Uneingelöste Versprechen
Erziehungshilfe nach dem Zweiten Weltkrieg. Caritas-Jugendhof Klinge im Oktober 1969. Kinder leben mit Betreuern in kleinen Gruppen mit Familiencharakter zusammen.Foto: KNA-Bild
Die Aufarbeitung der Geschichte der Heimerziehung ist zumindest politisch gesehen abgeschlossen. Im Zeitraum von 2012 bis 2018 existierten zwei Fonds, "Heimerziehung West" und "Heimerziehung in der DDR", um ehemaligen Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern Unterstützung zukommen zu lassen. Die Fonds wurden als nicht rechtsfähige privatrechtliche Stiftungen eingerichtet. Beteiligt daran waren neben dem Bund und den Ländern auch kirchliche Organisationen, und zwar auf katholischer Seite der Deutsche Caritasverband, die Deutsche Ordensobernkonferenz und der Verband der Diözesen Deutschlands. Der Fonds "Heimerziehung West" war ursprünglich - später erfolgte eine Aufstockung - mit 120 Millionen Euro ausgestattet, wobei der Betrag zwischen Bund, Ländern und Kirchen gedrittelt wurde. Die Verantwortlichen der Fonds werteten die Arbeit als Erfolg. Die wesentlichen Ziele, nämlich "Folgeschäden abmildern", "für Genugtuung und Befriedung sorgen" und "Rechtsfrieden herstellen", wurden als erreicht angesehen.1) Eine Evaluation der Fondsarbeit ergab eine hohe Zufriedenheit der Betroffenen. Auch die Inanspruchnahme der Fondsgelder konnte als Erfolg gewertet werden. So wurden an mehr als 40 000 Betroffene rund 485 Millionen Euro ausgezahlt.
Konkrete Aufarbeitung begann 2008
Schaut man sich das Geschehen für Kirche und Caritas jedoch etwas genauer an, fällt auf, dass die Aufarbeitung in einem Punkt noch nicht zu einem Abschluss gekommen ist. Damit meine ich die konkrete Aufarbeitung der Geschichte. Diese begann im Sommer 2008, als ein von den auch am Heimfonds beteiligten kirchlichen Organisationen finanziertes Forschungsprojekt an der Ruhr-Universität Bochum an den Start ging. Das Projektteam bestand aus zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern und war auf drei Jahre angelegt. 2011 erschien als Ergebnis eine umfangreiche grundlegende Studie, die aber das Thema sicherlich nicht erschöpfend behandelte.2) Dies war angesichts der relativ kurzen Laufzeit des Projektes und der geringen Zahl an Mitarbeitenden auch gar nicht beansprucht worden. Geht man von dem im Band zusammengetragenen statistischen Befund aus, wird sofort deutlich, vor welcher Herkulesaufgabe die Mitarbeitenden damals standen: 1960 gab es demnach 549 katholische und 458 evangelische Heime mit zusammen rund 70000 Betten und 18000 Mitarbeitenden. Von daher waren die Ankündigungen des Sekretärs der Deutschen Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, sowie des Präsidenten des Kirchenamtes der evangelischen Kirche, Hans-Ulrich Anke, vielversprechend. Sie plädierten auf der Pressekonferenz anlässlich der Präsentation der Forschungsergebnisse des Projektes für die Errichtung eines Fonds und hoben - so die offizielle Pressemitteilung vom 24.05.2011 - gleichzeitig hervor, dass die Aufarbeitung des Themas weitergehen müsse.
Verantwortung der Kirchen
"Der Runde Tisch Heimerziehung hat zum Jahreswechsel konkrete Empfehlungen dazu ausgesprochen, von denen die Schaffung eines Fonds für ehemalige Heimkinder nur ein Teil ist. Die Kirchen haben von vornherein betont, dass wir uns der Verantwortung stellen und bereit sind, unseren Beitrag zu dem gemeinsamen Fonds mit dem Bund und den Ländern zu leisten", so das wörtliche Zitat in der Presseerklärung von Dr. Anke und P. Dr. Langendörfer.
Und weiter: "Wir hoffen, dass dies in den laufenden Verhandlungen im Bund und in den Ländern ebenfalls in der zu erwartenden Klarheit ausgesprochen wird, damit die Empfehlungen rasch umgesetzt werden."
Aber auch damit werde das Thema nicht abgeschlossen sein, betonten die beiden Kirchenvertreter. "Wir stehen auch weiterhin in der Verantwortung, die Praxis der Heimerziehung in den einzelnen Einrichtungen zu erforschen, das Gespräch mit den Betroffenen zu führen und sie bei ihrer Suche nach Unterlagen und ihrem Bemühen um Klärung ihrer Biografie nach Kräften zu unterstützen."3)
Alltag in einem Kinderheim 1975: eine scheinbar unbeschwerte Szene – und doch Teil einer Vergangenheit, die heute oft kritisch aufgearbeitet werden muss.Foto: KNA-Bild
Journalist*innen drängen auf Aufklärung
Der Fonds wurde eingerichtet, die von Langendörfer und Anke hervorgehobene Notwendigkeit weiterer Forschungsarbeiten führte dagegen zumindest auf katholischer Seite zu wenig Resultaten. Es ist das Verdienst der Journalistin Christiane Florin, in ihrem 2025 erschienenen Buch "Keinzelfall", das die Leidensgeschichte eines ehemaligen Heimkindes in einer katholischen Einrichtung im Ruhrgebiet erzählt, auf die große Diskrepanz zwischen dem Anspruch, für Aufarbeitung zu sorgen, und der weitgehend ausgebliebenen Umsetzung aufmerksam gemacht zu haben.4)
So ist festzuhalten, dass das 2008 gestartete Bochum-Projekt nicht verlängert oder mit einer veränderten Perspektive neu aufgelegt wurde. Nur sehr wenige Heimträger folgten mit eigenen Untersuchungen zu ihren Einrichtungen, oftmals erst als Reaktion auf massiven medialen Druck.5) In einigen Fällen blieb es auch bei Ankündigungen. So geriet das Dortmunder Vincenzheim beispielsweise bereits 2003 in die Schlagzeilen, als der Journalist Peter Wensierski einen kritischen Artikel zur Geschichte der Heimerziehung in der BRD veröffentlichte und darin die Einrichtung als negatives Fallbeispiel dargestellt wurde.6) Die Lokalzeitungen nahmen die Vorwürfe sofort auf, und die Heimleitung sah sich gezwungen zu reagieren. Auf einer Pressekonferenz äußerte sie ihre Betroffenheit und gab bekannt, die Vergangenheit ihrer Einrichtung aufzuarbeiten.7) Ohne hier auf den damals wie heute beliebten schimmernden Begriff der Aufarbeitung näher eingehen zu wollen: Mit Blick auf die historische Erforschung ist nüchtern zu konstatieren, dass es bei der Ankündigung blieb, bis schließlich 2021, also 18 Jahre später, eine neue Heimleitung ein Forschungsprojekt ins Leben rief.8) Damit ist das Dortmunder Vincenzheim eine rühmliche Ausnahme, die Zahl an entsprechenden Studien zu katholischen Einrichtungen ist recht überschaubar. In der konkreten Erforschung des Vincenzheimes zeigte sich ein weiteres Problem, das - so ist anzunehmen - für viele Einrichtungen zutrifft: Es gibt keine professionelle archivalische Aufarbeitung der Akten, sodass erst einmal zeitaufwendige Recherchen notwendig waren, um herauszufinden, welche schriftlichen Unterlagen überhaupt noch existieren.
Festschrift ohne "schwierige" Themen
Durchforstet die Archive!Foto: CC0 Public Domain
Die generelle Zurückhaltung, sich mit der eigenen Geschichte kritisch und reflektiert auseinanderzusetzen, spiegelt sich auch in vielen Geschichtsprodukten von diözesanen und lokalen Caritasverbänden wider. Zwar ist in einigen neueren Jubiläumsschriften eine gewisse Sensibilität für die Problematik erkennbar.9) Aber weiterhin gibt es Festschriften, die schwierige Themen vollkommen ausklammern. Wer beispielsweise in der Publikation "Ohne Liebe ist alles nichts" des Eichstätter Diözesan-Caritasverbandes, die anlässlich seines hundertjährigen Bestehens im Jahr 2018 entstand, Informationen zum Missbrauch in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sucht, wird enttäuscht werden.10)
Will man ein Fazit ziehen, ist festzuhalten, dass die Aufarbeitung der Geschichte der katholischen Kinder- und Jugendhilfe stockt; ob dies aus Angst vor möglicherweise daraus resultierenden finanziellen Forderungen erfolgt, sei dahingestellt. Es gibt einen großen Handlungsbedarf, um die gegebenen Versprechungen tatsächlich einzuhalten. Einige Impulse, was dabei zu beachten wäre, sollen abschließend kurz skizziert werden.
Impulse zur weiteren Aufarbeitung
Großen Handlungsbedarf gibt es in Sachen Archivierung, und zwar nicht zuletzt mit Blick darauf, dass den Betroffenen transparent dargelegt werden sollte, was an Unterlagen zu ihrer eigenen Lebensgeschichte und zur Geschichte der Einrichtung, in der sie wohnten, noch existiert.
Ebenfalls von zentraler Bedeutung wäre es, über Einzelstudien hinausgehend, die Fülle an Heimen zumindest für ausgewählte Diözesen in den Blick zu nehmen, um zu zeigen, wie dicht das Netzwerk an Einrichtungen war, wie es entstand und wie es funktionierte. Allein auf dem Gebiet des Bistums Aachen, um die Relevanz dieser Aufgabe zu illustrieren, existierten 1953 22 Kinderheime, acht Fürsorgeerziehungsheime, 20 Jugendwohn- und Lehrlingsheime, fünf Zufluchtsheime sowie zwei "Schwachsinnigenheime" für Minderjährige.11)
Die Prügelnonne: Am 15. April 2010, dem ersten Tag der 7. Sitzung des Runden Tisches „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“, veranstalten ehemalige Heimkinder eine Demo in Berlin.Foto: KNA-Bild
Ein mit Blick auf die Forschung wichtiger Punkt wäre die Auseinandersetzung mit der schwierigen Problematik, wie die Diskrepanz zwischen dem Gebot der Liebe und der tatsächlich praktizierten Brutalität zu erklären ist. Hier wären v. a. ordenshistorische Studien von großer Relevanz, um dieser Frage auf den Grund zu gehen.
Bislang wenig bearbeitet worden ist auch die Frage, wie eine Erinnerungskultur zur Geschichte der Heimerziehung entwickelt werden könnte. Erste Vorschläge und Umsetzungen, wie etwa die Erinnerungsstätte im Raphaelshaus, einer katholischen Jugendhilfeeinrichtung in Dormagen, oder das Kunstwerk "in the name of" vor dem Bayerischen Familienministerium, liegen vor.12) Darauf aufbauend, wäre vertiefend im Sinne der Frage "Was dürfen wir nicht vergessen?" (Jan Assmann) in den Blick zu nehmen, welche Formen von Gedenken den Betroffenen und ihrem Leid gerecht werden sowie wie es auch präventiv wirken kann.
Ein letzter und vermutlich der schwierigste Aspekt ist die Aufarbeitung der Nichtaufarbeitung. Auch hier geht es darum, eine Diskrepanz zu erklären, nämlich zwischen dem in diversen Leitbildern festgelegten Anspruch, sich für Menschen am Rand der Gesellschaft einzusetzen,13) und der fehlenden oder nur schwach ausgeprägten Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen, dass dieses Bemühen offensichtlich nicht immer umgesetzt wurde oder negative Auswirkungen zur Folge hatte, wie die Geschichte vieler ehemaliger Heimkinder zeigt.
1) Vgl.https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/familie/chancen-und-teilhabe-fuer-familien/fonds- heimerziehung [zuletzt abgerufen am 21.11.2025].
2) Bernhard Frings / Uwe Kaminsky, Gehorsam, Ordnung, Religion. Konfessionelle Heimerziehung
1945-1975, Münster 2011.
3) 24.05.2011 | Pressemeldung | Nr. 075, vgl.https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/universitaet- bochum-praesentiert-forschungsergebnisse-zur-konfessionellen-heimerziehung [zuletzt abgerufen
am 28.11.2025].
4) Christiane Florin, Keinzelfall. Wie Heinz ein katholisches Heim überlebte, Ostfildern 2025.
5) Vgl. beispielsweise Bernhard Frings, Heimerziehung im Essener Franz Sales Haus 1945-1970:
Strukturen und Alltag in der "Schwachsinnigen-Fürsorge", Münster 2012.
6) Peter Wensierski, Unbarmherzige Schwestern, in: DER SPIEGEL 21/2003;
https://www.spiegel.de/panorama/unbarmherzige-schwestern-a-00149520-0002-0001-0000- 000027163301 [zuletzt abgerufen am 22.01.2026].
7) Das "gefallene Mädchen". Betroffene erinnert sich an das Vincenz-Heim von einst. Heutige Leitung
entsetzt, WAZ 21.05.2003.
8) Das Projekt ist abgeschlossen, vgl. Andreas Henkelmann / Barbara Vosberg, Das Vincenzheim in
Dortmund 1970-1990. Entwicklungen, Debatten, Erfahrungen, Münster 2026 (im Erscheinen).
9) Vgl. Caritasverband für die Stadt Bonn e. V. (Hg.), Tuet Gutes allen. 100 Jahre Caritas Bonn. Die
Festschrift. 1920-2020, Bonn 2020 und S. 40-41, in denen kurz die Misshandlungen im Säuglings-
und Kinderheim Schloss Allner behandelt werden.
10) Ohne Liebe ist alles nichts: Jubiläumsbuch: 100 Jahre Caritasverband für die Diözese Eichstätt e. V.,
Eichstätt 2018.
11) Alle Angaben nach: Deutscher Caritasverband (Hg.), Handbuch der caritativen Jugendhilfe in
Deutschland. Übersicht über die Anstalten und Einrichtungen der Katholischen Jugendhilfe nach dem
Stande vom 1. November 1953, Freiburg i. Br. 1954.
12) https://www.raphaelshaus.de/erinnerungsstaette und
https://www.stmas.bayern.de/erinnerungszeichen-heimkindheiten/index.php [zuletzt abgerufen am
22.01.2026].
13) Vgl. Leitbild des Deutschen Caritasverbandes 06.05.1997, https://www.caritas.de/glossare/leitbild- des-deutschen-caritasverbandes [zuletzt abgerufen am 27.01.2026].
Kunstwerk "in the name of"
In Erinnerung an erlebtes Leid in der Heimerziehung hatte das Bayerische Familienministerium gemeinsam mit den beiden Kirchen und der Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder und der "Stiftung Anerkennung und Hilfe" einen Kunstwettbewerb ausgelobt.
Gewonnen hat das Kunstwerk "in the name of" des Künstlers Bruno Wank. Das mahnende Erinnerungszeichen für ehemalige Heimkinder, die in den 1950er- bis 70er-Jahren Gewalt und Missbrauch erlitten haben, wurde 2023 feierlich enthüllt. Es steht vor dem Bayerischen Familienministerium in München.
