Caritas in NRW

28 Jahre selbst erlebt

"Für zwei Jahre kann man das ja mal machen …"

Porträt: Petra KeuthageSeit 28 Jahren arbeitet Petra Keuthage in der Schwangerschaftsberatung – aus Überzeugung und mit Leidenschaft.Privat

Ich bin von Herzen gerne Schwangerschaftsberaterin. Dabei war ich zu Beginn meiner Tätigkeit davon überzeugt, dass ich diese Arbeit nur als Sprungbrett in die allgemeine Lebensberatung nutzen würde. "Für zwei Jahre kann man das ja mal machen …", dachte ich. Das Thema Schwangerschaft erschien mir viel zu speziell.

Durch die Praxis wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Eine Schwangerschaft ist häufig nur die Lupe, durch die die verschiedenen Fragen und Schwierigkeiten des Lebens von Frauen auf einmal überdeutlich werden. Ein paar Beispiele aus der Praxis:

  • Der Partner war schon immer unzuverlässig und selbstbezogen. Für mich immer noch besser, als alleine zu sein. Aber als Vater für mein Kind? Das geht gar nicht!
  • Meine Einkommenssituation ist schon länger ungeklärt. Ich habe keine Ausbildung und schlage mich so durch. Mir kann ich das zumuten. Aber meinem Kind soll es mal besser gehen! Ich brauche Perspektiven …
  • Eigentlich besteht mein Leben nur aus Arbeit, ich weiß gar nicht mehr, was mir sonst noch Sinn gibt. Wie soll da ein Kind reinpassen?
  • In unserer Familie herrscht Sprachlosigkeit. Ich sehe zu, dass ich unter dem Radar meiner Eltern bleibe, damit ich meine Freiheit habe. Aber jetzt bin ich ungeplant schwanger! Wie soll ich ihnen das sagen? Werden sie mich überhaupt unterstützen? Was, wenn nicht?
  • Mein Arbeitgeber hält sich nicht an die Mutterschutzgesetze. Was kann ich tun?
  • Ich dachte immer, wir sind ein cooles Paar! Und kaum bin ich schwanger, ist er auf einmal weg … Ich bin so traurig und wütend! Ich weiß auch gar nicht, was ich alles regeln muss und wo ich anfangen soll.
  • Der Arzt hat mir eine Fruchtwasseruntersuchung empfohlen. Heißt das, mit meinem Kind stimmt was nicht? Und was mache ich, wenn das so ist? Ich mache mir solche Sorgen!
  • Zu Beginn der Beziehung hat mein Mann mich umworben und war sehr charmant. Aber seit wir verheiratet sind, will er mich mehr und mehr kontrollieren und wird aggressiv. Gestern hat er mich das erste Mal geschlagen …
  • Ich hatte eine Fehlgeburt und bin untröstlich. Aber das Traurigsein ist schwierig; alle sagen: Du bist doch noch jung …
  • Ich habe keine Krankenversicherung, und die Schwangerschaft ist so teuer!

Das ist nur ein Bruchteil der häufigen Themen, immer wieder gibt es Neues und Überraschungen. Ich war überrascht, wie vielfältig die Herausforderungen in der Schwangerschaftsberatung sind. Ein Stellenwechsel von Düren nach Wattenscheid brachte dann auch menschlich neuen Wind. Die Menschen im Ruhrgebiet erschienen mir viel direkter, viel zupackender, irgendwie solidarischer. So machte es viel Spaß, gemeinsam mit den Klientinnen nach Lösungen zu suchen.

Leider hat sich diese Haltung im Lauf der Jahre verändert, das Gefühl für die Selbstwirksamkeit der Familien, also die Überzeugung, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können, hat meiner Wahrnehmung nach abgenommen. Ich begegne sehr vielen isolierten Menschen.

Meine eigenen Schwangerschaften und die Elternzeit veränderten meine Perspektive und Tiefenwahrnehmung. Als ich wieder zurückkam, hatte ich den Eindruck, die Komplexität der Situationen noch besser erspüren zu können. Mein Verständnis für Ambivalenz hatte sich eindeutig erhöht.

Natürlich entwickeln sich Routinen und Sicherheit im Laufe des Berufslebens und sorgen für eine gewisse Un­erschrockenheit. Fort- und Weiterbildungen, Supervision und kollegialer Austausch öffnen neue Wege. Das ermöglicht dann die Freiheit, neue Formate zu entwickeln, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, querzudenken. So haben wir ständig unsere Angebote an neue Bedarfe angepasst. Tolle Kooperationen auf kommunaler und Bistumsebene haben sich entwickelt. Es gibt jede Menge spannende und anregende Begegnungen mit Klientinnen und Kolleginnen.

Was ich ganz besonders schätze, ist die Möglichkeit, schon zu Beginn der Familiengründung unterstützen zu können. In dieser Lebensphase werden viele Weichen gestellt …

Langeweile bleibt ein Fremdwort, und ich bleibe in der Schwangerschaftsberatung!

Petra Keuthage