Kommentar
Armut macht krank
Viele Menschen sind arm, weil sie krank sind, und viele krank, weil sie arm sind. Menschen in prekären Lebenslagen haben nachweislich ein erhöhtes Krankheitsrisiko, sind stärker von körperlichen und psychischen Krankheiten, Unfallverletzungen und Behinderungen betroffen und sterben früher. Studien belegen, dass die Lebenserwartung armer Männer um elf bis zwölf Jahre und armer Frauen um acht Jahre niedriger ist als im Durchschnitt.

Aber das ist nicht alles. Menschen in prekären Lebenslagen gelingt es auch aus subjektiven Gründen nur schwer, Zugang zu Angeboten zu finden, die ihnen trotz materieller Armut eigentlich offenstehen. Warum gehen Arme selbst dann seltener zum Arzt, wenn es für sie kostenlos ist, etwa zu Vorsorgeunter-suchungen oder Impfungen? Warum ernähren sie sich nicht aus eigenem Antrieb gesünder, bewegen sich mehr, rauchen weniger oder gar nicht? Es gibt einen erschreckend klaren Zusammenhang zwischen Armut, mangelnder Bildung und schlechter Gesundheit. Um nicht vorschnell Stigmatisierungen aufzusitzen, gilt es hinzuschauen, welche Ursachen dieses Verhalten hat.
Fest steht: Ein bloßer Verweis auf die Möglichkeiten unseres institutionellen, professionellen und hochkomplexen Gesundheitswesens genügt nicht. In ihm finden sich arme und ausgegrenzte Menschen allein nicht zurecht. Und klassische vorbeugende und früh erkennende Angebote erreichen erfahrungsgemäß leider diejenigen, die sie besonders nötig hätten, besonders schlecht. Gefragt sind deshalb zielgruppenorientierte, diskriminierungsfreie und aufsuchende Angebote, die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung armer Menschen für die eigene Gesundheit stärken. Im Sinne der Salutogenese geht es darum, mit benachteiligten Menschen gemeinsam Ressourcen zu erschließen, um gesund zu bleiben oder zu werden. Hierzu braucht es Netzwerke und ein gutes Quartiersmanagement, angebunden etwa an Familienzentren, Arbeitslosenberatungsstellen oder Seniorentreffs. Gemeinden und Caritas vor Ort sind im Kampagnenjahr 2012 einmal mehr aufgefordert, sich in der Verbesserung von Gesundheitsverhalten und Gesundheitsverhältnissen von Benachteiligten zu engagieren – damit Armut nicht krank macht.
Dr. Frank Johannes Hensel ist Diözesan-Caritasdirektor für das Erzbistum Köln und Herausgeber von „Caritas in NRW“. Aus Caritas in NRW, Ausgabe 1/12.









