Caritas in NRW

Abgehängte Milieus?

Anschluss herstellen

Mehrere Hochhäuser aus dem Wohnkomplex 'Kölnberg' am Rande der Stadt Köln. Vor den Häusern sind Wiesen und gepflasterte Wege zu sehen.Der "Kölnberg" gilt als sozialer Brennpunkt am Rande der Stadt.Markus Lahrmann

"Relegationszonen" nennt der Städteforscher Klaus-Peter Strohmeier Stadtviertel, wie es sie beispielsweise im Norden des Ruhrgebietes gibt. Er meint damit "Verbannungsorte für Menschen, die keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr haben". Viele Menschen, die dort wohnen, fühlen sich abgehängt. Wer dann noch wählt, wählt Protest. In Essen-Vogelheim bekam die AfD zuletzt 22,3 Prozent. Müsste nicht eine Landesregierung, die die Chancen für wirtschaftliche Zukunft verbessern will, sich solchen Vierteln besonders widmen? Strohmeier findet, die meisten Relegationszonen seien die "Kinderstube der Gesellschaft", also die Orte, an denen das Humankapital für die Zukunft heranwachse. Sein Plädoyer: Solche Viertel müssten wieder zu Integrationsschleusen mit starker Solidargemeinschaft werden. Die Adresse eines Kindes dürfe nicht über dessen Lebenschancen entscheiden. Die Sozialwissenschaftler fordern eine systematische Quartiersentwicklung mit massiven baulichen und sozialen Investitionen.

Isolierter Stadtteil

Porträt: Birgit ThielenBirgit Thielen, Sozialarbeiterin im Caritas-Zentrum. Sie organisiert Hausaufgabenbetreuung und bietet Sozialberatung an.Markus Lahrmann

Ortstermin. Ganz im Süden von Köln an der Stadtgrenze erhebt sich wie ein Gebirge ein Hochhauskomplex aus der flachen Landschaft - der "Kölnberg". Das Stadtviertel Meschenich ist verrufen, wer nicht muss, fährt nicht in diese Gegend. "Abgehängt sind wir hier ganz schnell, wenn wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln an unseren Arbeitsplatz kommen wollen - und genauso geht es dem Großteil der Menschen, die hier leben", sagt die Sozialarbeiterin Birgit Thielen, die im Caritas-Zentrum Hausaufgabenbetreuung organisiert und Sozialberatung anbietet. Die Anbindung an die Großstadt Köln ist schlecht, es fährt ein Bus, der über die Dörfer und Vorstädte eine halbe Ewigkeit braucht, bis er die Innenstadt erreicht. Die Fahrt in die in Sichtweite liegende benachbarte Kleinstadt Brühl kostet hingegen schon 3,80 Euro, weil dazwischen eine Tarifgrenze liegt. Für rund 8000 Menschen, die in Meschenich wohnen, gibt es eine Kinderärztin und eine Grundschule. Aber ab der fünften Klasse reisen die Kinder: Gymnasium, Realschule, Förderschule, Gesamtschule liegen alle in anderen Stadtteilen. Die Hauptschule im Nachbarviertel - auch nur per Bus zu erreichen - nimmt keine Kinder mehr auf. In Köln ist die Schulpolitik nicht auf die Infrastrukturpolitik abgestimmt.

Porträt: Katja WienpahlKatja Wienpahl, Leiterin des Interkulturellen Zentrums der Caritas in Köln-MeschenichMarkus Lahrmann

Im gesamten Stadtviertel leben Menschen aus 65 Nationen, über 90 Prozent haben Migrationshintergrund. Es sind Türken, Rumänen (Roma), Bulgaren, Menschen aus dem Irak, Ex-Jugoslawen, Ungarn, Afrikaner, Italiener, Afghanen, früher viele Polen. In den Hochhäusern herrscht ständige Fluktuation, immer wieder gibt es Wohnungen, die frei werden und schnell wieder vermietet werden. "Viele Menschen wohnen nur einige Zeit hier und versuchen, etwas Besseres zu finden", sagt Katja Wienpahl, die Leiterin des Interkulturellen Zentrums der Caritas in Meschenich. Um die tausend Menschen - schätzt man - sind gar nicht gemeldet. "Der Kölnberg ist so etwas wie die Einflugschneise in die Stadt", erklärt Wienpahl.

Wovon leben die Menschen?

Viele Roma-Männer hier sammeln Schrott", sagt Mihaly Lakatos, der ein EU-Projekt für Roma aus Rumänien leitet. In Rumänien würden sie zehn Euro Kindergeld erhalten, hier sind es rund 200. Bei fünf bis sechs Kindern ist das schon eine Art Grundeinkommen. "Davon bezahlen sie ihre Miete, oder sie schaffen es nicht und haben Schulden", so Lakatos. Wer krank wird, ist meist nicht abgesichert.

"Meine Aufgabe ist es, Kinder bis sechs Jahre und ihre Eltern an die Regelsysteme heranzuführen", sagt Lakatos. Dafür zu sorgen, dass Kinder die Kita besuchen, zur Schule gehen, Bildung erfahren, dass Schwangere Mutter-Kind-Kurse mit einer Hebamme wahrnehmen, Sportprojekte, Vorlese-Stunden zu organisieren. "Ich leiste ein Stück Integration, damit die Menschen lernen, sich hier auszukennen."

Porträt: Mihaly LakatosMihaly Lakatos leitet ein EU-Projekt für Roma aus Rumänien.Markus Lahrmann

Armut und Unkenntnis sind große Integrationserschwernisse. Die meisten, die in die Sozialberatung kommen, haben finanzielle Probleme, oft Schulden, brauchen Hilfe bei Formularen, bei Kindergeld-Anträgen, ­ALG-II-Anträgen. Sie können den Strom nicht bezahlen, haben zu viele Handy-Verträge, die ihnen gewissenlose Verkäufer aufgeschwatzt haben. Der Kölnberg ist ein Einfallsort für Haustürgeschäfte. Handy-Verkäufer ziehen in Scharen durch, Verträge für Stromwechsel werden angeboten. Oder Schulden haben sich aus Ordnungsstrafen angesammelt. Wenn die Männer Schrott sammeln, muss der Wagen entsprechend tauglich sein, und man darf keine Elektrogeräte mitnehmen. "Das wissen sie nicht - und wenn sie erwischt werden, müssen sie Strafe zahlen. Manche haben über 10000 Euro Schulden wegen solcher Strafen", sagt Lakatos.

Was leistet Sozialarbeit?

Katja Wienpahl berichtet aus einem Stadtteilmütterprojekt: Die Sozialarbeiter haben es gemeinsam mit den Menschen aufgebaut. Frauen (und auch Männer) erhielten über einen längeren Zeitraum sehr einfach kleine Unterrichtseinheiten, in denen viele Themen des alltäglichen Lebens, der Erziehung, des Zusammenlebens in den Familien besprochen und reflektiert wurden. Ihre Erfahrungen, den Rückhalt, den sie erlebt haben, können sie weitergeben. "Solche niedrigschwelligen Projekte über einen längeren Zeitraum bringen eine ganze Menge", sagt Wienpahl. "Über 80 Kinder in diesen Familien profitieren nun davon, kommen beispielsweise in der Schule besser zurecht, haben dadurch bessere Chancen."

Porträt: Verena AurbekVerena Aurbek ist als Sozialraumkoordinatorin der Caritas für den Kölner Süden zuständig.Markus Lahrmann

Sozialberatung ist aber nicht nur Bildung und Qualifizierung, sondern auch das gesamte Drumherum: Zuwendung, freundliche Aufnahme, Wertschätzung und Anerkennung für das, was die Menschen trotz aller Widrigkeiten des Lebens leisten. Jemand, der sich mit der Sozialbürokratie auskennt und bei Formularen hilft, der darüber hinaus eine Beziehung zu den Menschen aufbaut, sie damit selbst stärkt - das alles regt den Integrationswillen an. "Unser Ziel ist Empowerment", sagt Verena Aurbek, die als Sozialraumkoordinatorin der Caritas für den Kölner Süden zuständig ist. Es gehe darum, benachteiligte Menschen wieder dazu zu befähigen, ihre Dinge selbst zu regeln, Entscheidungen zu treffen, die sie selbst treffen können, vom Hilfesystem abzukoppeln, ihre Eigenständigkeit zu fördern, das Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Insofern ist die These von abgehängten Milieus ein Blick von außen und in gewisser Weise eine Zuschreibung, in der leicht etwas Endgültiges mitschwingt, die damit diskriminiert. "Zu uns kommen Menschen. Wir müssen die Menschen sehen - mit ihren Problemen und Anliegen", sagen die Sozialarbeiter.

Caritas-Zentrum Meschenich
Telefon: 02232/41718-0
E-Mail: caritas-zentrum.meschenich@caritas-koeln.de



Oft bewohnen viele Menschen kleine Wohnungen, Verwandtschaft kommt hinzu, Tipps kursieren, das Mietgeschäft lohnt sich offenbar für die Investoren.

Wer nicht genug Deutsch kann, wer sich nicht auskennt, wer vielleicht nicht einmal lesen kann, der wird bei Haustürgeschäften leicht abgezockt.



Brennpunkt Köln-Meschenich

Appendix einer Großstadt

Das Stadtviertel liegt in einer Randlage, die Anbindung an die Großstadt Köln ist schlecht. Zwei Bäcker und zwei Discounter - das ist es dann auch. Außerdem gibt es für die 8000 Menschen im Stadtteil nur eine Grundschule und eine Kinderärztin.



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