Verantwortung über Generationen hinweg
Stephan Jentgens, Diözesan-Caritasdirektor für das Bistum Aachen Foto: Frank Kind Photography
Zusammen geht was. Caritas verbindet Generationen." Unser Kampagnen-Claim ist kein Ins-Schaufenster-Stellen der Leistungen der verbandlichen Caritas für alle Generationen - von Säuglingen bis zu Hochaltrigen. Er ist Anspruch und Auftrag zugleich, sich für Generationengerechtigkeit starkzumachen.
Generationengerechtigkeit ist mehr als gerechte Geldverteilung. Sie ist ein Versprechen: Jede Generation soll heute und morgen in Würde leben können. Als christlicher Verband sind wir überzeugt: Jeder Mensch ist wertvoll - unabhängig von Alter, Herkunft, Leistungsfähigkeit. Sozialpolitik muss diesem Menschenbild gerecht werden.
Zwei Grundprinzipien der christlichen Soziallehre greifen hier: Personalität und Subsidiarität. Personalität sagt: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Er ist nicht Objekt politischer Maßnahmen, sondern Subjekt mit Würde, Rechten und Verantwortung über Generationen hinweg. Generationengerechtigkeit muss daher die Lebenswirklichkeit aller Menschen ernst nehmen.
Subsidiarität sagt: Hilfe soll dort ansetzen, wo sie gebraucht wird - möglichst nah am Menschen. Nicht große Institutionen sollen alles regeln, sondern Menschen sollen befähigt werden, ihr Leben zu gestalten. Das gilt auch für den Dialog der Generationen. Es darf kein Dialog über, sondern muss einer mit Generationen sein. Begegnung, gegenseitige Unterstützung und gemeinsame Projekte sind Ausdruck gelebter Subsidiarität.
Generationenvertrag unter Druck
Aus ihrer Erfahrung als soziale Dienstleisterin und sozialpolitische Akteurin weiß die Caritas: Der Generationenvertrag steht unter Druck. Die Alterung der Gesellschaft, der Fachkräftemangel und die Herausforderungen der Pflege zeigen: Unser soziales Sicherungssystem braucht neue Impulse. Die umlagefinanzierte Rente muss zukunftsfest bleiben - durch gerechte Beiträge, auch von hohen Einkommen, und durch Anerkennung von Lebensleistungen. Gleichzeitig dürfen wir junge Menschen nicht überfordern. Sie brauchen Perspektiven, Sicherheit und Mitgestaltungsmöglichkeiten.
Frühkindliche Bildung ist ein Schlüssel. Wer heute in gute Bildung investiert, legt das Fundament für eine gerechte Gesellschaft von morgen. Kinder und Jugendliche müssen in Familie, Schule und Politik gehört werden. Ihre Stimmen zählen. Ihre Zukunft ist unsere gemeinsame Verantwortung.
Auch in der Pflege zeigt sich, wie wichtig generationenübergreifende Solidarität ist. Pflege darf nicht zur Last einzelner Generationen werden. Was ist uns die Pflege wert? Diese Frage gilt nicht nur der Kind-Generation der Pflegebedürftigen, sondern allen Generationen. Damit verbunden sind faire Arbeitsbedingungen, gute Ausbildung und eine gerechte Finanzierung.
Generationengerechtigkeit hat auch eine ökologische Dimension. Klimaschutz ist keine Kür, sondern Pflicht gegenüber kommenden Generationen. Die Erde muss lebenswert bleiben - für Kinder und Enkel. Nachhaltigkeit beginnt im Alltag und braucht politische Rahmenbedingungen, die ökologisch und sozial ausgewogen sind.
Viele Menschen fühlen sich überfordert: die Jungen durch Leistungsdruck und Zukunftsängste, Ältere durch Einsamkeit und finanzielle Sorgen. Wir dürfen diese Sorgen nicht gegeneinander ausspielen. Stattdessen braucht es Räume für Begegnung, Dialog und gegenseitiges Verständnis.
Es gibt Kräfte, die unsere Demokratie infrage stellen. Unter uns leben noch Menschen, die Krieg, Verfolgung, Unrecht, Zerstörung und Wiederaufbau erlebt haben. Sie sind für Jüngere wichtige Gesprächspartner. Wenn sich junge Wähler zu extremen Parteien hingezogen fühlen, setze ich meine Hoffnung auch auf jene, die erlebt haben, wie Demokratie ein Land voranbringt. Die Caritas kann diesen Dialog mitgestalten.
Generationengerechtigkeit ist ein immer wieder neu zu gehender Weg. Den können wir nur zusammen gehen: mit Generationen, Politik, Gewerkschaften, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Kirche. Kein Akteur wird ihn allein gehen. Und - um das Bild der Schuhe der Kampagnen-Plakate aufzugreifen: Stellen wir uns bitte immer wieder in die Schuhe der anderen. Nehmen wir ihre Perspektive ein, damit wir ein gemeinschaftliches Verständnis von Generationengerechtigkeit entwickeln.