Die Hölle seiner Kindheit quält ihn immer noch
Udo Keinhörster: "Ich war schutzlos dem System dort ausgeliefert."Foto: Michael Bönte
Zwischen diesen Momenten liegen etwa 50 Jahre. Damals rannte der kleine Udo in den Wald bei Oer-Erkenschwick, um sich zu verstecken. Stundenlang, die ganze Nacht, ohne Schlaf. "Ich hatte panische Angst dort draußen", sagt Udo Keinhörster heute. "Aber es war alles besser, als im Heim zu bleiben." Heute geht der 57-Jährige oft in die Wälder rund um seinen Wohnort Bad Lippspringe. Dann wandert er, schaut hinauf in die Bäume und atmet tief durch. "Dann finde ich Ruhe."
Zwei Momentaufnahmen, die weit voneinander entfernt scheinen. Und doch sind sie eng miteinander verbunden. Denn zwischen ihnen liegen Jahrzehnte, in denen sich sein Leben immer um jene grauenvolle Zeit drehte, die er als Kind und Jugendlicher erleben musste. Bewusst und unterbewusst. "Ein unbeschreiblicher Kampf", nennt Keinhörster das. "Er wird wohl nie vorüber sein."
Mit Tabletten "ruhiggestellt"
Er war zwei Jahre alt, als er mit seinem Zwillingsbruder wegen der Gewalt in seinem familiären Umfeld in ein Kinderheim der katholischen Pfarrgemeinde kam. In ein Lebensumfeld strenger Regeln und harter Erziehungsmethoden. "Ich war schutzlos", sagt Keinhörster, "dem System dort ausgeliefert, ohne mich jemandem mit meinen Ängsten und Sorgen anvertrauen zu können."
Vieles von dem, was er dann erlebte, hat er erst später realisieren können. Weil er es verdrängen musste, um zu überleben. "Es war mehr als die Hölle", kann er es heute beschreiben - erst nach Jahren der Recherchen, Aufarbeitung und Therapien.
Udo Keinhörster wurde in dem Heim unter dem Dach der Caritas mit Medikamenten ruhiggestellt. "Ich war rastlos, aufmüpfig und aggressiv." Sicher eine Folge seiner Lebenssituation. Mit den Tabletten war er immer "leicht sediert", sagt er. "Unkonzentriert, teilnahmslos, manchmal apathisch." In den Heimakten fand er bei einer Recherche ein Gutachten seiner Grundschule mit einer Passage, die seinen Zustand beschreibt: "Udo wirkt stumpfsinnig und ebenfalls nur schwer zu aktivieren. (…) Peter (sein Zwillingsbruder, Anm. der Redaktion) erkundigt sich oft bei uns, ob sein Bruder geistig behindert ist."
Es war jener Mann, der ihm in dieser Lebenssituation eigentlich helfen und ihn stärken sollte, der dies perfide ausnutzte. Einmal in der Woche kam der Heilpädagoge, Psychologe und Priester ins Heim, um sich jenen Kindern zu widmen, die als auffällig galten. "Im Wohnzimmer, das abgeschlossen wurde", erzählt Keinhörster. "Eine halbe, vielleicht eine Stunde." Die betroffenen Kinder versteckten sich vor ihm. Wollten nie die Ersten sein. "In der Hoffnung, dass er sich dann schon abgearbeitet hatte."
Udo Kleinhörster: "Ich will spüren, dass nicht ich das Problem war und bin, sondern die Täter und die Strukturen, die sie deckten."Foto: Michael Bönte
"Abgearbeitet." Ein Wort, das den Taten nicht gerecht wird. Die Betroffenen mussten sich ausziehen, wurden im Intimbereich abgetastet, mussten ihn intim anfassen, auf seinem Schoß sitzen … "Am Anfang war er noch vorsichtig, aber er wagte sich von Woche zu Woche weiter vor." Bis zum schweren Missbrauch.
Der Täter konnte sich sicher fühlen. Die Ordensschwester, die das Heim leitete, ließ keine Zweifel an der Integrität des Geistlichen aufkommen. Nachfragen von Erzieherinnen, die bemerkten, wie verstört die Kinder aus der Behandlung kamen, wies sie schroff zurück. Wenn die Kinder selbst rebellierten, wurden sie hart bestraft. "In die Kammer, ohne Licht, ohne Essen", erinnert sich Keinhörster. "Was hinter der verschlossenen Wohnzimmertür geschah, musste dahinter bleiben."
Auch er wurde rebellisch. Eine Szene zeigte aber seine Hilflosigkeit: "Ich rannte nackt um den Wohnzimmertisch und drohte ihm, mich aus dem offenen Fenster zu stürzen." Die Folge war eine harte Bestrafung: "Hunger, Dunkelheit, Einsamkeit". Noch schlimmer: "Mir wurde vermittelt, dass ich das Falsche machte, einen Priester verunglimpfte, verrückt sei." Ihm wurde vermittelt, dass er allein die Schuld an den Geschehnissen trage. Eine Woche später saß er mit dem Täter wieder allein im Wohnzimmer.
Sechs Jahre musste er dies über sich ergehen lassen. Als Keinhörster 14 Jahre alt war, ging der Täter in eine andere Einrichtung. Doch die Leiden des Jungen waren damit nicht beendet. In den kommenden vier Jahren missbrauchte ihn auch der neue Psychologe. "Oft noch viel schlimmer." Und wieder beschreibt ein Satz die gesamte Grausamkeit der Taten und des Systems, das diese ermöglichte: "Keiner schritt ein, obwohl die Schwestern in der Wäscherei doch das Blut in meiner Unterhose sahen."
Das Geschehene hat er über Jahrzehnte verdrängt
Mit 18 Jahren dann der große Einschnitt: "Ich verließ die Schule, machte eine Lehre, war raus aus dem System." Seine Schwester half ihm, über die Medikamente Klarheit zu bekommen, die er bis zuletzt nehmen musste. "Die Ärzte waren erschrocken, dass ich eine solch starke Medikation über so viele Jahre genommen hatte - zudem ohne ärztliches Rezept, denn die Täter waren Psychologen und keine Mediziner."
Ein Karton voll Aufarbeitung: Udo Keinhörster hat die vielen Dokumente und Berichte aus den Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit gesammelt.Foto: privat
Es ging bergauf. "Ich wurde fitter, konnte mich endlich konzentrieren." Aus dem lethargischen Jungen wurde ein vitaler junger Mann mit guten Noten in der Berufsschule. Diese Entwicklung blieb. Er fand einen Job, zog weg aus der belastenden Umgebung, heiratete. Und vergrub das Geschehene tief in seinem Unterbewusstsein. "Um das alles in meinem Kopf nicht noch einmal erleben zu müssen."
Aber Keinhörster musste davor wegrennen, immer schneller. "Ich hatte zwei Jobs, damit ich ständig funktionierte, nicht ins Nachdenken kommen konnte." Er hielt damit sein Unterbewusstsein in Schach. Das gelang ihm Jahrzehnte, bis es irgendwann nicht mehr ging. Angstzustände, Albträume, Schwindel, Verwirrung, Suizidgedanken - das Erlebte brach sich Bahn. Er wurde arbeitsunfähig.
"Antriebsarm und träge", mit "nichtssagend leerem Blick", "stumpfsinnig und schwer zu aktivieren" – ein Dokument aus der Heimakte beschreibt die durch Medikamente hervorgerufene Lethargie des Grundschülers Udo Keinhörster.Foto: privat
"Mensch, du bist doch ein Kerl wie ein Baum", hörte er damals oft. Das war vor etwa zehn Jahren. "Aber was hat die Körpergröße denn mit meiner Seele zu tun?", fragte er sich dann. Es begann die Zeit, in der er "den Deckel öffnen musste". Zu dem, von dem er eigentlich nichts mehr wissen wollte. Mithilfe von Ärzten, Psychotherapeuten, Selbsthilfegruppen. Enorm schmerzhaft war das, retraumatisierend. Oft zu Erinnerungen getriggert, die ähnlich intensiv waren wie das Erlebte selbst.
Der Kampf um Entschädigung war oft erniedrigend und verletzend
Ein Teil dieses Weges war die Recherche in den Dokumenten jener Zeit. "Gerade die Heimakte offenbarte immer wieder Abgründe." Er hatte sie sich besorgt, um für sein Recht auf Entschädigung zu kämpfen. Er blieb arbeitsunfähig, hat sich unterschiedliche Renten und Einmalleistungen erstritten. "Das waren Auseinandersetzungen, die oft erniedrigend und verletzend waren."
Viel wichtiger als die finanzielle Sicherheit aber ist ihm das öffentliche Eingeständnis der Schuld aller Beteiligten. "Ich will spüren, dass nicht ich das Problem war und bin, sondern die Täter und die Strukturen, die sie deckten." Er hat viel Gutes dabei erfahren, etwa das öffentliche Schuldgeständnis in der damaligen Pfarrgemeinde. Ein Ort der Erinnerung wurde geschaffen, die Taten unmissverständlich genannt (siehe unten).
Es gab aber immer wieder auch Rückschläge. Als vor einigen Jahren jener Psychologe, der ihn vier Jahre missbrauchte, feierlich aus einer Einrichtung in den Ruhestand verabschiedet wurde, war so ein Moment. "Das reißt alles wieder auf." In diesen Augenblicken geht er heute wandern. Durch die Wälder. Es ist keine Flucht mehr, sondern ein Weg der bewussten Auseinandersetzung.
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| Fotos: junikum |
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Die Pfarrei St. Josef, der ehemalige Träger des Kinderheims und heutige Gesellschafter der junikum GmbH, hat mittlerweile in Absprache mit den Betroffenen einen Gedenkstein für die Opfer errichtet. Als Symbol dafür, dass "erlittenes Leid anerkannt wird und nie vergessen werden darf".Foto: junikum
Ort des Missbrauchs - und Gedenkens
Das St.-Agnes-Kinderheim in Oer-Erkenschwick wurde 2011 in Jugendhilfeeinrichtung junikum umbenannt.
Die Einrichtung hat in den vergangenen Jahren die Gewalt und den Missbrauch an Kindern und Jugendlichen dort intensiv aufgearbeitet. Zuvor war sie vom Interventionsbeauftragten des Bistums Münster über die finanziellen Anerkennungsleistungen informiert worden, die das Bistum an Betroffene gezahlt hat.
Das junikum bot Gesprächsangebote für Opfer und Angehörige, gewährte Einblick in Akten und unterstützte bei weiteren Schritten der Aufarbeitung.
Unser Rechercheweg
Kontakt zu Udo Keinhörster bekam unser Redakteur Michael Bönte über einen Betroffenen von sexuellem Missbrauch in einer Pfarrgemeinde in Rhede. Nach Rücksprache mit Betroffenen wurden ihm die Kontaktdaten einiger Personen in unterschiedlichen Caritas-Einrichtungen übermittelt, die für ein Recherche-Gespräch infrage kamen. Darunter war auch Udo Keinhörster, der nach einigen Telefonaten der Berichterstattung zustimmte. Er forderte nachdrücklich, dass sein voller Name und der Ort der Geschehnisse genannt werden.
Danke für Ihre Mitwirkung

