"Wer Krisen managen muss, sollte das geübt haben"
Caritas in NRW Nicole, du bist beim Diözesan-Caritasverband Paderborn Referentin für den Bereich Fluthilfe. In dieser Funktion hast du den Zertifikatslehrgang "Katastrophenmanager*in" absolviert. Worum geht es dabei?
Nicole Grenz: Ich bin dreieinhalb Jahre nach der Flutkatastrophe 2021 in die Arbeit der Fluthilfe eingestiegen. Nachdem es am Anfang vor allem darum ging, Menschen beim Wiederaufbau zu helfen, ging es später darum, psychosozial bei der Verarbeitung zu unterstützen, indem die Nähe der Menschen zueinander in den Fokus rückte. Daraus entwickelte sich dann das Themennetzwerk Katastrophenhilfe, das vom Deutschen Caritasverband ins Leben gerufen wurde. Die weiteren lokalen Projektskizzen gingen immer mehr in Richtung Nachhaltigkeit und Zivilschutz, Aufklärung der Bevölkerung, individuelle Vorsorge, gesellschaftliche Resilienz. Ich habe mich also mit den Fragen "Wie kann man Menschen und Einrichtungen stärken?" und "Wie bereitet man sich auf Katastrophen vor?" beschäftigt. Den Zertifikatskurs der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement fand ich dazu ganz passend. Die Deutsche Gesellschaft für Krisenmanagement ist ein Berufsverband für Zivilschutzmanager aus Behörden und Ministerien.
Caritas in NRW: Was waren die Inhalte des Lehrgangs?
Nicole Grenz: Es gab theoretischen Input zu Katastrophenprävention, zu Frühwarnsystemen, Schnittstellenmanagement, aber auch viele Praxisberichte und am letzten Tag eine Katastrophensimulation. Die hat mich sehr beeindruckt, weil alles sehr real wirkte. Die Teilnehmenden bildeten einen Krisenstab zu einem fiktiven Hochwasserereignis. Wir mussten das Vorgehen besprechen: Wer muss evakuiert werden, was ist zuerst zu tun? Jede Person war für einen Bereich verantwortlich, musste die eigenen Kompetenzen kennen und auch wissen, welche Kompetenzen im Krisenfall auch überschritten werden dürfen und sogar sollen. Dazu gab es fiktive Presseanfragen in Echtzeit, die uns enorm unter Stress gesetzt haben. Das alles hat mir sehr deutlich gezeigt: Wenn man tatsächlich eine Krise managen muss, sollte man das vorher geübt haben.
Caritas in NRW: Wie betrifft das uns als Caritas?
Nicole Grenz: Die Handlungsabläufe in Behörden lassen sich natürlich nicht eins zu eins auf unsere Einrichtungen und Verbände übertragen. Aber eine Wohneinrichtung für Pflegebedürftige, ältere Menschen oder auch Kinder und Jugendliche kann in gleicher Weise betroffen sein. Auch da muss es Verantwortlichkeiten und eingeübte Abläufe geben. Das Handwerkszeug aus dem Kurs kann da sehr helfen, um vorbeugend Szenarien durchzuspielen. Die Leitfrage ist: Wie können wir ein Setting schaffen, in dem man nach einer potenziellen Katastrophe wieder gut anknüpfen kann?
Caritas in NRW: Wie sieht die Arbeit zur Resilienzstärkung mit einzelnen Einrichtungen aus? Ist das eine Beratungsleistung, in der gemeinsam mit den Einrichtungen Konzepte entwickelt werden, um diese vorzubereiten auf Krisenereignisse?
Nicole Grenz: So weit sind wir noch nicht. Im Moment arbeiten wir eher exemplarisch, wie zum Beispiel mit dem Caritasverband Hagen. Es gibt Projekte in anderen Städten, die in diese Richtung arbeiten, aber das ist wirklich alles gerade noch im Anfangsstadium. Das Ziel ist, die Dienste und Einrichtungen dahin gehend zu unterstützen, dass sie resilient werden, gerade Wohn- und Pflegeeinrichtungen.
Caritas in NRW: Was wünschst du dir für die Zukunft zum Thema Katastrophenmanagement?
Nicole Grenz: Es ist mittlerweile wissenschaftlich anerkannt, dass Sozialraumarbeit resilienzstärkend wirkt. An der TU Dortmund gibt es dazu verschiedene Forschungsprojekte. Die Ergebnisse der praktischen Arbeit fließen zurück in wissenschaftliche Erkenntnisse, die dann wiederum die Ausbildung von Fachkräften stärken. So könnten mehr Katastrophen- und Zivilschutzmanagerinnen und -manager ausgebildet werden. Mein absolvierter Zertifikatslehrgang war eher für Behörden und Blaulichtorganisationen gemacht, nicht so sehr für uns als soziale Hilfseinrichtung. Hier gibt es eine Lücke, Fortbildung für soziale Einrichtungen zu dem Thema Katastrophenhilfe ist in der Breite bisher kaum vorhanden. Das ist auch immer wieder ein Punkt, den wir im Themennetzwerk Katastrophenhilfe diskutieren - der Bedarf ist da.
Das Interview führte Tanja Münnich.