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Reportage Bewerbertraining

Es müsste viel öfter passen

[Jan. 2026] - "Ich möchte arbeiten!" Fest und völlig selbstverständlich klingt es, als Yulia Shloma diesen Satz ausspricht. "Ich möchte mich schnell integrieren und ohne Jobcenter leben", schiebt sie hinterher. Ein normaler Werktag, ein schmuckloser Raum bei der Caritas Remscheid: Bewerbungstraining im Projekt "Bergisch Stark".

Gekommen sind 13 Frauen und drei Männer, sie sitzen auf Stühlen im Kreis. Kaffee, Kekse, Wasser und Apfelschorle stehen auf Tischen am Rand, niemand rührt sie bisher an. Geduldig lauschen die Teilnehmenden der Einführung, dann Vorstellungsrunde: manche berichten von ihren enttäuschenden Erfahrungen bei Bewerbungen, obwohl doch auf dem deutschen Arbeitsmarkt überall Fachpersonal und oft auch einfache Arbeitskräfte gesucht werden. Doch für Geflüchtete, die Arbeit suchen, tut sich eine komplizierte und bürokratische Welt auf, die viele überfordert. 

Keine Antwort auf Bewerbungen

Porträt einer Frau mit glatten braunen Haaren und leichtem Lächeln. Yulia Shloma (36) spricht sehr akzeptabel deutsch, ist gut ausgebildet und will unbedingt arbeiten. Sie setzt große Hoffnungen in die Vermittlung durch die Caritas Remscheid.Markus Lahrmann

Yulia Shloma (36), die vor Putins Angriffskrieg aus der Ukraine nach Deutschland geflohen ist, hat Bürokauffrau gelernt. Sie habe Erfahrung im Umgang mit Dokumenten, könne gut mit Menschen umgehen und habe bereits eine Qualifizierungsmaßnahme des Jobcenters absolviert. In der Ukraine hatte sie nur ein einziges Mal ein Vorstellungsgespräch, danach zehn Jahre zunächst als Sachbearbeiterin, später als Teamleitung in der ukrainischen Regionalverwaltung gearbeitet. Sie spricht nicht fehlerfrei, aber gut verständlich  und flüssig deutsch. Ihre zwei Kinder gehen seit August in die Kita, jetzt sucht sie dringend Arbeit, hat mehrfach Bewerbungen mit Lebenslauf und Anschreiben geschickt oder sogar persönlich abgegeben. Und? "Keine Antwort oder nur Absagen", seufzt sie schulterzuckend. "Soll ich eine andere Richtung einschlagen, oder noch besser Deutsch lernen?" 

"Dafür bin ich da", sagt Elena Lissy vom Caritasverband Remscheid, einem der Projektpartner.  Lissy, seit 15 Jahren Sozialarbeiterin und mit einer dreiviertel Stelle als Jobcoach im Projekt angestellt, berät zu beruflicher Qualifizierung, zum Thema Umorientierung und sie organisiert Bewerbertrainings. Lissy muss auch psychologisch unterstützen, trösten und motivieren: "Die Menschen sind enttäuscht. Deutschland sucht Fachkräfte und diese Arbeitssuchenden haben nichts bekommen." Da sitzt zum Beispiel eine ausgebildete Chemieingenieurin, die weiterhin keinen Job findet. 

Bewerbungstraining im Rollenspiel

In einem Raum sitzen mehrere Leute mit dem Rücken zur Kamera und schauen auf einen stehenden Mann vor einem Flip-Chart, der etwas erklärt. Der ehemalige Personal-Recruiter Michael Schrodt gibt Arbeitssuchenden ehrenamtlich Tipps und Hinweise für Bewerbungsgespräche.Foto: Markus Lahrmann

"Deutsch zu sprechen ist schwierig, deswegen ist das Vorstellungsgespräch wie eine Prüfung für mich", sagt diese. Oft heiße es: "Die Firma suchte jemanden mit Berufserfahrung in Deutschland und nicht als Quereinsteiger." Lissy berichtet aber auch, wie von einem Stahlarbeiter erwartet wurde, dass er zum Vorstellungsgespräch bei der deutschen Firma im Anzug kommt. In der Ukraine werde nicht so viel Wert auf Bewerbungsgespräche gelegt, da liege das Profil jedes Arbeitnehmers im Zentralregister, wo es ein potentieller Arbeitgeber per digitalem Code abrufen könne. 

Heute gestaltet ein Ehrenamtlicher das Bewerbungstraining: Michael Schrodt hat im Personal-Management eines großen Heizungsherstellers gearbeitet und weiß, wie Vorstellungsgespräche ablaufen.  Er gibt Tipps und Hinweise, dann wird ein Bewerbungsgespräch im Rollenspiel geprobt.  Der Bewerber hat einen Bachelor-Abschluss und Berufserfahrung als Chemielaborant und auch schon selbst unterrichtet. Nach dem Rollenspiel ist er mächtig stolz und voller Hoffnung, aber klar ist auch, dass er sein Deutsch verbessern müsste. Lissy wird ihm das sagen und ihn vermitteln. 

Bürokratie bremst

Porträt einer Frau mittleren Alter, die in die Kamera schaut. Sozialarbeiterin Elena Lissy berät beim Caritasverband Remscheid Menschen mit folgenden Herkunftsnationalitäten: Guineisch, türkisch, afghanisch, somalisch, eritreisch, syrisch, irakisch, ukrainisch, mongolisch, iranisch, mazedonisch, pakistanisch, nigerianisch, albanisch, gambisch, äthiopisch, georgisch, armenisch, ghanaisch, bangladeschisch, venezuelisch, aserbaidschanisch.Foto: Markus Lahrmann

Die Sozialarbeiterin veranstaltet alle fünf bis sechs Wochen ein solches Training. Zwischen den offenen Gruppenterminen berät sie Arbeitssuchende, vermittelt sie in Ausbildung oder in Qualifizierungsmaßnahmen. "Für mich sind alle Vermittlungen in Arbeit, Ausbildung, Praktika, Qualifizierung sowie die Anerkennung von Schul- und Berufsabschlüssen ein Erfolg, insbesondere wenn man die Bürokratie im Land betrachtet. Diese Vermittlungen sind begleitet von einer sehr mühsamen und vielfältigen Aufklärungsarbeit, da die Menschen, die zu uns kommen, oft ganz andere Vorstellungen haben", sagt Lissy. 

Deswegen ist die Beratung oft ein erster und sehr wichtiger Schritt. "Ich mache oft die Erfahrung, dass die Geflüchteten sich überhaupt nicht informieren, was gerade in diesem Land passiert. Sie haben sich eine eigene Welt geschaffen." 

Yana Mametska meint sie damit nicht. Die 24-jährige spricht fast perfekt und akzentfrei Deutsch. Sie übersetzt Redewendungen für ihre Mutter Olha Volkotrub (47), die geprüfte Handelsfachwirtin ist und zuletzt in der Ukraine in der Finanzbuchhaltung als Großhandelskauffrau im Eisenbahn- und Transportwesen gearbeitet hat. In Deutschland hat sie sich mit Hilfe des Jobcenters weiterqualifiziert und ist unendlich dankbar: "Das Jobcenter hilft sehr, wenn man aus dem Krieg kommt", sagt sie, "es gibt uns die Möglichkeit uns weiter zu qualifizieren, ohne dass man sich Sorgen um seinen Lebensunterhalt machen muss."Auch sie hofft auf eine Arbeitsstelle: mehr als 50 Bewerbungen habe sie schon verschickt, nur ein einziges Mal ein Vorstellungsgespräch erhalten. 
Ihre Tochter Yana besucht die Übersetzer- und Dolmetscher-Schule in Köln, lebt wie ihre Mutter vom Bürgergeld und hat einen ersten Einstieg in den Beruf bereits gefunden, sie gibt Deutsch-Kurse. "In zehn Jahren sehe ich mich als Deutsch-Dozentin in Integrationskursen und als Übersetzerin zwischen Deutsch und Ukrainisch", sagt sie zuversichtlich und selbstbewusst.


Das Netzwerk

"bergisch StArK" (StArK ist dabei die Abkürzung für Stabilisierung, Arbeit, Kompetenz) - so nennt sich das Beratungs- und Vermittlungsnetzwerk mit neun Netzwerkpartnern, darunter das Jobcenter und der Caritasverband in Remscheid.
Gefördert wird "bergisch StArK" im Rahmen des Programms "WIR - Netzwerke integrieren Geflüchtete in den regionalen Arbeitsmarkt" durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union (ESF Plus).

 

Porträt des PolitikersJens Geier (SPD), Mitglied des EuropaparlamentsFoto: Daniel Behmenburg

 "Gerade die Sozialdemokrat:innen im Europäischen Parlament wollen sich nicht damit abfinden, dass der ESF in einem intransparenten Förderungsbrei verschwindet. Dafür sind seine Aufgaben weiterhin zu wichtig. Um die Transparenz zu gewährleisten, aber auch um über den sozialen Charakter der EU Rechenschaft abzugeben.

Auch die regionale Steuerung ist für uns unerlässlich. In Deutschland bin ich zuversichtlich, dass eine gute Lösung gelingt, aber als MdEP muss ich auch an die anderen EU-Staaten denken. Ohne Erkennbarkeit der Mittel und mit einer zentralistischen Steuerung aus der Hauptstadt besteht die Gefahr, dass die sozialen Ziele noch weiter marginalisiert werden."

Jens Geier (SPD) Mitglied des Europaparlaments


Autor/in:

  • Markus Lahrmann
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