Fördern statt versorgen

Auch Menschen mit Behinderungen im Rentenalter haben ein Recht auf Lebensqualität

Schlagartig erreichen in den kommenden Jahren immer mehr Menschen mit Behinderungen das Rentenalter -bislang wegen der Euthanasie-Verbrechen der Nazis in Deutschland eher eine Seltenheit. Daher sind oft weder die Behindertenhilfe noch die Altenhilfe konzeptionell auf die Versorgung alter Menschen mit Behinderung vorbereitet: Wie wollen sie leben, wohnen, ihre Zeit verbringen? Welche Unterstützung brauchen sie im Alltag? Was ist notwendig, damit sie am öffentlichen leben teilnehmen können?

Einige Antworten hat der Caritasverband für das Erzbistum Paderborn mit seinem einzigartigen Modellprojekt

Christine Schopf vom Institut für Gerontologie hat die repräsentative Nutzerbefragung augewertet. Michael Brohl, DiCV Paderborn, treibt die innerverbandliche Diskussion voran.
 
"Deutschland ist im Kern nicht altersfreundlich, weil Mitverantwortung von älteren Menschen viel zu wenig realisiert wird", sagt der Heidelberger Wissenschaftler Andreas Kruse.
Fotos: Markus Lahrmann
"gemeindeintegriertes Wohnen für Menschen mit Behinderung im Alter" gefunden. Ziel des Projekts sind die Weiterentwicklung bestehender und die Schaffung erforderlicher neuer Angebote sowie die Entwicklung aufeinander abgestimmter Handlungskonzepte für die verschiedenen Einrichtungen und Dienste der Behinderten- und Altenhilfe, aber auch der komplementären Angebote. Auf einer Fachtagung in Schwerte wurden die Eckpunkte einer Rahmenkonzeption mit Fachleuten und Praktikern aus den Diözesan-Caritasverbänden in NRW diskutiert.

Im Hochsauerlandkreis als Modellregion war Anfang des Jahres eine repräsentative Nutzerbefragung durchgeführt worden. Mitarbeiter in Wohnheimen, Werkstät ten und ambulanten Pflegediensten wurden gehört, und die Angehörigen kamen in Workshops zu Wort (siehe " Caritas in NRW" 2/06). Die drei größten Wünsche der Betroffenen für das Alter: Gesundheit, nicht alleine alt werden und ein selbstbestimmtes Leben. Doch was folgt daraus?

Etwa 30 Prozent der Menschen mit Behinderungen im Hochsauerlandkreis leben in Wohnheimen. Sie brauchen Angebote und tagesstrukturierende Maßnahmen, wenn sie als Rentner nicht mehr täglich zur Arbeit in die Werkstatt fahren. "Es wird mehr Angebote zur Gesundheitsförderung wie z. B. gesunde Ernährung und sportliche Aktivitäten geben müssen", sagt Christine Schopf vom Institut für Gerontologie an der Universität Dortmund, die das Modellprojekt wissenschaftlich begleitet. Es werden mehr Förder- und Freizeitangebote zur Steigerung der geistigen Mobilität, des Selbstbewusstseins und der Lebensqualität hinzukommen müssen. Man wird mehr in eine barrierefreie Umgebung investieren müssen, Mobilität stärker fördern und Sturzprophylaxe betreiben müssen. Auch das Personal in Einrichtungen der Behindertenhilfe wird sich stärker medizinisch, geronto-psychiatrisch und sozial-pflegerisch qualifizieren müssen. Bei der Befragung fühlten sich 88 Prozent der Mitarbeiter in Behindertenwerkstätten auf den Alterungsprozess unvorbereitet.

Ein anderes Beispiel: 19 Prozent der Behinderten in der Modellregion wohnen bei ihren Eltern. Welche sozialen Kontakte werden sie im Alter haben, wenn ihre Eltern selbst hochbetagt sind oder nicht mehr leben? Man müsse ihnen "Test-Wohnen" einrichten, individuelle Tagesstrukturierung ermöglichen, Pflege in gewünschter und geeigneter Umgebung bereithalten. "Um es auf den Punkt zu bringen: Fördern statt versorgen! ", fordert die Wissenschaftlerin.

Etwa zehn Prozent der Bevölkerung im Hochsauerlandkreis sind schwerbehindert, die Hälfte davon mehrfach behindert. Während insgesamt die allgemeine Bevölkerung zurückgeht, wird sich rein rechnerisch die Zahl der Menschen mit Behinderungen über 80 Jahren mehr als verdoppeln. Auch in diesem Alter haben sie ein Recht auf Lebensqualität. Mehrere Studien widerlegen inzwischen das Vorurteil, dass hochbetagte Menschen mit geistiger Behinderung keinen Zuwachs an Selbstständigkeit mehr erreichen können, sagt Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg. "Auch Menschen mit schwerster Demenz oder mit schweren geistigen Behinderungen können ein Leben in Würde führen", betont Kruse. Nötig seien allerdings kompetenzfördernde Programme, die die Betroffenen differenziert anregen, zu mehr Selbstverantwortung motivieren und ihnen Mitverantwortung er-möglichen, um so die Lebensqualität zu steigern.

Altenheime und ambulante Pflegestationen werden sich auf viel mehr Menschen mit Behinderung als bisher einstellen müssen. Auch strukturelle Konsequenzen für die Caritas sind zu erwarten: "Es müssen sozialraumorientierte Netzwerke oder Verbundsysteme entstehen, die eine adäquate soziale, pflegerische und medizinische Betreuung und Förderung sicherstellen", sagt Michael Brohl, Leiter der Behindertenhilfe der Paderborner Diözesan-Caritas.