"Mein Gesicht gehört mir!"
Wenn man das Gefühl hat, dass auf der Straße jemand etwas mit einem Menschen tut, der das offensichtlich nicht will, dann sollte man eingreifen und die bedrängte Person unterstützen, sagt Martin Lauscher, Leiter der Bahnhofsmission Essen.Foto: Achim Pohl
In Essen sind wie in wohl jeder größeren Stadt solche Influencer*innen unterwegs. Die Bahnhofsmission Essen unterstützt deshalb Menschen, die auf der Straße leben, mit guten Tipps, wie sie Nein sagen können - Sticker helfen dabei. Auf Instagram stellt die vom Diakoniewerk Essen und vom Caritasverband für die Stadt Essen getragene Bahnhofsmission ihre Kampagne vor. Im Interview erklärt Martin Lauscher, der Leiter der Bahnhofsmission Essen, wie Influencer*innen vorgehen, wie wohnungslose Menschen ihre Persönlichkeitsrechte schützen können - und was jede*r Einzelne tun kann, um zu helfen.
Caritas in NRW Wie häufig kommt es vor, dass Menschen, die auf der Straße leben, von Influencer*innen gefilmt und fotografiert werden?
Martin Lauscher: Wir haben keine konkreten Zahlen dazu. Wer aber soziale Medien nutzt, nimmt das relativ häufig wahr. Das ist so ein Trend, der aus dem angloamerikanischen Raum nach Europa und natürlich auch Deutschland herübergeschwappt ist. Das hat hier in den größten Städten begonnen, Hamburg, Berlin, Frankfurt, und jetzt breitet es sich auch in andere Städte aus. Ich gehe davon aus, dass es in jeder größeren Stadt in Deutschland einen Influencer gibt, der das regelmäßig tut.
Caritas in NRW: Auch in Essen?
Martin Lauscher: Ja, auch bei uns. Schon vor etwa zwei Jahren hat es hier einen Influencer gegeben, der eine große Spendenkampagne für einen wohnungslosen und suchtkranken Menschen veranstaltet hat. Am Ende gab es dann unterschiedliche Darstellungen darüber, ob das Geld alles bei dem wohnungslosen Mann gelandet ist - die juristische Aufarbeitung steht noch aus. Der Influencer sagt, er habe alles Geld ausgehändigt, der junge Mann sagt, dass er es nicht bekommen hat. Ich kann das nicht bewerten, wie es wirklich war. Der Influencer scheint einen recht guten Rechtsanwalt zu haben - und da sieht man dann schon das Problem der Machtdynamik: Auf der anderen Seite ist ein junger Mann, der durchs soziale Netz gefallen ist, eine Suchterkrankung und eine psychische Erkrankung hat. Der hat keinen teuren Anwalt, und der wird kaum so glaubhaft rüberkommen wie ein Medienprofi. Diesen Fall haben wir über die Zeitung mitbekommen. Unsere Klientinnen und Klienten berichten auch regelmäßig davon, dass jemand mit der Kamera durch die Stadt läuft. Wir haben ihn auch schon gesehen, und wir sehen natürlich die Reels, die er auf Instagram teilt.
Caritas in NRW: Und hatten Sie schon direkten Kontakt mit dem Influencer?
Martin Lauscher: Wir haben versucht, ihn gemeinsam mit unserer Pressestelle und anderen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe der Caritas in Essen einzuladen. Er hat auch erst zugestimmt, aber in der Woche darauf wollte er dann nur noch kommen, wenn er eine Kamera mitbringen darf und alles filmen und veröffentlichen kann. Das konnten wir nicht zulassen. Kurz vor dem Termin hat er dann abgesagt und gesagt, er würde sich melden. Seither haben wir nichts mehr von ihm gehört.
Caritas in NRW: Und daraufhin ist dann Ihre Kampagne entstanden mit den Stickern, auf denen groß "Nein!" steht und "Mein Gesicht gehört mir!".
Martin Lauscher: Ja. Möglicherweise wäre sie auch entstanden, wenn es das Gespräch gegeben hätte. Uns geht es ja nicht darum, gegen einen bestimmten Influencer vorzugehen. Wir haben es hier in der Bahnhofsmission, in der Beratungsstelle und im Tagesaufenthalt für Wohnungslose mit einer hochvulnerablen Gruppe zu tun, die selten einmal einen Raum für sich allein hat. Oft gibt es kein Bewusstsein für die Risiken von sozialen Medien, weil die Menschen entweder nicht damit aufgewachsen sind oder weil sie auf der Straße abgehängt sind von einer immer weiter digitalisierten Gesellschaft. Da wollten wir dann aufklären und ihnen die Möglichkeit geben, ein Zeichen zu setzen: zum Schutz ihrer Privatsphäre - und für die Konsumenten von solchen Inhalten, die wahrscheinlich oft gar nicht wissen, wie problematisch die sind.
Das Recht am eigenen Bild gilt für alle!
Caritas in NRW: Warum hat Spenden-Content mit Menschen auf der Straße so einen großen Reiz?
Martin Lauscher: Auf den ersten Blick sind das ja sehr menschliche Geschichten. Mein Bauchgefühl ist, dass der Zuspruch von Menschen kommt, die eine sehr idealisierte Sicht von Hilfe haben, die aber mit der Realität der sozialen Arbeit nichts zu tun haben. Da gibt es gar kein Gefühl dafür, was eine Wohnungslosigkeit für einen Menschen bedeutet. Da sieht man dann, wie jemand einmal eine Spende übergibt oder auch nur einen warmen Tee ausschenkt, und denkt dann, damit wäre schon geholfen. Aber wenn man jeden Tag Kontakt hat mit wohnungslosen Menschen, dann weiß man, dass es mit solchen punktuellen Aktionen nicht getan ist. Und weit schlimmer: Je mehr ich die Menschen in die Öffentlichkeit ziehe, desto mehr stigmatisiere ich sie. Menschen werden so zum Objekt einer angeblichen Hilfe gemacht und bezahlen das auch noch mit ihrer Privatsphäre. Nur weil Menschen im öffentlichen Raum sind, weil sie eben kaum Rückzugsmöglichkeiten haben, geben sie ja nicht alle Rechte an ihrer Privatsphäre auf. Auch wenn es Menschen gibt, die das zu denken scheinen.
Caritas in NRW: Was raten Sie?
Martin Lauscher: Wir reden mit unseren Klientinnen und Klienten allgemein über diese Trends und konkret darüber, dass sie ein Recht haben, Nein zu sagen. Und dass sie das klar und deutlich artikulieren dürfen - auch in die Kamera. Wenn sich das jemand nicht traut oder das nicht kann, dann kann der Sticker eine Hilfe sein. Den kann man in solchen Fällen sichtbar an der Kleidung anbringen. Das ist ein deutliches Zeichen - und das macht auch das Bildmaterial am Ende unverwertbar. Man kann sich schlecht als Held darstellen, wenn durch so ein deutliches Zeichen klar ist, dass die Person, der man zu helfen vorgibt, damit gar nicht einverstanden ist. Wir betonen auch unseren Klientinnen und Klienten gegenüber, dass Hilfeleistungen niemals an eine Gegenleistung geknüpft sein sollen. Das ist unsere fachliche Haltung, wie wir Menschen unterstützen, und das ist etwas, was auch für alle anderen gelten sollte - alles andere verzweckt die Menschen, denen man angeblich helfen will.
Das Interview führte Felix Neumann.
Das Interview erschien zuerst auf dem Blog www.artikel91.eu.
Gekürzter Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.