass sich für ihn niemand interessiert. Alles begann im Jahr 2012, als sein Vater starb. Das stürzte den 53-Jährigen, der an Epilepsie leidet, in eine schwere Krise. Als dann noch die Mutter starb und seine Freundin in zwei Schwangerschaften beide Kinder verlor, war es ganz aus. Hinzu kam dann noch, dass ihm das Jobcenter das Arbeitslosengeld streichen wollte. Jacobs und seine Geschwister hatten das elterliche Haus geerbt. Das Jobcenter ging daher davon aus, dass nun Vermögen da sei, und stellte die Zahlungen des Arbeitslosengeldes ein. Durch einen Fehler überwies das Jobcenter zudem keine Krankenkassenbeiträge mehr. Weil Jacobs aufgrund dieser Entwicklungen mit der Miete in Rückstand geriet, verlor er seine Wohnung. Auch seine Bemühungen, einen Job zu finden, scheiterten. "Versuchen Sie einmal, mit Epilepsie einen Job zu bekommen", sagt Jacobs.

Der 53-Jährige lebt nun von Hartz IV. Er fühlt sich einer gewissen Behördenwillkür ausgesetzt. "Keiner fühlte sich für mich zuständig. Dass es Mehrbedarfe bei Hartz IV gibt, die man anmelden kann, habe ich zum Beispiel alleine herausgefunden", sagt er. Seit er eine Anwältin eingeschaltet hat und er beim SKM in Rheydt in der Beratung ist, fühlt er sich besser. "Das Gefühl zu haben, nicht wahrgenommen zu werden, das hat mich endlos wütend gemacht", sagt Jacobs. Wie soll jemand mit einer lebensbedrohlichen Krankheit und lebenswichtigen Medikamenten seine Medikamente und medizinischen Leistungen bezahlen, wenn er ohne Geld, absolut mittellos ist, fragt sich der 53-Jährige. Nicht alle Leistungen würden ja von der Krankenkasse übernommen. "Durch die 14-tägliche Änderung der rezeptfreien Liste muss man immer Rezeptgebühren bezahlen. Bei mir sind es zwischen 60 und 120 Euro im Monat. Wie soll man das bezahlen?", fragt sich Burkhard Jacobs.

* Name geändert

www.skm-ry.de/angebote-projekte/cafe-emmaus-hilfe-in-not/



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