"Im Prinzip guckt man nur zu, wie andere Leute leben"
Menschen befähigen, Bildung verbessern – Armut wirkungsvoll bekämpfen.Foto: Markus Lahrmann
Seit 2007 bringt die Freie Wohlfahrtspflege im Sozialbericht NRW in einem eigenen Kapitel systematisch die Perspektiven armutserfahrener Menschen ein. Für den aktuellen Bericht wurden Gespräche mit zwölf Betroffenen geführt. Deren Statements geben Einblick in zentrale Lebensbereiche von Bildung und Arbeit über Wohnen und Gesundheit bis hin zu Digitalisierung, Mobilität und soziokultureller Teilhabe. Die Interviews machen deutlich, wie strukturelle Barrieren den Alltag armutsbetroffener Menschen prägen und deren Teilhabechancen einschränken.
Kirsten Schwenke, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege (LAG FW) NRW, sagt: "Armut und soziale Ausgrenzung entstehen nicht zufällig und schon gar nicht durch individuelles Verschulden. Sie sind das Ergebnis politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Strukturen. Wenn wir die Perspektiven der Betroffenen ernst nehmen, gewinnen wir konkrete Ansatzpunkte für wirksame Armutsbekämpfung und für mehr gesellschaftliche Teilhabe. Das ist eine Frage sozialer Gerechtigkeit und eine Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie."
Die Freie Wohlfahrtspflege fordert unter anderem existenzsichernde Regelsätze, gerechtere Bildungschancen sowie bezahlbaren und lebenswerten Wohnraum.
Die Auswertung der Interviews zeigt, dass die Menschen oft mit Stigmatisierung und fehlender Anerkennung als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft konfrontiert sind: "Im Prinzip guckt man nur zu, wie andere Leute leben." Dieses prägnante Zitat eröffnet das Kapitel der Freien Wohlfahrtspflege NRW im Sozialbericht des Landes Nordrhein-Westfalen und steht stellvertretend für die Erfahrung vieler Menschen, die von Armut betroffen sind.
Leistungen schlecht zugänglich
Dazu sagt Dominique Hopfenzitz, Vorsitzender des Arbeitsausschusses Armut und Sozialberichterstattung der LAG FW: "Der Wunsch nach einem respektvollen und zugewandten Umgang stand bei vielen Gesprächen im Zentrum. Gleichzeitig äußern die Betroffenen sehr konkret, dass viele Leistungen faktisch schwer zugänglich sind."
Hier seien einfachere Antragsprozesse, klarere Zuständigkeiten und eine verlässliche, ressourcenorientierte Beratung zentrale Stellschrauben. Digitalisierung könne dazu beitragen, dürfe aber keine zusätzlichen Hürden schaffen. Analoge Zugänge und persönliche Unterstützung müssten weiterhin gesichert bleiben.
Der Sozialbericht NRW liefert eine fundierte Datenbasis zur sozialen Lage im Land. Die Perspektiven armutserfahrener Menschen hingegen ergänzen diese Zahlen und machen sichtbar, wie politische Regelungen im Alltag wirken und wo sie Teilhabe verhindern.
Wie wichtig dieser partizipative Ansatz ist, betont Kirsten Schwenke: "Nicht über Menschen in Armut zu sprechen, sondern mit ihnen: Das ist für uns kein Zusatz, sondern Voraussetzung guter Politik. Die eingebrachten Erfahrungen enthalten nicht nur Problembeschreibungen, sondern auch konstruktive Lösungen."
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