Steht das Ehrenamt auf der Kippe?
Dr. Hasan Sürgit, Vorstandsvorsitzender des DRK-Landesverbandes Westfalen-Lippe e. V.Foto: Pia Winkler
Wie verändert der demografische Wandel das Ehrenamt? Welche Rahmenbedingungen brauchen Menschen, die sich freiwillig engagieren in Zukunft? Und wie können Organisationen auch künftig Menschen für ein Engagement gewinnen und begeistern?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich die 120 Teilnehmenden auf der Fachtagung der Freien Wohlfahrtspflege NRW am 30.09.2026 unter dem Titel "Demografischer Wandel: Soziales Ehrenamt der Zukunft". Die zentrale Erkenntnis aus Vorträgen, Praxisbeispielen und Workshops: Das Ehrenamt ist stabil - steht aber zugleich vor großen Veränderungen.
Politische Veränderungen, knapper werdende öffentliche Kassen und eine alternde Gesellschaft setzen das freiwillige Engagement zunehmend unter Druck. Damit wächst auch die Gefahr, dass Engagierte mehr und mehr Aufgaben übernehmen müssen und dadurch überfordert werden.
Gleichzeitig wurde bei der Fachtagung deutlich: Die Zukunft des Ehrenamts bietet viele Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten.
Engagement bleibt stark - ein neuer Boom ist aber nicht zu erwarten
Frank Micheel (Wissenschaftlicher Rat I Bundesinstitut für Bevölkerungsschutz) nahm das freiwillige Engagement aus einer quantitativen Perspektive in den Blick. Seine Analyse zeigt: Insbesondere bei den Babyboomern ist das Engagement weiterhin weit verbreitet und die aktuellen Entwicklungen stimmen für die nähere Zukunft durchaus positiv.
Einen großen "Engagementboom" sollten wir allerdings nicht erwarten. Umso wichtiger ist es, vorhandene Potenziale gezielt zu nutzen und neue Zielgruppen für freiwilliges Engagement zu gewinnen. Dabei gilt es für ihn insbesondere, junge Menschen stärker in den Blick zu nehmen und unterschiedliche Lebenssituationen und geschlechtersensibel zu denken. Gleichzeitig müssen die Gesundheit und die persönliche Lebenssituation der Engagierten stärker berücksichtigt werden. Denn freiwilliges Engagement kann nur langfristig funktionieren, wenn es zu den Menschen und ihrem Leben passt.
Prof. Dr. Michael Vilain bei seiner Präsentation.Foto: Bianca Pohlmann
Sinn statt Bezahlung: Was Menschen zum Engagement bewegt
Prof. Dr. Michael Vilain (Vizepräsident für Forschung, Transfer und Internationales der Evangelischen Hochschule Hessen Geschäftsführender Direktor des Instituts für Zukunftsfragen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft Professor für Nonprofit Management) teilte seine qualitative Sichtweise in die Zukunft und kam zu dem Schluss: Nicht die Monetarisierung, sondern der Sinn ist entscheidend.
Menschen wollen erleben, dass ihr Engagement etwas bewirkt. Sie möchten gestalten, Gemeinschaft erleben und einen konkreten Beitrag leisten. Genau darin liegt eine wichtige Grundlage für die Zukunft des Ehrenamts.
Gleichzeitig verändern sich die Lebenswelten der Menschen. Klassische Strukturen und Milieus, in denen freiwilliges Engagement früher nahezu selbstverständlich vermittelt wurde, lösen sich zunehmend auf.
Damit gewinnt auch ein professionelles Freiwilligenmanagement an Bedeutung. Organisationen müssen Menschen gezielt ansprechen, passende Engagementmöglichkeiten schaffen und Engagierte gut begleiten. Außerdem ist eine echte Beteiligung wichtig. Pseudopartizipation können wir uns nicht mehr leisten.
Vier mögliche Kipppunkte für die Zukunft
Prof. Dr. Andrea Walter bei ihrer Präsentation.Foto: Pia Winkler
Prof. Dr. Andrea Walter (Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen) wagte ebenfalls einen Blick in die Zukunft und stellte vier mögliche Kipppunkte in der Entwicklung des Engagements vor. Zwischen einem möglichen Worst-Case- und einem Best-Case-Szenario wurde deutlich: Die Zukunft des Ehrenamts ist gestaltbar - aber sie hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Entscheidend ist,
- ob Politik und Gesellschaft die richtigen Rahmenbedingungen schaffen,
- ob neben den Babyboomern auch andere Gruppen stärker für ein Engagement gewonnen werden können,
- ob Organisationen ihre Angebote an veränderte Lebenswelten und Bedürfnisse Engagierter anpassen und
- ob sie selbst bereit und in der Lage sind, sich entsprechend weiterzuentwickeln und zu transformieren.
Praxis zeigt: Es gibt bereits zukunftsfähige Ideen und Entwicklungen
Wie eine solche Veränderung schon heute aussehen kann, zeigten zahlreiche innovative Praxisbeispiele. Vorgestellt wurden unter anderem Projekte der youngcaritas Dortmund, die Lotsenpunkte des Caritasverbandes für das Erzbistum Köln, [U25] des SKF Dortmund, die Initiative "Junges Ehrenamt für NRW" unterstützt vom Netzwerk Bürgerschaftliches Engagement (NBE NRW) und WestLotto, das Projekt "Back-Café" sowie "KI-Helfer: Prototypenentwicklung von KI-Assistenten für das Ehrenamt" beides Projekte des Paritätischen NRW und das Projekt "REAL - Begegnungslots*innen 60+" der Diakonie Rheinland Westfalen Lippe.
Die Beispiele machten deutlich, wie vielfältig freiwilliges Engagement ist - und wie wichtig neue Ideen sind, um Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Fähigkeiten und Lebenssituationen zu erreichen.
Der Stand der youngcaritas bei der Fachtagung "Demografischer Wandel: Soziales Ehrenamt der Zukunft".Foto: Pia Winkler
Auch in den Workshops wurde intensiv diskutiert, wie Politik, Verbände und Gesellschaft das Ehrenamt zukunftsfähig gestalten können. Dabei wurde eines besonders deutlich: Es mangelt nicht an Engagementbereitschaft, es gibt Ideen, Mut und viele konkrete Möglichkeiten, etwas zu verändern.
Gemeinsam die Zukunft des Ehrenamts gestalten
Steht das Ehrenamt also auf der Kippe?
Die Fachtagung hat darauf keine einfache Antwort gegeben. Sie hat aber gezeigt, dass wir als Verbände die Zukunft in vielen Punkten selbst in der Hand haben. Wir können sie mitgestalten und sollten dabei vor allem in den Austausch mit den Menschen gehen und zuhören was sich Engagierte wünschen und welche Ideen sie haben. Dazu braucht es gute Rahmenbedingungen, eine professionelle Begleitung und vor allem Mut, neue Wege zu gehen.
Das Ehrenamt ist unverzichtbar und daher sollten wir es schützen, fördern und zukunftsfähig gestalten.