Interview

Anschluss gesucht

Niemand wird als Demokrat geboren

Ein junger Russlanddeutscher blickt in die Kamera. Im Hintergrund stehen auf einem großen Platz viele andere Russlanddeutsche beinander.Russlanddeutsche gelten als die vielleicht am besten integrierte Migrantengruppe.Christoph Meinschäfer

Caritas in NRW Nicht alle Spätaussiedler wählen AfD, aber der Anteil der Menschen, die sich für diese rechtspopulistische Partei entscheiden, ist bei dieser Bevölkerungsgruppe besonders hoch. Warum ist das so?

Vlada Safraider: Letztlich sind es die gleichen Gründe wie bei anderen Bevölkerungsgruppen, die aus Protest den Parteien der politischen Mitte den Rücken kehren. Aber ich würde nicht sagen, dass alle Russlanddeutschen zu politischen Extremen neigen. Immer noch ist die CDU für diese Bevölkerungsgruppe der eigentliche Favorit, wie die erste deutsche Migrantenwahlstudie von Professor Achim Goerres (Uni Duisburg-Essen) festgestellt hat. Ein Problem bei Russlanddeutschen ist eher das geringe Interesse an Politik, was sich in einer sehr niedrigen Wahlbeteiligung ausdrückt. Man fühlt sich nicht von allen Parteien angesprochen. Dies hat die AfD ausgenutzt, indem sie als einzige Partei auf Wahlwerbung auch in russischer Sprache gesetzt hat. Diese Strategie war offensichtlich sehr erfolgreich. Problematisch ist die Tatsache, dass Russlanddeutsche insgesamt wenig Vertrauen in die Politik haben, was ich aufgrund meiner eigenen Biografie gut nachvollziehen kann.

Porträt: Vlada SafraiderVlada Safraider ist päda-gogische Mitarbeiterin und Bildungsreferentin im Institut für Migrations- und Aussiedler-fragen – Heimvolkshochschule St. Hedwigs-Haus e. V. – in Oerlinghausen bei Bielefeld. Frau Safraider ist zudem in der mit Landesmitteln geförderten Integrationsagentur am St. Hedwigs-Haus tätig. Die Diplom-Historikerin war Lehrerin für Geschichte und sozial-wissenschaftliche Fächer in Jekaterinburg/Russland. Seit 2002 lebt sie in Deutschland. An der KatHO NRW in Paderborn absolvierte sie ein Studium der Sozialpädagogik und sozialen Arbeit.Privat

Caritas in NRW: Würden Sie Russlanddeutsche als eine für autoritäre und antidemokratische Haltungen besonders empfängliche Zielgruppe halten?

Vlada Safraider: Russlanddeutsche sind keine homogene Gruppe. Abgesehen von Alter oder genauer Herkunft gibt es sehr unterschiedliche Bildungsniveaus und Lebenserfahrungen. Auf der anderen Seite befindet sich auch die Demokratie seit einigen Jahren in der Krise. Immer mehr Bürger, auch mit Migrationshintergrund, zweifeln an der Demokratie, auch wenn die Demokratie grundsätzlich nicht in Frage gestellt wird. Vielleicht sollte man dies eher als "Demokratiefrust" bezeichnen.

Caritas in NRW: Wie hoch würden Sie den Einfluss russischer Medien auf Russlanddeutsche einschätzen?

Vlada Safraider: Das ist eine schwierige Frage, es gibt leider keine Statistik und keine empirischen Studien für das Thema. Wir können nur über gefühlte Wahrheiten sprechen.

Einerseits werden russische Medien von der russischen Community stark genutzt, andererseits lässt sich nicht behaupten, dass deutsche Medien überhaupt keine Rolle spielen. Wie stark der Einfluss russischer Medien auf eine Person ist, wie anfällig jemand für Propaganda ist, hängt stark vom jeweiligen Bildungsniveau ab. Umso mehr ist dies ein Grund, das Thema "Umgang mit Medien" in dieser Bevölkerungsgruppe zu bearbeiten. Es gilt zu hinterfragen, wie Medien auf uns wirken und wie Propaganda funktioniert.

Caritas in NRW: Warum ist die Beheimatung in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft besonders schwierig?

Vlada Safraider: Auch hier gilt: Russlanddeutsche sind keine homogene Gruppe. Wenn wir beispielsweise über Personen sprechen, die als Erwachsene nach Deutschland gekommen sind, lässt sich durchaus sagen, dass wir bei ihnen keine Grundkenntnisse von Demokratie erwarten können. Auch fehlt teilweise noch das Wissen über gesellschaftliche Hintergründe. Niemand wird als Demokrat geboren; Demokratie muss man lernen.

Caritas in NRW: Was muss geschehen, damit diese Beheimatung in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft gelingt?

Vlada Safraider: Ich denke, dass die Russlanddeutschen insgesamt auf dem richtigen Weg sind. Sie haben schon viel geschafft. Strukturell, sozial und kulturell sind sie sehr gut integriert. Geblieben ist nur noch eine letzte Stufe: die sogenannte Identitätsintegration. Dies ist der schwierigste Schritt, der auch noch Zeit braucht.

Ein junger Spätaussiedler sitzt zwischen zwei älteren Spätaussiedlerinnen auf einem Bett und hat seine Arme über ihre Schultern gelegtDas Grenzdurchgangslager Friedland in Niedersachsen war viele Jahre das zentrale Aufnahmelager für Spätaussiedler aus Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Von dort wurden sie auf die Bundesländer verteilt.Christoph Meinschäfer

Caritas in NRW: Was braucht es, damit Beheimatung von Russlanddeutschen gelingt?

Vlada Safraider: Russlanddeutsche brauchen nicht nur Angebote, um mehr über Demokratie zu erfahren, sondern auch Gelegenheiten, die aktuelle Entwicklung heutiger Demokratie zu diskutieren, eigene Meinungen zu bilden und sich bewusst in der demokratischen Gesellschaft zu positionieren. Es fehlt also noch ein gutes Stück an Bildungsarbeit mit Russlanddeutschen. Die Heimvolkshochschule St. Hedwigs-Haus steht schon seit vielen Jahren mit dieser Bevölkerungsgruppe in gutem Kontakt und hat sich Vertrauen erworben. Hier besteht die Möglichkeit, über politische Themen ins Gespräch zu kommen, Identitätsarbeit mit der Gruppe zu leisten und langfristig die Bürger zu gewinnen, um heute Demokratie zu lernen und zu leben.

Das Interview führte Jürgen Sauer.



Der Fall "Lisa"

Der Fall "Lisa" ist ein Vermisstenfall, der 2016 von russischen Medien instrumentalisiert und politisch ausgeschlachtet wurde. Einefrei erfundene Vergewaltigung im Kontext der Flüchtlingskrise führte zu einem Informationskrieg und sogar zu Demonstrationen (mehr unter Wikipedia). Ausführliche Recherchen zum Thema "Russlanddeutsche und die AfD" unter www.correctiv.org.



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