Kommentar

Sozialer Zusammenhalt

Die Menschen wieder einander näherbringen

Porträt: Dr. Frank Johannes HenselDr. Frank Johannes Hensel

Wer im Sommer 2018 auf die Bundesrepublik blickt, sieht zwei unterschiedliche Welten. In der einen wirkt alles glänzend. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt und steigt, die der Arbeitslosen stagniert auf niedrigem Niveau. Die Wirtschaft brummt. Es gibt scheinbar wenig zu beklagen. In der anderen Welt hingegen regiert die nackte Angst. Jeder zweite Bürger fürchtet sich aktuell vor Armut und sozialer Ungerechtigkeit, die ihn treffen könnten. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander. Das bereitet drei von vier Menschen große Sorgen.

Egal, ob die Miete nicht bezahlt werden kann, die dringend notwendige Reparatur am Auto warten muss oder der Schwimmkurs der Kinder ins Wasser fällt: Wie kommt es, dass immer weniger Menschen am wachsenden Wohlstand teilhaben und sich fragen müssen: Warum können wir uns einfache Dinge nicht leisten? Warum gehören wir nicht mehr dazu? Hier lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn das Jobwunderland Deutschland entpuppt sich als ein Flickenteppich mit vielen Schönheitsfehlern. Zu diesen gehören besonders prekäre Beschäftigungsmodelle wie Minijobs, Befristungen, Teilzeit- oder Leiharbeit. Viele Menschen stehen täglich vor einem finanziellen Überlebenskampf.

Ein weiterer Grund für Armut und damit fehlende Teilhabe ist neben der Ungleichheit zwischen Besser- und Geringverdienern die scheinbare Ausweglosigkeit vieler Langzeitarbeitsloser. Viele von ihnen strecken sich seit Jahren vergebens nach angemessener Arbeit oder hangeln sich im besten Fall von Maßnahme zu Maßnahme, ohne wirklich Anschluss zu finden. Insgesamt eine gefährliche Entwicklung: Denn Politik muss alle Menschen im Blick haben und darf nicht ausschließlich die Interessen hoher und mittlerer Einkommensschichten abbilden. Sonst löst sie auf Dauer den sozialen Zusammenhalt, den Kitt in unserer Gesellschaft.

Was dann passiert, erleben wir aktuell: Von der Politik nicht wahrgenommen, von der Gesellschaft als Leistungsverweigerer oder Geringverdiener stigmatisiert, fühlen sich die Betroffenen nutz- und wertlos. Der starke Zulauf zu den rechten Kräften in der jüngeren Vergangenheit zeigt, welche gefährlichen Folgen Resignation und Abkehr haben können. Aber Vorsicht, wer hier zu eindimensional denkt: Das Gefühl "enttäuscht, abgehängt, frustriert" kennen nicht nur die üblichen Verdächtigen. Es ist heute längst auch in der Mittelschicht angekommen.

Wirksame politische Maßnahmen, um die Spaltung in unserer Gesellschaft zu verhindern, sucht man vergebens. Neben einer Bildungsoffensive braucht es nachhaltige Ideen für einen neuen Sozialstaat. Hartz-IV-Reform, Kindergrundsicherung, die Etablierung eines sozialen Arbeitsmarkts: Vorschläge - viele davon basieren auf Ideen der Wohlfahrtsverbände - gibt es genug. Keiner davon mag perfekt sein. Aber jeder davon macht Hoffnung, endlich Anschluss für die Abgehängten zu schaffen und damit die Menschen in unserer Gesellschaft wieder einander näherzubringen.

Dr. Frank Johannes Hensel
Diözesan-Caritasdirektor für das Erzbistum Köln und Herausgeber von "Caritas in NRW".

E-Mail: frank.hensel@caritasnet.de



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