Blinde Flecken finden
Das System kirchlicher Aufarbeitung ist grundbeschädigt durch die Erfahrungen von Betroffenen mit der verfassten Kirche in den letzten 15 Jahren. Aufarbeitung ist geprägt durch Verrechtlichung, Intransparenz und einen starken Fokus auf Institutionsschutz statt auf die Betroffenenperspektiven", so Bruno Schrage. Der Referent für Caritaspastoral beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln sagt, Aufarbeitung werde immer noch zu oft als juristischer Prozess gedacht: Anerkennung durch Plausibilisierung, Begutachtung, Entschädigungssummen - und dann Abschluss. Aufarbeitung bedeutet aber zuallererst, die Betroffenen vorbehaltlos wahrzunehmen, mit ihnen aufzuarbeiten, was gemeinsam zugänglich ist, und so anzuerkennen, was Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft zu verantworten haben.
Zusammen mit der Diakoniewissenschaftlerin Astrid Giebel, Theologin in der Diakonie Deutschland, hat Diplom-Theologe Schrage über 50 Autorinnen und Autoren gewinnen können, die aus unterschiedlichen Perspektiven fragen, wie sich der Blickwinkel weiten ließe hin zu einem "echten Lernprozess" der Organisationen.
Schrage spricht von "blinden Flecken" bei Caritas und Diakonie, die es auszuleuchten gilt:
Vieles, was nottut in Prävention und Aufarbeitung, wird heute gesehen, aber Verantwortliche müssen sich eine Lernbedürftigkeit eingestehen. Einer dieser blinden Flecken ist das fehlende Geschichtsbewusstsein in der Sozialarbeit. Es fehlt oft an einer systematischen Archivierung und an Kassationsordnungen. Akten wurden vernichtet, vergessen oder nie sauber geführt. "Für Betroffene wirkt das verheerend: wie Mauern und Verschleppen - tatsächlich ist es oft Ausdruck organisatorischer Unfähigkeit, die eigene Geschichte ernst zu nehmen", sagt Schrage. Ohne Akten aber keine Rekonstruktion, ohne Rekonstruktion keine Anerkennung.
Bruno Schrage (Caritas) ist selbst in der konfessionellen Wohlfahrt tätig und erleben dort unterschiedliche Formen des Umgangs mit Betroffenen.Foto: Caritas
Spiritueller Missbrauch
Ein weiterer blinder Fleck: spiritueller Missbrauch. In den "Leitlinien des Deutschen Caritasverbandes für den Umgang mit sexualisierter Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen" taucht der Begriff nicht auf. Dabei beginnt spiritueller Missbrauch dort, wo jemand beispielsweise eine Beratungssituation für Menschen in (existenziellen) Lebenskrisen mit geistlicher Autorität auflädt - und diese Macht nutzt, um Abhängigkeiten zu schaffen. In kirchlichen Kontexten - und eben auch bei Caritas und Diakonie - kann dieses Phänomen als "pastorale Macht" spürbar sein: Wer spricht, spricht scheinbar "im Namen Gottes". Geistlicher und sexueller Missbrauch wurzeln beide in Machtasymmetrien.
Zentral für das Lernen einer Organisation aus dem Umgang mit der eigenen Geschichte ist der Blick auf Betroffene. Schrage konstatiert: Scham, Angst und Misstrauen sind noch immer stärker als die Erfahrung, gehört zu werden: "Die Macht der Täter wird erst gebrochen, wenn Betroffene und ihre Erfahrungen öffentlich anerkannt werden. Nicht durch anonymisierte Institutionsgutachten, sondern durch konkrete geschützte Einzelfallaufarbeitung." Erst dann können Betroffene das Erlebte einordnen - und erkennen, dass die Schuld nicht bei ihnen liegt, sondern bei den Tätern und den Ermöglichungsstrukturen, für die Institutionen auch Jahrzehnte später Verantwortung tragen.
Und wie funktioniert das bestehende Aufarbeitungssystem? Auch hier eine Art "blinder Fleck", weil ein Lerneffekt für die Einrichtung oft ausbleibt: Anzeigen wandern vom Träger zur Diözese, von dort zur Unabhängigen Kommission - oft dauert es drei bis vier Jahre, bis ein Verfahren an ein Ende kommt. Betroffene müssen ihre Geschichte mehrfach erzählen, was immer wieder retraumatisierend wirkt. Gleichzeitig erfahren Träger oft nur das Ergebnis - etwa eine Zahlung -, aber nicht, was strukturell im Detail schiefgelaufen ist. Lernen der Institution wird so unmöglich.
Mitarbeitende in den Blick nehmen
Astrid Giebel (Diakonie) ist selbst in der konfessionellen Wohlfahrt tätig und erleben dort unterschiedliche Formen des Umgangs mit Betroffenen.Foto: privat
In Aufarbeitungsprozessen zeigt sich: Manchmal sind Mitarbeitende selbst Betroffene aus anderen Kontexten. Sie haben soziale Berufe gewählt, weil sie es "besser machen" wollten. Wird im eigenen Träger Missbrauch bekannt, werden auch sie getriggert - eine zweite, oft übersehene Betroffenheitsschicht entsteht. Geschäftsführungen sind darauf meist nicht vorbereitet. "Sie brauchen Beratung, Mediation und Begleitung - nicht nur juristische Leitfäden", sagt Schrage. Darin liege eine Chance: "Glaubwürdigkeit zu behalten, entscheidet sich danach, wie Organisationen mit Fehlern umgehen. Dann werden zum Beispiel junge Mitarbeitende sagen: ‚Die stehen zu ihren Fehlern, die haben ihre christlichen Ideale nicht verloren, sondern in der Aufarbeitung gezeigt, was ihre Ideale sind.‘"
Betroffenenbeteiligung
Aufarbeitung geht nur unter Beteiligung von Betroffenen. Doch was bedeutet das? Information? Beratung? Mitentscheidung? Oder paritätische Gremien? Viele Träger haben Angst, durch konsequente Aufarbeitung Forderungen auszulösen, die sie finanziell ruinieren. Doch die Erfahrung zeigt: Die Betroffenen wollen keine Zerstörung von sozialen Einrichtungen. Sie wollen Sicherheit, dass sich das Geschehene nicht wiederholt - und dass ihre Erfahrungen in Präventionskonzepte einfließen.
Auch theologische blinde Flecken lassen sich identifizieren. Die Kirche sei nach "Lumen Gentium" (lat. "Licht der Völker" = dogmatische Konstitution über die Kirche) "Zeichen und Werkzeug". "Die Bischöfe legen Wert auf das Zeichen, das makellos erscheinen muss", schreibt der Freiburger Caritas-Theologe Klaus Baumann in einem Artikel. So werde eine Fehlerkultur blockiert. Würde sich die Kirche stärker als "Werkzeug" verstehen - als Dienstleister, der irren darf -, wäre echte Aufarbeitung möglich. "Das könnten wir als Caritas besser."
Schrage und Astrid Giebel arbeiten gemeinsam an einem Buchprojekt, das diese und weitere "blinde Flecken" beleuchtet. Es versammelt Stimmen aus unterschiedlichen Kontexten: Betroffene, Fachstellen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Verantwortliche aus Caritas und Diakonie, aber auch Beiträge aus anderen Systemen - etwa aus dem Militär -, um Machtstrukturen vergleichend zu betrachten. Ziel ist kein Abrechnungsband, sondern ein Lernbuch: für Träger, für Mitarbeitende, für Kirche und Gesellschaft.
Am Ende steht eine klare Haltung: Aufarbeitung ist kein Projekt mit Enddatum. Sie ist ein jahrzehntelanger Prozess. Sie gelingt nur, wenn Institutionen bereit sind, Kontrolle zu teilen bzw. abzugeben, Betroffenen zu vertrauen und eigene Ideale im Handeln zu beweisen. Nicht im Gegenüber, sondern im Miteinander.
Lernprozesse in der konfessionellen Wohlfahrtspflege
Wie gehen die vielfältigen Träger von Diakonie und Caritas mit dem Thema des geistlichen Machtmissbrauchs und sexualisierter Gewalt um? Vieles Erforderliche in Prävention, Aufklärung und Aufarbeitung wird heute gesehen, aber ebenso gibt es blinde Flecken.
Diakonie und Caritas sind in einem Lernprozess, in dem Verantwortliche sich ihre Lernbedürftigkeit eingestehen sollten, um notwendige Prozesse gemeinsam mit Betroffenen zu gestalten. Daher die Initiative zu diesem Buch, in das unterschiedliche Personen ihre jeweiligen Blickwinkel eintragen und aus eigenem Erleben, beruflicher Praxis und aktueller Forschung hilfreiche Hinweise zur Weiterarbeit geben.
Giebel, Astrid / Schrage, Bruno (Hg.): Blinde Flecken. Geistlicher Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt in der konfessionellen Wohlfahrtspflege.
Das Buch erscheint in Kürze im Lambertus-Verlag, Freiburg.
