Begegnungen zwischen Jung und Alt
Hans Schleicher-Junk vor einem Foto, das an einem Kooperationsstandort aufgenommen wurde.Foto: Christian Heidrich
Wenn Kinder und Seniorinnen und Senioren gemeinsam singen, basteln oder einfach nur miteinander reden, entsteht etwas, das man nicht planen kann: echte Nähe. Die Generationsbrücke Deutschland in Trägerschaft der Katholischen Stiftung Marienheim Aachen-Brand ermöglicht Begegnungen zwischen Jung und Alt, die berühren und verbinden. Was 2009 im Marienheim in Aachen und der ebenfalls zur Pfarrei St. Donatus in Aachen-Brand gehörenden Kindertagesstätte St. Monika als kleines Projekt begann, entwickelte sich rasch weiter. 2012 etablierte der Initiator Horst Krumbach die Generationsbrücke Deutschland, der er vorsteht, als bundesweites Konzept. Bis heute hat das gemeinnützige Sozialunternehmen mehr als 600 Altenpflegeeinrichtungen mit Kitas oder Schulen zusammengebracht.
"Früher lebten mehrere Generationen unter einem Dach", sagt Hans Schleicher-Junk, Projektleiter bei der Generationsbrücke. "Heute fehlt oft der direkte Kontakt zwischen Großeltern und Enkeln. Wir wollen dem etwas entgegensetzen." Feste Tandems aus Altenheim und Kita oder Schule gestalten über Monate gemeinsame Aktivitäten auf Augenhöhe.
Das Konzept basiert auf Vertrauen und Eigenverantwortung. Einrichtungen erhalten ein erprobtes Modell zur Umsetzung intergenerativer Begegnungen, bekommen jederzeit Unterstützung vom Generationsbrücke-Team. Anfangs schulte es die Tandems vor Ort. Doch wegen der Nachfrage und begrenzter personeller Ressourcen bietet das Sozialunternehmen seit 2022 digitale Fortbildungen an: über die Lernplattform "Generationsbrücke Lernwelt". Die Teilnehmenden haben individuell Zeit, das Material zu bearbeiten.
"Unsere Lernwelt kombiniert Videos, Quizfragen und schriftliche Inhalte", erklärt Schleicher-Junk. "Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Viele sagen, sie fühlen sich gut vorbereitet und inspiriert", ergänzt der 61-Jährige. Erzieherinnen und Erzieher erhalten Einblicke in die Altenpflege, Mitarbeitende in der Pflege und im Sozialdienst lernen die Lebenswelt von Kindern kennen. "Dieser Perspektivwechsel hilft, Vorurteile abzubauen etwa gegenüber Altenheimen. Sie sind keine Endstation", sagt der Projektleiter.
Die Generationsbrücke versteht sich nicht nur als Impulsgeber, sondern auch als Fortbildungseinrichtung für Einrichtungen aller Träger. "Uns treibt die Freude an, die bei den Begegnungen der Generationen entsteht", sagt Hans Schleicher-Junk. "Wenn ein Kind fragt, wann es endlich wieder ins Altenheim darf, dann wissen wir, dass wir etwas richtig machen."
Die Arbeit der Generationsbrücke basiert auf fünf zentralen Grundpfeilern, die im hauseigenen Handbuch ausführlich erläutert werden. Der erste Pfeiler ist die altersgerechte Vorbereitung der Kinder und Jugendlichen auf die Begegnungen mit älteren Menschen. Der zweite Pfeiler betont die Regelmäßigkeit und Langfristigkeit. Ziel ist der Aufbau stabiler Beziehungen über ein ganzes Kita- oder Schuljahr - keine punktuellen Besuche. Der dritte Pfeiler ist die feste Partnerschaft innerhalb einer konstanten Gruppe. Eine Generationsbrücken-Gruppe besteht aus sechs bis 12 Paaren aus Senioren und Kindern. Diese verbringen über Monate Zeit miteinander. Diese Kontinuität schafft Vertrauen und Bindung - auch bei Ausfällen oder Todesfällen. Der Umgang mit dem Tod ist kein Tabu, sondern Teil der Fortbildung. Der vierte Grundpfeiler ist das Miteinander auf Augenhöhe: Es geht um gemeinsames Erleben, nicht darum, dass eine Generation der anderen etwas "beibringt". Aktivitäten wie Singen, Ballspiele oder Gespräche über die Schulzeit sind niedrigschwellig und orientieren sich an den Fähigkeiten der Teilnehmenden. Der fünfte Pfeiler schließlich ist der strukturierte und ritualisierte Ablauf der Begegnungen. Im immer selben Raum sind die Treffen an festgelegten Wochentagen und für eine bestimmte Dauer. Das Begrüßungs- und Abschiedsritual ist immer gleich, auch das Team, das die Treffen begleitet. Allein die gemeinsamen Aktivitäten ändern sich.
Diese Begegnungen befriedigen das menschliche Grundbedürfnis nach sozialer Verbundenheit, meint Hans Schleicher-Junk. "Gerade in einer zunehmend individualisierten und digitalisierten Gesellschaft bieten diese Begegnungen einen wertvollen Gegenpol." Für viele ältere Menschen, die nicht mehr zu Hause leben könnten, seien die Treffen mit Kindern ein Lichtblick - ein Zeichen, dass sich jemand für sie interessiere. "Und auch die Kinder nehmen bleibende Eindrücke mit: echte Begegnungen, echte Geschichten, echte Gefühle", beobachtet der Projektleiter.
Im Konzept der Generationsbrücke bezeichnet der Begriff "Tandem" die beteiligten Einrichtungen - etwa eine Altenpflegeeinrichtung und eine Kita oder Schule. Innerhalb dieser Tandems entstehen feste Partnerschaften zwischen einzelnen Kindern und Seniorinnen oder Senioren. Die Zuordnung erfolgt nicht zufällig, sondern die Gruppenleitungen stimmen diese sorgfältig ab, basierend auf Interessen, Charaktereigenschaften und Bauchgefühl. So entstehen Begegnungen auf Augenhöhe, die für beide Seiten bereichernd sind.
Die Kinder sind besonders offen und neugierig, während die älteren Menschen durch die persönliche Zuwendung spürbar aufblühen. Die feste Zuordnung verhindert unangenehme Situationen, wie sie etwa bei spontaner Partnerwahl entstehen könnten, und fördert stabile Beziehungen. Diese Partnerschaften entwickeln sich unterschiedlich: Manche finden sofort zueinander, andere brauchen Zeit. Doch das gemeinsame Erleben stärkt das Selbstwertgefühl und die soziale Kompetenz - bei Jung und Alt.
Auch Menschen mit demenzieller Veränderung können teilnehmen, sofern sie emotional ansprechbar sind und sich ins Geschehen zurückholen lassen. In solchen Situationen sei es wertvoll, dass besonders Kita-Kinder intuitiv und spielerisch reagieren, sodass auch bei eingeschränkter Kommunikation wertvolle Begegnungen möglich seien, sagt Schleicher-Junk.
Die Organisation der Begegnungen liegt bei den jeweiligen Einrichtungen. In der Regel übernehmen Sozialdienste in der Altenpflege, Erzieherinnen in Kitas und Lehrkräfte oder Sozialpädagogen in Schulen die Verantwortung. Die Generationsbrücke empfiehlt, dass mindestens zwei Personen pro Einrichtung die Gruppenleitung übernehmen, um die nötige Vorbereitung - wie Materialauswahl und Aktivitätsplanung - gemeinsam zu stemmen. So entsteht ein stabiles Fundament für die intergenerative Arbeit, die nicht nur Begegnungen schafft, sondern auch Beziehungen, die das Leben bereichern.
"Für mich liegt der größte gesellschaftliche Mehrwert unserer Arbeit in der Förderung von Empathie", sagt Herr Hans Schleicher-Junk. "Wenn Jugendliche Fürsorge und Respekt für ältere Menschen entwickeln, ist das ein starkes Zeichen." Die Freude sei oft so groß, dass beide Gruppen aktiv nach dem nächsten Treffen fragten - ein Zeichen für echte Bindung und gegenseitige Wertschätzung. Solche Projekte wirken gesellschaftlichen Spaltungen entgegen. Sie schaffen Verständnis für Themen wie Generationengerechtigkeit und soziale Verantwortung. Hans Schleicher-Junk ist überzeugt: "Wer persönliche Beziehungen zu Menschen anderer Generationen aufbaut, ist eher bereit, solidarisch zu handeln - etwa in Fragen der Rente oder Pflege. Die Begegnungen ermöglichen Jugendlichen zudem einen lebendigen Zugang zu Geschichte und Lebenserfahrung." Ein Jugendlicher beschrieb seinen älteren Partner einmal als "lebendes Geschichtsbuch", erinnert sich der Projektleiter.
Für ältere Menschen bedeuten diese Begegnungen weit mehr als nur Abwechslung im Alltag. "Sie erleben sich als Teil der Gesellschaft, als Menschen, deren Lebenserfahrung zählt und weitergegeben werden kann", sagt Hans Schleicher-Junk. Das Gefühl, gebraucht zu werden, sei für viele existenziell - gerade in einer Lebensphase, in der vieles abgenommen werde und Selbstwirksamkeit schwinde.
Hans Schleicher-Junk ist froh, bei der Generationsbrücke tätig zu sein. "Diese Arbeit ist für mich nicht nur sinnvoll", sagt er, "sie ist ein echtes Geschenk."
www.generationsbruecke-deutschland.de
Adresse
Rollefstraße 4
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