Reportage

Hebammenausbildung

Voller Wertschätzung für das Leben

Einige Frauen sitzten in einem Schulungsraum an Tischen und blicken auf eine Ausbilderin, die einer Schülerin den Einsatz eines Tragetuchs zeigtRobert Boecker

Heute ist es außergewöhnlich ruhig in den Kreißsälen des Vinzenz-Pallotti-Hospitals in Bensberg, als uns die Hebammenschülerinnen durch die Geburtenstation führen. Am Ende des rosa gestrichenen Flures, dessen Farbe die beiden jungen Frauen als "Uterusrot" bezeichnen, hören wir das leise Piepen eines CTG. "Heute sind hier bei uns zwei Babys auf die Welt gekommen. Meist sind jedoch alle Kreißsäle belegt, und wir haben jede Menge zu tun", sagt Leonina Koschützke (26).

Fast 2000 Kinder werden im Vinzenz-Pallotti-Hospital jedes Jahr geboren. Dabei stehen Leonina und ihre Kolleginnen den Frauen bei. Sie unterstützen im Kreißsaal, betreuen die Wöchnerinnen und umsorgen die Neugeborenen. Werdende Mütter und Väter können sich auf die Hebammen verlassen.

Die Hebammenschule des Vinzenz-Pallotti-Hospitals ist eine von insgesamt zehn Hebammenschulen in ganz NRW. Petra Kahlberg-Spix ist seit 17 Jahren Schulleiterin. Sie weiß, dass der Beruf der Hebamme nicht ganz so rosarot ist wie der Anstrich der Geburtenstation: "Wer sich trotzdem für diesen Weg entscheidet, ist eine gute Hebamme. Denn für den ist dieser Beruf eine Berufung."

200 Bewerbungen auf 20 Plätze

Ein Hebamme läuft durch den leeren Flur eines KrankenhausesObwohl die Zahl der Hebammen in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen ist, gibt es Versorgungsprobleme. Ein Grund sind die gestiegene Geburtenzahl und die intensivere Betreuung der Mütter und Babys.Robert Boecker

Hohe Versicherungsbeiträge, Personalmangel, ein zu niedriges Gehalt: Die Liste der Probleme scheint lang. Trotzdem sind die Klassenräume voll. Ende vergangenen Jahres begannen die neuen Auszubildenden. 200 junge Frauen hatten sich auf die 20 ausgeschriebenen Stellen beworben. Insgesamt erlernen zurzeit 40 Auszubildende in drei Ausbildungsjahren den Beruf der Hebamme am Vinzenz-Pallotti-Hospital.

Noch etwas aufgeregt sitzen die Frauen im Unterricht, schreiben fleißig mit, suchen den Austausch. Heute das Thema: Tragehilfen. Sie alle sind fest entschlossen, einen Beruf zu erlernen, der so alt ist wie die Menschheit, der mit zu den wichtigsten Berufen überhaupt gehört. Und über den Zeitungen gerade schreiben: "Hebamme - ein aussterbender Beruf?".

Barbara Blomeier ist Vorsitzende des Landesverbandes der Hebammen NRW. Sie weiß, wo es hakt: "Die Politik muss den Willen haben, Hebammen zu fördern. Dazu gehören beispielsweise eine Akademisierung des Berufs und somit auch ein anständiges Gehalt. Der Bund regelt außerdem, was die Krankenkassen für die Finanzierung der Geburtshilfe in den Kliniken zu zahlen haben. Und genau diese Finanzierung muss in Zukunft anders aussehen!"

Kliniken und Politik müssen handeln

Wenn es nach Barbara Blomeier ginge, müsste zudem jedes Krankenhaus verpflichtet werden, Geburtshilfe anzubieten. Ebenso sieht sie die Kliniken in der Pflicht: "Krankenhäuser müssen attraktive Arbeitsbedingungen schaffen. Dann haben sie auch künftig keinen Personalmangel." Auch die Kommunen tun ihrer Meinung nach noch zu wenig. "Sie müssten die Hebammenleistungen besser koordinieren. Es gibt gelungene Beispiele. Leider sehen noch zu wenige die Dringlichkeit." Als Vorsitzende des Landesverbandes kämpft sie für bessere Bedingungen in diesem Beruf. Große Hoffnung legt sie momentan in den Gesundheitsminister, der versprochen hat, die Geburtshilfe bald anzugehen. "Noch ist es einfach ein Desaster!"

Zwei Hebammen befinden sich in einem Krankenzimmer und führen eine Übung durch. Dabei sitzt eine Hebamme auf einem Bett und lehnt die zweite sich an einem Seil festhaltende Hebamme nach vorne.Das uralte Hebammenwissen ist kulturübergreifend – Sprachprobleme lassen sich beheben.Robert Boecker

Und trotzdem sind sich die Schülerinnen am Vinzenz-Pallotti-Hospital einig: "Nein, dieser Beruf wird niemals aussterben!" Nur die Steine, die den Hebammen in den Weg gelegt werden, die werden größer. "Ich warte auf eine Revolution", sagt Madeleine Mroch (25). Ihre Augen blitzen. "Krankenhäuser schließen ihre Geburtenstationen, weil sie völlig überlastet sind. Hebammen kümmern sich um bis zu sechs Frauen gleichzeitig. Das verändert den ganzen Beruf. Ich möchte eine Familie ganzheitlich betreuen. Eine gute Betreuung am Anfang eines neuen Lebens prägt die gesamte Familiensituation."

Sie lässt ihre Fäuste auf den Tisch fallen und holt tief Luft: "Geburt ist ein heiliger Raum. Ein Wunder. Wir müssen dem wieder mehr Aufmerksamkeit schenken." Petra Kahlberg-Spix lächelt. Sie schätzt den Kampfgeist ihrer Schülerinnen. Die Power, mit der sie für ihre Sache und für die Sache aller Familien kämpfen: Wertschätzung in den Kreißsälen, Wertschätzung für das neue Leben.

Wertschätzung für den Beginn des Lebens

Als die Hebammenschule 1989 gegründet wurde, hatte das Konzept der familienorientierten Geburtshilfe überzeugt. Auch heute ist es eine Grundhaltung, der sich die Schülerinnen verpflichtet fühlen. "Als katholische Einrichtung spürt man hier noch mehr Wertschätzung", sagt Leonina Koschützke. Die Frauen könnten hier auf die Art und Weise gebären, die sie sich wünschten. "Sie können hier eine normale Geburt erleben - trotz Beckenendlage, auch mit Zwillingen. Hier gibt es eine Kapelle, die von uns Hebammen, aber auch von werdenden Müttern aufgesucht wird", erzählt sie. Nicht nur in Momenten der Trauer, auch aus Dankbarkeit.

"Aufgedrückt wird hier niemandem etwas, aber wenn man etwas braucht, ist es da", versucht die Hebammenschülerin das zu beschreiben, was sie den "Bensberger Geist" nennen und warum so viele Frauen ausgerechnet hier ihr Kind auf die Welt bringen möchten. Madeleine Mroch sagt, eigentlich sei das alles ganz normal: "Die Wertschätzung für den Beginn des Lebens hochhalten", darum gehe es hier in Bensberg, um nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Anna Woznicki

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