"Wir sind immer noch auf der Suche nach einer Seele Europas"

Caritas-Präsident Neher auf

Europaforum2007: Caritaspräsident Neher

Eine sozialpolitische Flankierung der Wirtschaftspolitik hielt Caritas-Präsident Dr. Peter Neher auf dem Europaforum der nordhrein-westfälischen Caritas in Münster für unverzichtbar.

Europatagung: Wachstum und Wohlstand nur auf sicherer sozialer Grundlage möglich

Münster (cpm), 23.08.07 - Trotz gemeinsamer Währung und tausenden von vereinheitlichenden Richtlinien ist die Gemeinschaft noch nicht erreicht: "Wir sind immer noch auf der Suche nach einer Seele Europas", stellte der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Dr. Peter Neher, auf der am Donnerstag zuende gegangenen Europatagung der Caritas in Nordrhein-Westfalen fest. Wenn Europa für die Menschen Hoffnung und Zukunftsperspektive sein solle, brauche der Binnenmarkt eine sozialpolitische Flankierung. Seit dem ersten Europaforum der Caritas 2003 ist eine deutliche Entwicklung in diese Richtung festzustellen, bilanzierte der Münsteraner Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann zum Ende des zweitägigen Treffens im Fortbildungszentrum des Diözesancaritasverbandes Münster. An der Gestaltung der Sozialpolitik in Europa wolle die Caritas mitarbeiten und sei hier offen, "aber wir wissen auch, was wir an den Strukturen in Deutschland haben", kündigte Kessmann die Verteidigung notwendiger nationaler Standards im Interesse der hilfebedürftigen Menschen an.

Die Mitgestaltung europäischer Sozialpolitik sieht Caritas-Präsident Neher als "Teil des anwaltschaftlichen Engagements" seines Verbandes. Ein Ziel sei es, die Vorteile des deutschen Systems mit der Delegation sozialer Aufgaben an die Freie Wohlfahrtspflege in Brüssel zu erläutern. Sozialpolitik dürfe dabei nicht Teil der Wirtschaftspolitik bleiben, sondern müsse ein eigenständiges Politikfeld werden. Denn "Wachstum und Wohlstand sind nur möglich, wenn die sozialen Grundlagen gesichert sind".

Die Caritas scheue dabei nicht den Markt, aber "die Bedingungen müssen klar und fair sein", forderte Neher. Die Stärke der Wohlfahrtsverbände sieht er gerade in der Verbindung des Haupt- und Ehrenamts mit unternehmerischem Handeln. Am Beispiel der Befähigungsinitiative für Kinder und Jugendliche zeigte Neher auf, wie die Caritas durch konkrete Projekte auf nationaler Ebene sich an der Lösung eines europäischen Problems beteiligt und Vorbildfunktion übernehmen will. Hintergrund sei eine Arbeitslosenquote bei jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss von 15,7 Prozent in der EU und die hohe Rate der Kinderarmut.

"Wir können es uns nicht leisten, eine ganze Generation abzuschreiben", forderte Neher deutlich höhere

Als Bilanz des Europa-Forums der Caritas in NRW zog Münsters Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann unter anderem den Schluss, dass die Trennung zwischen Sozial- und Bildungspolitik aufgehoben werden muss.

Investitionen in Bildung. Mit dem Ansatz "Keiner kann nichts" versucht die Caritas in bundesweit 700 Projekten, die Chancen benachteiligter Kinder und Jugendlicher zu verbessern. Kindergärten werden angeregt sich mit Armutsfragen zu beschäftigen, Ausbildungsstellen für einfache Tätigkeiten werden in Caritaseinrichtungen eingerichtet, Caritas-Mitarbeiter begleiten Auszubildende als Paten und Kooperationen mit der freien Wirtschaft werden gesucht, nannte Neher einige Beispiele.

Hierbei geht es für Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann auch darum, soziale Abstiegserfahrungen von Familien über Generationen zu durchbrechen. Die Trennung zwischen Sozial- und Bildungspolitik müssen dabei überwunden werden. Die einseitige Ausrichtung in der EU auf die Wirtschaftspolitik habe dagegen die Kluft zwischen arm und reich wachsen lassen.

Für die Caritas in NRW sieht Kessmann die Aufgabe, die politische Interessenvertretung zu verstärken - zumindest solange Sozialpolitik in Berlin und Düsseldorf gemacht werde und die EU allenfalls Mindeststandards setze. Gleichzeitig würden sich die fünf Diözesancaritasverbände in Aachen, Essen, Köln, Münster und Paderborn um eine stärkere Nutzung der Förderinstrumente der EU bemühen, um ihre soziale Arbeit weiterzuentwickeln.  

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Caritas: Europa muss sozialer denken

Europaforum der Caritas in NRW in Münster/Freiwillige Engagement wird größere Rolle in einem sozialen Europa spielen

Münster (cpm), 22.08.07 -  Europas Bürger sind im weltweiten Vergleich glücklich, aber blicken sorgenvoll in

Europaforum 2007: Direktor Odenbach

Für die Caritas in NRW sagte der Paderborner Diözesancaritasdirektor Volker Odenbach auf dem Europa-Forum in Münster eine aktive Beteiligung an der Mitgestaltung eines sozialen Europa zu. 

die Zukunft. Das hat Roger Liddle, Berater für die EU-Kommission in Brüssel, in einem Bericht über die Soziale Wirklichkeit in Europa festgestellt. Für diesen scheinbaren Widerspruch gibt es Gründe. Vielen geht es gut, aber Globalisierung und demographischer Wandel bedrohen den Wohlstand. Um deren Folgen abzufedern muss aus seiner Sicht Europa sozialer denken und nicht mehr einseitig ökonomisch. Das ist auch Anliegen der Caritas in Nordrhein-Westfalen. Die Erhaltung der gewachsenen sozialen Strukturen und ihre Weiterentwicklung stehen im Mittelpunkt ihres zweitägigen Europa-Forums, das am Mittwoch in Münster begonnen hat.

Die politische Gestalt Europas muss "immer wieder erneuert werden", erklärte Volker Odenbach, Paderborner Diözesancaritasdirektor und Sprecher der Diözesancaritasverbände in NRW. Die Caritas wolle sich aktiv an der Mitgestaltung der Rahmenbedingungen beteiligen. Bei aller Anpassung an europäische Normen müsse dabei an dem in Deutschland bewährten Subsidiaritätsprinzip, nach dem der Staat soziale Aufgaben an freie Träger delegiere, erhalten bleiben. Einer Weiterentwicklung in einem gemeinsamen europäischen Rahmen werde sich die Caritas allerdings nicht verweigern.

Ein Pfund, mit dem die Caritas dabei wuchern kann, wird nach Ansicht von Roger Liddle in Zukunft noch größere Bedeutung gewinnen: "Freiwilliges Engagement wird eine zunehmend bedeutende Rolle in der Entwicklung eines sozialen Europas spielen", sagte Liddle, der einige Jahre als Europaberater Tony Blairs gearbeitet hat.

In seiner Studie für die Europäische Kommission hat Liddle festgestellt, dass insbesondere die Deutschen pessimistisch in die Zukunft schauten, auch wenn sich der Spitzenwert von gerade mal drei Prozent Optimisten seit November letzten Jahres inzwischen verbessert haben dürfe. In der Tat gebe es auch Anlass zu Sorgen. Allgemeines Problem in Europa sei, dass sich der Arbeitsmarkt zu Dienstleistungen entwickle, die auf Wissen gründeten, jedoch die Bildungssysteme damit nicht Schritt hielten. Im Gegenteil sei in einigen Staaten so auch in Deutschland das Bildungsniveau in den letzten Jahren sogar gesunken.

Anlass zur Sorge böten auch der demographische Wandel und die soziale Lage alter Menschen und Familien.

Europaforum 2007:Liddle

Roger Liddle erwartet eine wachsende Bedeutung des freiwilligen Engagement für die soziale Entwicklung der EU. 

Zwölf von 72 Millionen Rentnern in der EU seien relativ arm und 18 von 94 Millionen Kindern wüchsen in Armut auf. Für beide Entwicklungen sei es wichtig, die Berufstätigkeit von Frauen unter anderem durch bessere Kinderbetreuung zu fördern, so Liddle.

Es gebe jedoch auch positive Entwicklungen und Lösungsansätze. Beispielsweise biete Europa heute den Menschen mehr Möglichkeiten, unterschiedliche Lebensentwürfe zu verwirklichen. Um die Debatte über den Weg zu einem sozialen Europa anzustoßen, sei es besser voneinander zu lernen als immer neue Gesetze zu erlassen, empfahl Liddle.

Dass sich die soziale Dimension des europäischen Staatenbundes nur langsam entwickelt, führte Andrej Stuchlik von der Freien Universität Berlin unter anderem darauf zurück, dass Sozialpolitik ursprünglich nur als Flankierung der Wirtschaft gedacht war, damit sich der Markt ungehindert entfalten könne. In einem historischen Rückblick zeigte Stuchlik jedoch auf, dass die Sozialpolitik zunehmend von der EU in den Blick genommen werde. Ein Indiz dafür sei, dass im Vertrag von Nizza im Jahr 2000 soziale Grundrechte erstmals verankert worden seien.

Mit weiteren Vorträgen und Diskussionen über die soziale Vielfalt und Sozialdienstleistungen in Europa wird das Europa-Forum bis Donnerstag fortgesetzt. Zusammenfassend wird der münstersche Diözesancaritasdirektor Heinz-Josef Kessmann die Konsequenzen für die Caritas in Nordhrein-Westfalen aufzeigen.

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