Wissen, was der andere fühlt
Matthias Bohle spricht bei der Schulung „Prävention von Gewalt und sexualisierter Gewalt“ auch über die persönlichen Empfindungen der Angestellten.Foto: Michael Bönte
Das hier ist das Herzstück der Präventionsarbeit der Freckenhorster Werkstätten für Menschen mit Behinderung: 16 Teilnehmende aus den verschiedenen Angeboten der Caritas-Einrichtung sind zur Schulung "Prävention von Gewalt und sexualisierter Gewalt" in das Bürgerhaus nach Ahlen-Vorhelm gekommen. Ein intensiver Tag voller Selbstreflexion, Diskussionen, Regularien, Vorschriften und Verhaltenshinweisen.
Es wird alles in den Blick genommen, was das Themenfeld sexualisierte Gewalt umfasst. Ein weites Feld, bei dem die Grenzen immer wieder genau auszuloten und zu bestimmen sind. Grundsätzlich liefert die Präventionsordnung des Bistums Münster exakte Vorgaben. "Für einzelne Einrichtungen, gerade auch im Umgang mit Menschen mit Behinderung, müssen diese aber oft konkretisiert und angepasst werden", berichten Antje Möller und Matthias Bohle. Die Mitarbeitenden des Sozialen Dienstes haben sich vom Caritasverband für die Diözese Münster zu Schulungsreferenten und Präventionsfachkräften ausbilden lassen. "Wir erfahren in den Schulungsgesprächen immer wieder von Situationen, in denen die Teilnehmenden Grenzen unterschiedlich bewerten, und diskutieren über Handlungsempfehlungen, wie wir speziell in unserem Arbeitsumfeld mit dieser Tatsache umgehen können."
Menschen empfinden unterschiedlich
Und so gehört ein Großteil dieser Schulung auch der individuellen Auseinandersetzung mit Fragen nach Grenzen, persönlichen Einschätzungen und Berichten von Situationen aus dem eigenen Arbeitsumfeld. "Jeder nimmt Dinge anders wahr, bewertet sie anders, reagiert anders", sagt Möller. Kurz: Der eine findet den blöden Witz schon grenzüberschreitend, ein anderer bewertet erst einen intensiven Körperkontakt so. "Nur wer sich bewusst damit auseinandersetzt, kann ein Gefühl dafür entwickeln, wie unterschiedlich Menschen in diesen Situationen empfinden."
Sophie Schröder nimmt wichtige Informationen mit in ihre Arbeit als Heilerziehungspflegerin.Foto: Michael Bönte
Damit ist der wohl schwierigste Teil im Umgang mit sexualisierter Gewalt beschrieben: die Wahrnehmung einer entsprechenden Situation. Ab wann und in welcher Form wird ein Ereignis als übergriffig empfunden? Von wem? Wer ist involviert? Es gibt noch viele weitere Fragen zu klären, für die es Verantwortliche und einen verbindlichen Handlungsrahmen geben muss. Um traumatisierende Erfahrungen zu verhindern, aber auch um Vorverurteilungen zu vermeiden. Der Schutz der Betroffenen steht an erster Stelle, die Situation der beschuldigten Person muss aber gleichzeitig mit Bedacht im Blick gehalten werden.
Für den Weg nach dieser Bewertung gibt es klare Vorgaben. Ein Handlungsleitfaden hilft den Mitarbeitenden dabei. Er beginnt bei der Aufforderung, besonnen und reflektiert zu handeln, und endet bei der Auswertung der Gesamtsituation. Dazwischen werden das Vorgehen bei der weiteren Beurteilung, genaue Meldeketten, die Bildung einer hausinternen Fallkonferenz, mögliche alternative Ansprechpersonen, Datenschutz oder Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsbehörden beschrieben.
"Der Leitfaden muss so komplex sein, weil die Situationen von sexualisierter Gewalt so komplex sind", sagt Bohle. "Es gibt viele Punkte, an denen neu entschieden werden muss, wie die einzelnen Fälle weiter zu behandeln sind." Gerade in der Einrichtung für Menschen mit Behinderung sei genaues Hinschauen wichtig, sagt Bohle. "Kognitive Einschränkungen und fehlende Möglichkeiten der Bewertung erschweren situative Einschätzungen." Umso wichtiger sei ein achtsamer Umgang, um Übergriffigkeit sensibel wahrzunehmen oder auffälliges Verhalten von Schutzbedürftigen bewerten zu können.
Nähe und Distanz wahrnehmen
Martin Weissenberg beschreibt die Entwicklung der Einrichtungen für Menschen mit Behinderung im Umgang mit dem Thema der sexualisierten Gewalt.Foto: Michael Bönte
Eine große Herausforderung dabei: das Abwägen von Nähe und Distanz in der Betreuung und Pflege von Menschen mit Beeinträchtigungen. Die Hand auf der Schulter tut dem einen gut und stabilisiert ihn, der andere fühlt sich dabei bereits machtlos und ausgeliefert. "Eine falsche Schlussfolgerung wäre, ganz auf Kontakt zu verzichten", sagt Bohle. Er kennt die Reaktion von Kollegen, die entsprechenden Vorwürfen ausgesetzt waren: "Jetzt mach ich gar nichts mehr, wenn ich gleich verdächtigt werde."
"Einvernehmlich" ist ein Wort, das in der Präventionsschulung oft fällt. Es gilt immer zu klären, wie das Gegenüber das eigene Handeln empfindet. Eine Grundeinstellung, die von allen Mitarbeitenden erwartet wird - ob pädagogische Fachkraft oder technischer Angestellter. "Denn das größte Pfund, das wir haben, sind achtsame Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", sagt Bohle. "Auf diese Facette schauen wir schon bei den Bewerbungsgesprächen." Ein Verhaltenskodex, der von den Angestellten unterschrieben wird, konkretisiert diese Anforderung.
Eine solche Auseinandersetzung war in den Werkstätten lange Zeit kein Thema, sagt Martin Weißenberg. "Die Entwicklung eigener Präventionsmaßnahmen haben viele als aufgezwungen empfunden", meint der Werkstattleiter in Freckenhorst. "Es war wie ein Druck, auf die Missbrauchsfälle im kirchlichen Kontext reagieren zu müssen." Die Einschätzung sei mittlerweile einer Überzeugung gewichen. "Wir wissen jetzt, wie wichtig Auseinandersetzung, Regelung und Transparenz sind - sie machen handlungsfähig."
Mit den 16 Teilnehmenden in Vorhelm sind es jetzt fast 400 Angestellte der Freckenhorster Werkstätten, die in den vergangenen fünf Jahren die Präventionsschulung absolviert haben. Das ist annähernd die gesamte Belegschaft. Die Kurse werden im Jahresrhythmus angeboten und müssen regelmäßig wiederholt werden. Sophie Schröder ist eine von jenen, die am Abend mit neuem Rüstzeug von der Schulung heimkehren. "Ich habe hier einen Leitfaden bekommen, auf den ich mich immer verlassen kann", sagt die 25-jährige Heilerziehungspflegerin. "Sonst würde ich vielleicht vorschnell aus Emotionen handeln, so kann ich reflektierter und sachlicher reagieren."