Caritas international

Krieg in der Ukraine

Vertrieben im eigenen Land

Ein ukrainisches Mädchen sitzt in einem Zweibettzimmer der Wohlfahrtsorganisation 'The Way Home' in Odessa (Ukraine) auf einem Bett und hält Süßigkeiten in der HandEines der Zimmer, in denen Straßenkinder übernachten könnenCaritas international/Boris Bukhman

Caritas ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Die Hauptaufgabe heute sind der ,vergessene‘ Krieg und seine Folgen", sagt Andrij Waskowycz, seit 2001 Präsident der (griechisch-katholischen) Caritas Ukraine, im Gespräch mit Caritas-Mitarbeitenden aus ganz Deutschland in Kiew. Viele Vertriebene hatten in ihrer Heimat eine gutbürgerliche Existenz, einen Beruf, ein Haus. Häufig schwer traumatisiert, stehen sie jetzt vor dem Nichts. Als sie im Frühjahr 2014 kamen, rechneten sie zunächst damit, schnell wieder nach Hause zurückkehren zu können. Inzwischen sind aus einigen Wochen Jahre geworden, ein Ende ist nicht absehbar. Immer noch wird in der Ostukraine gekämpft, täglich sterben Menschen.

Die Caritas-Hilfen für ukrainische Binnenvertriebene beziehen sich auf alle Bereiche - Gesundheit, Wohnen, Arbeit, Kinder- und Jugendhilfe. "In der ersten Zeit des Konfliktes lag der Schwerpunkt auf der humanitären Hilfe, jetzt geht es um die Integration der Vertriebenen in bestehende Sozialprojekte", sagt Andrij Waskowycz.

Er hat die Proteste auf dem Maidan in Kiew vor vier Jahren selbst miterlebt und erzählt von dieser offenen Wunde der ukrainischen Gesellschaft. Damals eskalierte der Protest gegen die korrupte prorussische Staatsführung, die schließlich dem Druck der Demonstrationen wich. Diese Auseinandersetzung prägt die Aufbruchsstimmung der Menschen und ihren unerschütterlichen Willen, weiter für die Unabhängigkeit zu kämpfen, ein autoritäres System zu verhindern und Reformen voranzutreiben.

"Wir betreiben intensive Lobbyarbeit und haben gute Kontakte zum Sozialministerium", erläutert Waskowycz. An einer neuen Sozialgesetzgebung habe die Caritas mitgeschrieben, die unter anderem Dezentralisierung vorsehe und eine staatliche Finanzierung der sozialen Dienstleistungen, die von den Wohlfahrtsverbänden erbracht würden, also das Prinzip der Subsidiarität übernähme. Es habe sich viel getan, meint er, es gebe viele Gesetzesvorhaben und jetzt müsse die Umsetzung erfolgen. "Dafür brauchen wir mehr Druck aus dem Ausland und von der ukrainischen Zivilgesellschaft. Korruption ist immer noch ein Problem, die Politik ist noch zu stark mit der Wirtschaft verwoben."

In der Hafenstadt Odessa besuchen wir ein Abrisshaus, in dem seit vier Jahren 150 Vertriebene, darunter 35 Kinder, leben. Sonja, selbst Vertriebene, steuert das Zusammenleben, unterstützt von The Way Home, einer Partnerorganisation der Caritas: "Hier leben Menschen, die schon besser integriert sind, Arbeitsmöglichkeiten suchen oder schon welche haben", erklärt sie uns. Wenn die Erwachsenen arbeiten, wird eine Kinderbetreuung im Haus organisiert. "Wir haben einen fast verwandtschaftlichen Umgang miteinander, schauen nach den Kindern der anderen und unterstützen uns", sagt Bewohnerin Irina, Alleinerziehende mit drei Kindern.

Die "Tüchtigen" gehen

"Wir möchten unseren Kindern eine Zukunft aufbauen!" Das ist die Motivation der rund fünf Millionen Menschen, die aus der Ukraine ins Ausland gehen, um ihre Familien in der Heimat wirtschaftlich zu unterstützen. Das Durchschnittseinkommen von 200 Euro monatlich bei fast so hohen Lebenshaltungskosten wie in Deutschland reiche einfach nicht zum Leben und treibe gerade "die Tüchtigen, die Engagierten" aus dem Land, sagt Caritas-Präsident Waskowycz. "Familie wird durch die wirtschaftliche Situation und die niedrigen Löhne gefährdet!", warnt er. "Als Caritas haben wir eine gesellschaftliche Verantwortung und müssen mit an einem Konzept arbeiten. Lohngerechtigkeit ist ein zentrales Thema, die Menschen müssen ein Auskommen haben, so dass sie hierbleiben können."

Die sogenannten Eurowaisen sind zwar wirtschaftlich gut versorgt, weil die Eltern Geld aus dem Ausland schicken. Ihnen fehlt aber die nötige Zuwendung. Weil für sie Geld kein Problem ist, werden sie häufig Opfer von Dealern und drogenabhängig. Caritas-Projekte versuchen, diese Kinder aufzufangen und ihnen Lebensalternativen zu zeigen.

Straßenkinder

2004 gab es noch 110000 Straßenkinder. Kinder von etwa fünf bis 16 Jahren überwinterten in Kanalisationsschächten, schnüffelten Klebstoff und bettelten. Der Staat ergriff Gegenmaßnahmen mit Pflegefamilien und Kinderheimen in kleinen, familienähnlichen Strukturen.

The Way Home, eine von Caritas international unterstützte Wohlfahrtsorganisation in Odessa, bietet für 30 obdachlose Kinder Übernachtungsmöglichkeiten. Weitere 300 Kinder werden täglich sozial und medizinisch betreut und mit vielen kreativen, sportlichen Angeboten und Hausaufgaben- und Nachhilfe gefördert.

Menschenhandel

Eine Delegation von Caritas-Mitarbeitenden aus ganz Deutschland steht vor einem Gebäude in der UkraineDelegation von Caritas-Mitarbeitenden aus ganz Deutschland auf Einladung von Caritas international in der UkraineDeutscher Caritasverband/Götz

Ein Projekt der Caritas Odessa unterstützt soziale Organisationen in mehreren Städten und auf dem Land gegen Menschenhandel. "Wir wollen mit mobilen Infoteams ein Bewusstsein bei den Menschen schaffen, die Risikogruppen sind", erklärt Caritas-Projektleiter Alexej. Nicht nur präventive Arbeit ist ein Schwerpunkt, seit 2016 konnte auch praktische, materielle und psychische Hilfe für 40 betroffene Menschen geleistet werden.

Im engen Austausch unter anderem mit der Caritas Essen, der Polizei, dem Auswärtigen Amt wird versucht, Frauen, die Opfer von Zwangsprostitution sind, bei der Rückkehr in die Ukraine zu helfen. Die meisten Opfer von Menschenhandel sind aber von Arbeitsausbeutung betroffen. "Sklaverei gibt es auch heute noch. Es gibt Menschen, die schon zwölf Jahre in einer solchen Situation leben."

Die Arbeit der Caritas in der Ukraine wird nicht staatlich finanziert und ist auf Hilfe und Solidarität des Auslandes angewiesen. Unter anderem läuft im April 2019 das Projekt gegen Menschenhandel aus, eine weitere Finanzierung muss auf die Beine gestellt werden.

Marianne Jürgens
Pressesprecherin beim Caritasverband für die Stadt Köln

E-Mail: marianne.juergens@caritas-koeln.de



Unterstützung

Caritas international unterstützt die soziale Arbeit der Caritas Ukraine.
Spendenkonto Caritas international: IBAN DE88 6602 0500 0202 0202 02
Stichwort: Ukraine

In NRW hilft das Projekt Eva der Caritas Wuppertal/Solingen Opfern von Menschenhandel, Gewalt und Prostitution, auch aus der Ukraine, bei der freiwilligen Rückkehr.

Kontakt: Fachdienst für Integration und Migration/Anita Dabrowski
Telefon: 0202/280520
E-Mail: anita.dabrowski@caritas-wsg.de



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