Reportage

Ohne Grenzen

Männer müssen draußen bleiben

Eine Gruppe von acht Frauen sitzt mit zwei Kindern auf einem Spielplatz in der Essener Gruga zusammenAusgelassene Stimmung bei den Frauen während des Gruga-Ausfluges. Im Vordergrund (r.) Fatima Edris, links ihre Freundin Nesrin Atek.Christoph Grätz

Gemeinsam mit einer Kollegin und einer Ehrenamtlichen steht Kirsten Kremer vor der Gruga in Essen und wartet auf eine 50-köpfige Gruppe von Frauen und Kindern. Eine Aktion, die das vierköpfige Team der Schwangerschaftsberatungsstelle in Gelsenkirchen gemeinsam mit seinen ehrenamtlichen Familienlotsinnen organisiert hat. Dann kommen die Ersten die elend lange Rolltreppe hoch. "Wir haben den Aufzug nicht gleich gefunden."

Es dauert einfach alles etwas länger bei einer Gruppe von 18 jungen, zum Teil schwangeren Frauen und 30 Kindern, davon zwölf im Kleinkindalter. Und das bei 30 Grad. Trotzdem sind alle bester Laune und freuen sich auf den Besuch in der Gruga. Die Frauen kommen zum größten Teil aus Syrien, aber auch aus Ländern wie Eritrea, Albanien, Irak, Sudan und Marokko.

Sie treffen sich jeden zweiten und vierten Donnerstag im Monat von 9 bis 12 Uhr im "Café ohne Grenzen" in den Räumen der Gemeinde Heilige Familie in Gelsenkirchen- Bulmke-Hüllen. Unter ihnen sind eine Islamwissenschaftlerin, eine Tierärztin und Lehrerinnen. Einige haben in Familienbetrieben gearbeitet. Das Projekt für geflüchtete schwangere Frauen oder Mütter mit bis zu dreijährigen Kindern wird mit 5100 Euro aus dem Flüchtlingshilfefonds des Bistums Essen gefördert. Den Ausflug heute ermöglicht eine Spende der Bundeszentrale des SkF

Porträt: Kirsten KremerSozialarbeiterin Kirsten Kremer vom SKFM Gelsenkirchen: seit 30 Jahren nahe bei den MenschenChristoph Grätz

"Wir haben 2016 das Projekt in Kooperation mit dem Familienzentrum ‚Heilige Familie‘ ins Leben gerufen, weil wir in der Beratung einen hohen Bedarf an Austausch gesehen haben", erklärt Kirsten Kremer. "Die Frauen bewegen sich in ihrem kleinen Kosmos zwischen Arztbesuchen, Schule, Kita und Einkaufen; die Männer haben zum Beispiel über Sprachkurse weit mehr Kontakte außerhalb der Familie. Die Frauen können keinen Sprachkurs besuchen. Ihnen bleibt das einsame Lernen über Youtube und KiKa. Was wir anbieten, sind ganz lebenspraktische Sprachübungen mit Rollenspielen beim Arzt oder im Bürgeramt. Das ersetzt nicht einen Sprachkurs, aber es ist ein Anfang. Die Frauen werden spürbar selbstständiger und damit auch selbstbewusster. Wir reden hier auch über Themen wie Frauenrechte und Stellung der Frau in Deutschland und vergleichen die Situationen in den Herkunftsländern der Frauen."

"Am Anfang haben einige Männer ihre Frauen begleitet, mussten aber an der Tür Tschüss sagen", erklärt Kremer. "Wir haben einfach eine andere Gesprächsatmosphäre ohne Partner, so können die Frauen mit Hilfe unserer Sprachmittlerin auch ihre Themen besprechen. Ansonsten wird hier darauf geachtet, dass Deutsch gesprochen wird."

Inzwischen sind im Café auch Freundschaften entstanden. Die Frauen haben eine eigene WhatsApp-Gruppe gebildet. "Für viele", weiß Kremer, "sind wir der wichtigste Kontakt zu Deutschen." Wie für Fatima Edris (29) und Nesrin Atek (38). Die beiden Syrerinnen sind heute beim Ausflug in der Gruga dabei, obwohl ihre Kinder schon deutlich älter sind als die der meisten anderen Frauen. Nesrin aus Damaskus sagt: "Ich wollte von Anfang an Kontakt zu den Deutschen. Ich will alles verstehen, wenn ich beim Arzt, in der Schule oder in der Kita bin. Das Café hat mir geholfen, hier anzukommen", sagt die alleinerziehende Mutter zweier Kinder im Alter von von sechs und zehn Jahren, die inzwischen seit zweieinhalb Jahren in Deutschland ist und seit einem halben Jahr das Café besucht.

Ihre Freundin Fatima ergänzt: "Wir bekommen hier wichtige Informationen zum Leben in Deutschland, zum Beispiel worauf wir beim Schulbesuch der Kinder achten sollen oder wie das Gesundheitssystem funktioniert." Die 29-Jährige, die seit März 2017 mit Mann und zwei Kindern in Deutschland ist, möchte eine Ausbildung zur Friseurin machen. Sie hat vor ihrer Flucht in Aleppo in einem Salon gearbeitet.

Ein Mädchen steht auf einer Statue in der Essener Gruga und streckt die Arme in die Luft. Ein weiteres Kind klettert auf die Statue, zwei weitere Kinder und eine Frau mit Handy stehen davor.Schnappschüsse eines gelungenen Tages: Nesrin Atek fotografiert für das digitale Familienalbum.Christoph Grätz

Fatima und Nesrin haben sich im Deutschkurs kennengelernt. Es gibt immer noch viele Dinge in Deutschland, die sie verwundern. "Wir verstehen nicht, warum es hier kein soziales Leben gibt", sagt Nesrin. "Bei uns in Syrien gibt es keine Altenheime, die Familien bleiben zusammen. Es ist doch traurig, wenn man alt ist und die Kinder einen verlassen." Sie wünscht sich, nach dem Abschluss des B2-Sprachkurses in einem Bekleidungsgeschäft zu arbeiten.

"Wir können den Frauen natürlich nur Starthilfen geben", sagt Kirsten Kremer. "Wir informieren über das Leben in Gelsenkirchen und geben praktische Infos: Wo finde ich was? Ämter, Beratung und Freizeitangebote." So lädt das Café regelmäßig Gäste ein, wie Familienhebammen oder eine Kinderärztin, bei denen die Frauen ihre Fragen zum Baby loswerden können. Exkursionen im Nahbereich, wie etwa zur Stadtbibliothek in Gelsenkirchen oder zum städtischen Familienbüro, zeigen, welche kostenlosen Angebote die Familien nutzen können. "Bei Problemen mit Behörden, in der Familie oder Partnerschaft wissen die Frauen: Wir sind da. Die zwanglose Frühstücksatmosphäre hilft, auch kritische Themen anzusprechen: So berichten die Frauen auch gelegentlich von Anfeindungen und Unfreundlichkeit."

Der Nachmittag in der Gruga geht zu Ende. Geschafft und glücklich fahren die Frauen mit ihren Kindern und Begleiterinnen mit der Gruga-Bimmelbahn zurück zum Ausgang. Laut singend und immer noch bester Laune.



Weitere Beiträge zum Thema "Migration und Integration" finden Sie hier in unserem Themendossier.