Pflege neu denken: Mehr Lebensqualität durch Prävention und Rehabilitation
NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann betonte beim Fachtag der Caritas in NRW die große Bedeutung von Rehabilitation und Prävention in der Altenhilfe.Foto: Tanja Münnich
Dieses Ziel stand im Mittelpunkt des Fachtags "Lebensqualität im Fokus - präventive und rehabilitative Angebote in Senioreneinrichtungen", zu dem die Caritas in NRW in die Katholische Akademie Schwerte eingeladen hatte. Rund um Vorträge, Workshops und eine Podiumsdiskussion diskutierten Fachleute aus Praxis, Wissenschaft, Politik sowie Kostenträger darüber, wie Prävention und Rehabilitation stärker in der Altenhilfe verankert werden können.
"Pflege ist mehr als Versorgung. Sie ist Beziehung, Förderung und Befähigung", betonte Matthias Schmitt, Sprecher für Altenhilfe der Caritas NRW in seiner Begrüßung. Präventive und rehabilitative Ansätze seien keine Zusatzangebote, sondern gehörten zum Kern einer zukunftsfähigen Pflege. Jede erhaltene oder zurückgewonnene Fähigkeit bedeute für Bewohnerinnen und Bewohner mehr Lebensqualität und Selbstbestimmung.
Auch Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) unterstrich die Bedeutung des Themas. Er erinnerte daran, dass Rehabilitation bei Einführung der Pflegeversicherung in den 1990er-Jahren kaum eine Rolle gespielt habe. Damals seien vor allem körperliche Einschränkungen betrachtet worden, während Themen wie Demenz, Anleitung und Aktivierung noch wenig Beachtung gefunden hätten. Heute sei klar, dass Rehabilitation und Mobilitätsförderung wesentlich dazu beitragen können, Selbstständigkeit und Lebensqualität älterer Menschen möglichst lange zu erhalten. Dabei gehe es nicht allein um körperliche Fähigkeiten, so Laumann. "Es geht um die Frage, wie viel Selbstbestimmung ein Mensch noch hat." Schon kleine Fortschritte könnten für Betroffene einen großen Unterschied machen. Rehabilitation müsse deshalb als selbstverständlicher Bestandteil guter Pflege verstanden werden.
Wie sich dieser Anspruch im Alltag umsetzen lässt, zeigte die anschließende Gesprächsrunde. Bianca Berger von der Hochschule Esslingen berichtete von Forschungs- und Praxisprojekten in Senioreneinrichtungen. Dabei gehe es nicht darum, fertige Konzepte vorzugeben, sondern gemeinsam mit den Einrichtungen Lösungen zu entwickeln. Mobilität sei dabei weit mehr als Bewegung allein. Sie umfasse auch Lebenssinn, soziale Teilhabe und die Frage, welche Perspektiven Menschen für ihren Alltag sehen. Berger schilderte, wie sich durch veränderte Haltungen und neue Routinen in Einrichtungen oft überraschende Entwicklungen ergeben. Bewohner, die als kaum noch aktiv galten, könnten Fähigkeiten zeigen, die lange verborgen geblieben seien.
Podiumsdiskussion beim Fachtag der Altenhilfe der Caritas in NRW in Schwerte mit (von links) Moderatorin Melanie Wielens, Bianca Berger, Charlotte Boutmans und Oskar Dierbach.Foto: Tanja Münnich
Oskar Dierbach, langjähriger Geschäftsführer der Evangelischen Altenhilfe Mülheim und Verfechter rehabilitativer Altenpflege, verwies auf jahrzehntelange Erfahrungen. Aus seiner Sicht sei zu lange aus Sorge vor steigenden Kosten gezögert worden, stärker in Rehabilitation und Prävention zu investieren. Tatsächlich habe sich jedoch gezeigt, dass ein rein auf Versorgung ausgerichtetes System langfristig deutlich teurer werde. Der Schlüssel liege darin, die seelische und soziale Gesundheit der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Wer wieder Lebensfreude und Sinn erfahre, entwickle oft selbst die Motivation, aktiv zu werden und verlorene Fähigkeiten zurückzugewinnen.
Charlotte Boutmans von der AOK Rheinland/Hamburg machte deutlich, dass Kostenträger ein großes Interesse an innovativen Versorgungsmodellen haben. Die AOK begleite deshalb verschiedene Projekte zur sogenannten Präventionspflege. Aus ihrer Sicht spreche nicht nur die menschliche, sondern auch die wirtschaftliche Perspektive für einen solchen Ansatz. Pflegebedürftigkeit erstrecke sich heute häufig über viele Jahre. Wenn Menschen länger selbstständig bleiben und der Verlust von Fähigkeiten verlangsamt werden könne, profitierten davon sowohl die Betroffenen als auch die sozialen Sicherungssysteme. Wissenschaftliche Untersuchungen sollen künftig noch genauer belegen, welche gesundheitlichen und ökonomischen Effekte Präventionspflege erzielt.
Positive Auswirkungen sehen die Fachleute nicht nur bei Bewohnerinnen und Bewohnern, sondern auch bei den Beschäftigten. Oskar Dierbach berichtete von seinen Erfahrungen aus der Praxis: Mitarbeitende, die erleben, dass ihre Arbeit Menschen sichtbar stärkt und ihnen neue Lebensqualität ermöglicht, seien motivierter und zufriedener. Dies wirke sich wiederum auf Gesundheit, Krankenstände und die Attraktivität des Berufs aus. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels sei dies ein wichtiger Aspekt. Pflegekräfte wollten erleben, dass sie etwas bewirken können. Rehabilitative Pflege könne dazu beitragen, den Beruf wieder stärker als sinnstiftende Tätigkeit wahrzunehmen.
Nach einer Einführung in das Thema konnten die Teilnehmenden die Themen in Workshops vertiefen. Vorgestellt wurden unter anderem Konzepte einer präventionsorientierten Pflege, Strategien zur Mobilitätsförderung bei bettlägerigen oder ortsfixierten Menschen sowie Ansätze der poststationären Übergangspflege nach Krankenhausaufenthalten. Ein weiterer Workshop widmete sich alltagstauglichen Bewegungsangeboten für Senioren und deren Beitrag zur körperlichen und geistigen Gesundheit.
Zum Abschluss wurde deutlich: Die Diskussion über Prävention und Rehabilitation in der Altenhilfe steht erst am Anfang. Die Caritas in NRW plant deshalb eine weiterführende Workshop-Reihe, in der interessierte Einrichtungen bei der praktischen Umsetzung begleitet werden sollen.