1 400 Schicksale

Langzeitarbeitslosigkeit bleibt ein Dauerproblem, weil nicht alle Menschen ständig Spitzenleistungen bringen können

Von Markus Lahrmann

Rund 1400 Bewerbungsgespräche hat Johannes Bürger nach seiner Pensionierung noch geführt. 1400 Schicksale von Arbeitslosen erzählt bekommen, die sich um eine Stelle in der Caritas-Werkstatt Schierwaldenrath bemühten. 1400 Begründungen angehört, warum jemand arbeitslos ist, vom Arbeitsamt geschickt wird und hofft, nun endlich wieder etwas tun zu können.

Nach seiner Pensionierung als Stadtdirektor von Hückelhoven wollte Johannes Bürger die Hände noch nicht ganz in den Schoß legen. Er gründete mit Pfarrer Dieter Wintz , dem damaligen 1. Vorsitzenden des Regionalen Caritasverbandes für die Region Heinsberg, und einigen anderen ein Arbeitslosenprojekt, damals noch etwas ungewöhnlich im Bereich der Caritas. Zehn Jahre lang, von 1991 bis 2000, war Bürger dann ehrenamtlicher Geschäftsführer der Caritas-Werkstatt Schierwaldenrath, einer gemeinnützigen GmbH. Die Caritas-Werkstatt beschäftigt Menschen, die vorher dauerhaft arbeitslos waren. Die betroffenen Frauen und Männer haben dort eine Chance zu zeigen, dass sie leistungsfähig und in der Lage sind, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Bürger hat die Bewerber und ihre Schicksale für sich in drei verschiedene Kategorien aufgeteilt:
Da sind zum Ersten diejenigen, die körperlich und geistig beeinträchtigt sind. Diese Menschen sind nicht schwerbehindert im Sinne des Gesetzes, sondern einfach nicht so leistungsfähig wie andere. "Sie finden einfach nichts auf dem ersten Arbeitsmarkt, weil die Anforderungen dort so groß sind, dass sie nicht mithalten können", sagt Johannes Bürger.

Zur zweiten Kategorie zählt er Menschen, die keine Qualifikation im Sinne einer abgeschlossenen Berufsausbildung haben, die keine Lehre begonnen haben oder sie abgebrochen haben oder die Prüfung nicht geschafft haben. "Viele resignieren, ihnen fehlt dann der Mut, einen neuen Anlauf zu nehmen", sagt Bürger. Manche arbeiten dann als Hilfsarbeiter, um sofort Geld zu verdienen, und sind dann die Ersten, die im Zuge von Rationalisierungen, Verschlankungen und Automatisierungen "freigesetzt werden". Da ist zum Beispiel Herr G. (22), der zwei Lehren begonnen und abgebrochen hat, weil ihm die Feinmotorik fehlte, und der danach nie eine Arbeitsstelle gefunden hat.

Und dann gibt es noch die Langzeitarbeitslosen, die allein aufgrund ihres Alters keine Arbeit mehr finden. So wie Herr H. (54), drei Kinder. Der gelernte Glasbläser konnte nach einem Unfall seinen Beruf nicht mehr ausüben, arbeitete seit acht Jahren in verschiedenen Städten in zeitlichen Abständen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM). Originalton: "Das Schlimmste für mich ist, dass eines meiner Kinder einmal morgens zu mir sagte: ‚Papa, warum gehst du eigentlich nicht arbeiten?´" Wer zwischen 45 und 50 Jahren aus welchen Gründen auch immer seinen Arbeitsplatz verliert, zählt für viele Unternehmen "zum alten Eisen" und wird nicht mehr eingestellt.

1 400 Lebensschicksale: Immer wieder hat Bürger die Reaktionen der Mitmenschen auf plötzliche und lang anhaltende Arbeitslosigkeit geschildert bekommen: "Die Leute sehen einen schief an hier im ländlichen Raum", "die Kinder haben keine Achtung mehr", den Menschen fällt die Decke auf den Kopf, dazu entstehen Alkohol-Probleme, Arbeitslosigkeit ist der Beginn von Ehe- und Familienzerwürfnissen.
Im Kreis Heinsberg gibt es etwa 12 000 Arbeitslose, davon gelten etwa 4 000 als Langzeit-Arbeitslose. Für die ist die Caritas-Werkstatt Schierwaldenrath da.

"Es gibt Menschen, die sind nicht qualifikationsfähig, die kommen aus total kaputten Familien." Wenn man dann erreiche, dass die einigermaßen pünktlich und regelmäßig zur Arbeit kommen, sei eigentlich das Äußerste der Möglichkeiten erreicht, sagt Bürger. "Mittelständische Betriebe können sich in der heutigen Konkurrenzsituation solche Mitarbeiter einfach nicht leisten", sagt Bürger. Oft gilt schon dauerhafte Arbeitslosigkeit als Makel bei Bewerbungen.

Was denkt er zu Vorurteilen über Langzeitarbeitslose wie etwa dem "die wollen gar nicht arbeiten"? "
Es gibt viele Menschen, die können gar nicht mehr wollen", sagt Bürger. "Haben Sie schon mal zehn Jahre zu Hause rumgelungert?", fragt er zurück. Ob durch eigene Schuld oder durch fremde Einflüsse, wer kann das schon beurteilen?

Bei seinen Vorstellungsgesprächen habe vielleicht ein Zwanzigstel der Bewerber nach dem Verdienst gefragt. "Die meisten sagten: ‚Hauptsache, ich bin zu Hause raus und kann was tun´, berichtet Bürger.

Im Kreis Heinsberg gab es früher viele kleine und kleinste Nähereibetriebe. Die mussten in den 90er Jahren fast alle dichtmachen, weil sie preismäßig nicht mithalten konnten mit der Billigware aus Portugal und Polen. Geschätzte 2 500 Näherinnen finden keine Arbeit mehr. Nach 1990 und dem Ende des Ostblocks machen, im Zuge der Abrüstung die Flughäfen im Kreisgebiet dicht, fast 2 000 Zivilangestellte wurden entlassen. Die Zeche Sophia-Jacoba in Hückelhoven stellte 1997 ihre Förderung ein, die 5 700 Kumpel standen auf der Straße.

Zehn Jahre hat Bürger seine selbst gewählte Aufgabe mit Engagement erfüllt, verschweigt rückblickend auch nicht die schweren Zeiten 1998/99. Damals wurde das Defizit der Werkstatt so groß, dass der örtliche Caritasverband bürgen und sogar der Diözesan-Caritasverband mit einem Darlehen einspringen musste, um den drohenden Konkurs abzuwenden. "In diesen zehn Jahren sind 500 Menschen durch diese Einrichtung gegangen, die kurzfristig oder mittelfristig, also ein bis zwei Jahre, wieder Arbeit hatten. In etwa 30 Prozent der Fälle ist es gelungen, diese Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. "Das Wichtigste war: Die Leute mussten sich wohl fühlen", sagt Bürger. Und dann zitiert er den verstorbenen Bischof von Aachen, den im Bistum immer noch unvergessenen Bischof Klaus Hemmerle: "Kirche ist für alle da, insbesondere für die Kleinen und die Armen am Rande."

Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 3/2002