Resilienz entsteht aus Beziehungen
Stefanie Siebelhoff ist Diözesan-Caritasdirektorin für das Bistum Essen und für die Caritas in NRW verantwortlich für das Thema Krisenresilienz und nationale Katastrophenhilfe.Foto: Nicole Cronauge
Bevölkerungsschutz verhandeln wir derzeit vor allem technisch. Sirenen, Notstrom, Warn-Apps, Bevorratung, Cybersicherheit. Das alles brauchen wir. Nur beantwortet es die Frage nicht, die in jeder Krise irgendwann kommt: Wer ist noch da, wenn die Einsatzkräfte abgerückt sind?
In Nordrhein-Westfalen (NRW) heißt die Antwort sehr oft: die Freie Wohlfahrtspflege. Die Caritas hält in NRW rund 8200 Dienste und Einrichtungen mit etwa 300000 Beschäftigten und geschätzt 150000 ehrenamtlich Engagierten vor. Ihre Rolle im Katastrophenschutz ist bis heute nirgends verbindlich geregelt. Im Ernstfall entscheidet genau das darüber, ob Hilfe koordiniert läuft oder improvisiert wird.
Wie sehr es darauf ankommt, hat die Flut im Juli 2021 gezeigt, als von Erft und Inde bis Volme und Ruhr die Flüsse fast gleichzeitig über die Ufer traten. Die Feuerwehren holten Menschen aus dem Wasser und von ihren Dächern. Was danach kam, lag zu großen Teilen bei den Wohlfahrtsverbänden: Vermittlung von Einzelfallhilfen aus Spenden des Aktionsbündnisses Katastrophenhilfe, Unterstützung bei Wiederaufbauanträgen und psychosoziale Beratung. Ein Teil dieser Arbeit läuft fünf Jahre später immer noch. Unterstützung und Begleitung nach der Gefahrenlage entscheiden darüber, ob Menschen wieder Boden unter die Füße bekommen.
Keine Katastrophe, trotzdem der Ernstfall
Die Flut war der Extremfall einer Entwicklung, die anhält. Starkregen trifft in kurzen Abständen einzelne Regionen, meist ohne nennenswerte Vorwarnzeit. Vollgelaufene Keller, überflutete Unterführungen, unpassierbare Zufahrten, auch zu Einrichtungen der Caritas, sind die Folgen. Bei der Hitze ist es umgekehrt. Sie kündigt sich an und hält Mensch und Natur immer öfter über längere Zeiträume fest im Griff. In Pflegeeinrichtungen ohne Hitzeschutz fallen die Temperaturen auch nachts nicht mehr, und bei den Angeboten für wohnungslose Menschen steigt der Andrang. Kommunale Hitzeaktionspläne funktionieren nur, wenn die Dienste eingebunden sind, die die betroffenen Menschen ohnehin kennen. Keine der beschriebenen Situationen erreicht die Katastrophenschwelle. Für eine Kita oder einen ambulanten Dienst sind sie trotzdem der Ernstfall, und das kommt inzwischen häufiger vor.
Die soziale Hälfte der Vorsorge
Technik und Ausstattung lassen sich beziffern. Die zweite Hälfte der Vorsorge ist schwerer zu messen: die Fähigkeit eines Quartiers, unter Druck gemeinsam zu handeln. Was Organisationen in der Krise handlungsfähig macht, haben sie sich in den Jahren davor erarbeitet. Das ist die Erfahrung an Erft, Volme und Ahr. Resilienz entsteht aus Beziehungen.
Wer sie aufbauen will, muss in das investieren, was sich in Beschaffungslisten schlecht abbilden lässt: in Koordination, Vernetzung, Beziehungsarbeit und in die Verlässlichkeit von Organisationen, die über Jahre am selben Ort bleiben. Hier liegt die Stärke der Caritas. Pflege und ambulante Dienste, Behindertenhilfe, Kitas, Beratungsstellen, Angebote für wohnungslose Menschen gibt es bereits. Diese Struktur muss im Krisenfall niemand erst aufbauen. Sie ist da, und sie kennt die Menschen.
Der Rechtsrahmen ändert sich gerade, und zwar auf Landes- und Bundesebene. Mit der Reform des nordrhein-westfälischen Brand- und Katastrophenschutzgesetzes müssen Kommunen und Kreise künftig neben den Katastrophenschutzplänen auch systematische Risikoanalysen und Vorsorgeplanungen erstellen. Wie stark die Freie Wohlfahrtspflege dabei einbezogen wird, hängt bislang vom Ort ab. Zugleich schreibt der Bund in diesem Jahr seine Resilienzstrategie von 2022 fort, die das Sendai-Rahmenwerk der Vereinten Nationen umsetzt. Das 2015 im japanischen Sendai beschlossene Dokument verpflichtet die unterzeichnenden Staaten dazu, bis 2030 die Widerstandsfähigkeit von Bevölkerung und Institutionen zu erhöhen, um die Risiken im Katastrophenfall zu verringern. Für die Caritas ist das eine herausragende Chance, bei der Umsetzung auf allen Ebenen eine entscheidende Rolle zu spielen und dabei ihre originären Stärken und Kompetenzen einzubringen.
Fünf Anknüpfungspunkte
Der erste Anknüpfungspunkt ist die kommunale Krisenplanung. Soziale Infrastrukturträger gehören in die Krisenstäbe und schreiben mit an Risikoanalysen. Die örtlichen Caritasverbände sind die Schnittstelle auf Ebene der Kreise und kreisfreien Städte, die Diözesan-Caritasverbände die Ansprechpartner der Landesebene.
Zweitens muss die Caritas ihre Erfahrung beim Schutz vulnerabler Gruppen einbringen. Ältere Menschen und Menschen mit Behinderung brauchen eigene Schutzkonzepte, barrierefreie Evakuierungswege und Warnungen in Leichter Sprache. Wer eine Demenzerkrankung hat, kein Deutsch spricht oder Behörden misstraut, wird über eine Warn-App nicht erreicht. Über die Pflegekraft, die dreimal in der Woche kommt, sehr wohl.
Drittens müssen die Ehrenamtlichen mitgedacht werden. 150000 freiwillig Engagierte können im Ernstfall über Caritas-eigene Strukturen erreicht werden, und Spontanhelfer*innen wenden sich zuerst an die Einrichtungen, die sie vor Ort kennen. Aufgaben und Abläufe dafür müssen feststehen, bevor die Krise eintritt.
Viertens muss die Caritas ihre eigenen Einrichtungen und Dienste krisenfest machen. Was sich in den Pilotprojekten bewährt hat, sollte das Land mit der Caritas in die Fläche bringen - mit Standards, Übungen und verlässlicher Refinanzierung.
Fünftens sollte sich die Caritas für Wissenstransfer und Qualifizierung starkmachen. Man muss die Köpfe kennen, bevor es losgeht. Das setzt eine Regelkommunikation zwischen Freier Wohlfahrtspflege, kommunalem Krisenmanagement und Landesebene voraus.
Resilienz nach innen
Diese Erwartungen richtet die Caritas auch an sich selbst. Krisenfestigkeit ist nicht allein eine Frage des Katastrophenschutzsystems, sie beginnt in der eigenen Einrichtung: Wer im Ernstfall für andere da sein will, muss selbst handlungsfähig bleiben. Risiken müssen ernst genommen, Szenarien durchdacht werden, bevor sie eintreten. Alarm- und Kommunikationsketten müssen stehen und geübt sein, bevor zum Beispiel ein Hackerangriff das Netz lahmlegt.
Welche Prozesse sind unabdingbar, damit weitergearbeitet werden kann, und welche können zwei Wochen ruhen? Wie lange kann ein sozialer Dienst ohne Strom, ohne Netz und ohne die Hälfte des Personals auskommen?
Wer sitzt im Krisenstab, wer leitet ihn, wer vertritt die Leitung nachts und im Urlaub?
Diese Fragen muss niemand allein beantworten. Es gibt Blaupausen, an denen man sich orientieren kann: Vorlagen liefern das Themennetzwerk Katastrophenhilfe und das Resilienzstärkungsprogramm, das bei Risikoanalysen, Notfallplänen und Schulungen unterstützt - mit Projekten von Aachen bis Solingen.
Die soziale Infrastruktur hat sich als verlässlicher Partner erwiesen. Doch Verlässlichkeit allein genügt nicht mehr. Wenn Krisen dichter aufeinanderfolgen, muss schneller und abgestimmt reagiert werden. Ohne geklärte Rollen, ohne Zusammenarbeit und ohne Refinanzierung der notwendigen Konzeptarbeit bleibt Krisenvorsorge dem Zufall überlassen. Die Caritas bringt schon jetzt ihren Teil ein und wartet nicht darauf, gerufen zu werden. Not sehen und handeln heißt in der Krisenvorsorge: vorbereitet sein, bevor der Anruf kommt.