"Nicht über die Ämter, sondern über die Kinder"
Wer durch Hagen, die Stadt am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets, geht, sieht Europas soziale Realität an vielen Ecken: neue Nachbarschaften, junge Familien aus Rumänien oder Bulgarien, Kinder, die hier starten wollen - aber noch nicht wissen, wie. Das Projekt ABBA - "Ansprechen, Beraten, Begleiten, Aufnehmen" setzt genau dort an.
Annika Schemper leitet das Projekt ABBA. Der Caritasverband Hagen unterstützt darin benachteiligte neuzugewanderte Unionsbürger*innen aus Südosteuropa. © Caritas
Gefördert im Programm "EhAP Plus - Eingliederung hilft gegen Ausgrenzung der am stärksten benachteiligten Personen" unterstützt es neuzugewanderte EU-Bürgerinnen und -Bürger, viele davon aus der Community der Sinti und Roma. Doch gerade diese Familien erreicht klassische Sozialberatung oft nicht. Misstrauen gegenüber Behörden und schmerzvolle Erfahrungen aus den Herkunftsländern sind tief verankert.
Deshalb hat ABBA einen anderen Ansatz gewählt: Der Zugang führt nicht über die Ämter - sondern über die Kinder. "Wenn wir die Bildungswege der Kinder stärken, öffnen wir die Türen zu den Familien", sagt Projektleiterin Annika Schemper. "Erst wenn Vertrauen entsteht, ist Beratung überhaupt möglich.”
Vier Sprachen, ein Ziel: Vertrauen
Vier muttersprachliche Beraterinnen bilden das Herzstück des Projekts. Sie sprechen Rumänisch, Bulgarisch, Türkisch und Italienisch - und vor allem: die kulturelle Sprache der Familien. Diese Nähe reduziert Barrieren, erleichtert erste Gespräche, ermöglicht verbindliche Begleitung und schafft Vertrauen.
Die ABBA-Beraterinnen arbeiten eng mit Kitas, Schulen und Frühförderstellen zusammen. Sie vermitteln den Zugang zu Angeboten, unterstützen bei der Kitaplatz-Anmeldung, helfen bei der Suche nach Förderangeboten wie Logopäden oder Ergotherapeuten und begleiten Übergänge in die Grundschule — kurz: sie bauen Brücken zwischen Familien und Institutionen.
Das Konzept ist klar: frühe Unterstützung verhindert spätere Ausgrenzung. "Bildung ist unser stärkstes Mittel gegen Armut - und es wirkt über Generationen", betont Schemper. Sprachsensibles Familiencoaching, Hilfe bei der Orientierung im Schulsystem und Begleitung bei Terminen stärken Eltern darin, Entscheidungen für ihre Kinder bewusst zu treffen. So entsteht ein stabiler Bildungsweg, der auch kommunale Strukturen entlastet. Das erworbene Vertrauen bei den Eltern ermöglicht dann oft auch weitere Beratungsangebote wirksam an Erwachsene zu platzieren.
Messbare Wirkung in Schulen
Die Erfolge in Hagen sind deutlich: Seit Projektbeginn wurden rund 1.000 Familien begleitet. Die Grundschulen im Netzwerk melden einen spürbaren Rückgang von Schulabsentismus, eine höhere Verbindlichkeit bei erforderlichen Rückmeldungen und einen stabileren Kontakt zu Eltern - Effekte, die direkt auf die Vertrauensarbeit von ABBA zurückgehen. "Das, was wir aufbauen, wirkt weiter - auch wenn unsere eigentliche Begleitung endet", so Schemper. "Familien werden sicherer, selbstständiger und trauen sich, eigenständig auf Schulen und Behörden zuzugehen.”
Jugendliche finden über das Projekt Wege in Ausbildung, Eltern verstehen Rechte und Anforderungen im Bildungssystem. Der Vertrauensgewinn überträgt sich auch auf andere Institutionen und innerhalb der Community - ein Multiplikator, der in herkömmlichen Programmen selten erreicht wird.
Europäisches Modellprojekt
Was in Hagen funktioniert, hat Signalwirkung für Europa. Niedrigschwellige, kultursensible Arbeit funktioniert in vielen Kommunen - besonders dort, wo EU-Zuwanderung zunimmt. ABBA zeigt, wie effizient EU-Mittel wirken können, wenn sie nah an den Menschen eingesetzt werden.
Das Projekt "Ansprechen - Beraten - Begleiten - Aufnehmen (ABBA)" wird im Rahmen des Programms „EhAP Plus“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union über den Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert.
Stabilität statt Förderlücken
Die Projektverantwortlichen betonen jedoch, wie wichtig Planungssicherheit ist: Zwischen zwei ESF-Förderperioden dürfen keine Lücken entstehen, sonst brechen gewachsene Strukturen schnell wieder weg. "Wir brauchen verlässliche Ansprechpartner und frühere Planungssicherheit für Folgeprojekte - damit erfolgreiche Arbeit nicht an Verwaltungslogik und Bürokratie scheitert", fordert Schemper.
Integration ist eine europäische Aufgabe - ABBA beweist: Integration beginnt lokal, ist aber europäische Verantwortung. Wenn Projekte wie dieses verstetigt und EU-weit adaptiert würden, ließen sich die europäischen Sozialziele - Teilhabe, Inklusion, Chancengerechtigkeit - schneller und nachhaltiger erreichen.