Die Aussetzung dürfe nicht verlängert werden und müsse spätestens zur gesetzlichen Frist am 23. Juli kommenden Jahres auslaufen. Bis dahin gelte es, Härtefälle schnell, transparent und menschenrechtskonform zu entscheiden.
"Die Aussetzung des Familiennachzugs ist nicht nur humanitär problematisch, sondern auch integrationspolitisch falsch. Menschen können kaum ankommen, wenn sie dauerhaft um Ehepartner, Kinder oder Eltern bangen. Angst, Schuldgefühle und Ungewissheit erschweren Spracherwerb, Ausbildung, Arbeit, psychische Stabilisierung und gesellschaftliche Teilhabe", erklärt Stefanie Siebelhoff, Sprecherin der Caritas in NRW für den Bereich Migration und Integration.
Die Fachdienste Integration und Migration der Caritas beraten täglich in allen fünf NRW-Bistümern geflüchtete Menschen zum Thema "Familienzusammenführung" und begleiten sie durch komplexe Verfahren. Sie unterstützen beim Ausfüllen von Formularen und klären über Fristen und rechtliche Möglichkeiten auf. Dabei erleben die Beraterinnen und Berater, wie stark die Trennung Familien belastet.
"Es ist politisch widersprüchlich, Integration einzufordern und zugleich familiären Halt zu verwehren. Unsere Beratungsdienste und die vielen Ehrenamtlichen erleben jeden Tag, was Trennung bedeutet: Angst, Verzweiflung und das Gefühl, die eigene Familie im Stich lassen zu müssen. Familiennachzug ist kein Zugeständnis, sondern eine Voraussetzung für gelingende Integration und Vertrauen in den Rechtsstaat", so Siebelhoff.
Eine Zwischenbilanz des Deutschen Caritasverbandes und des International Refugee Assistance Project zeigt zudem, dass die gesetzlich vorgesehene Härtefallregelung Familien in der Praxis bisher nicht ausreichend schützt. Bis Mitte Mai wurden bundesweit lediglich sieben Visa, fünf davon aufgrund gerichtlicher Entscheidungen, gewährt.
Die Caritas in NRW sieht darin ein alarmierendes Signal. Eine Härtefallregelung, die im Ergebnis fast niemandem hilft, bietet keinen wirksamen Schutz. Besonders betroffen sind Familien mit minderjährigen Kindern, schwer erkrankten Angehörigen, allein zurückgelassenen Familienmitgliedern oder besonderer Schutzbedürftigkeit. Gerade diese Familien brauchen realistische Chancen auf Zusammenführung - und kein Verfahren, dass sie über Monate oder Jahre in Unsicherheit hält.
Die Caritas warnt davor, Humanität und Ordnung gegeneinander auszuspielen. Eine rechtsstaatliche Migrationspolitik muss Menschenwürde, Kindeswohl, familiären Schutz und Integrationsperspektiven zusammendenken. Familiennachzug ist dabei kein Randthema, sondern zentral für gelingende Integration vor Ort - in den Kommunen, in Schulen, in Beratungsstellen, in Ausbildung und Arbeit.