Alltagsgeschichten

Wenn der Blinde den Lahmen schiebt

Vor nicht allzu langer Zeit hatte in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens, ein Heim besonderer Art Jubiläum: Bresovica feierte sein zehnjähriges Bestehen. Dieses Heim des Diözesan-Caritasverbandes Zagreb wurde noch während des Krieges auf dem Balkan gegründet, finanziert ausschließlich aus Spenden, besonders stark finanziert durch eine Spendenaktion des Südwest-Funks.

Es bot und bietet Kindern, die Opfer des Krieges geworden sind, Zuflucht, Heimat, Ausbildung. Diese Kinder sind meist verletzt, äußerlich und innerlich, oftmals ein Leben lang behindert. Die damalige Chefin der Zagreber Caritas, Jelina Braisja, seit über 40 Jahren unermüdlich tätig, fragte nicht nach Folgekosten, Kostenträgern, Konzepten, Qualitätsstandards und Ähnlichem, was heute so unabdinglich ist, um Gutes zu tun. Sie sah die Not der Kinder und half, „der Rest wird sich schon finden", meinte sie damals.

Nach Ende des Krieges, also nach 1995, kamen dann tatsächlich schwierige Zeiten durch die Normalisierung der Zustände. Auf einmal war wichtig, aus welchem der neuen selbstständigen Länder des ehemaligen Jugoslawien die Kinder kamen, da Kroatien nur für „seine Kinder" zahlen wollte. Sponsoren machten den Rest locker, seit zehn Jahren schon.Die Behörden wollten eine Spezialisierung, Braisja weigerte sich standhaft.

So kommt es vor, dass es fast biblisch zugeht in diesem Heim der über 100 Kinder, aus denen heute Jugendliche geworden sind. Bei einem meiner Besuche sehe ich auf dem Freigelände einen wild gewordenen Rollstuhl mit Inhalt und einem „Schieber" lauthals und viel zu schnell auf mich zukommen. Der „Inhalt", ein dunkelhaariger Knabe mit lauter Stimme, aber ohne Beine, der Schieber, ein hellhaariger Halbwüchsiger, aber ohne Augenlicht, der den lauten Weisungen des doppelbeinamputierten Kindes gehorcht und entsprechend schnell schiebt.

So wird biblisches Gut lebendig, und das aus Ungehorsam.

 

Rudi Löffelsend,
Pressesprecher der
Caritas im Ruhrbistum

Aus Caritas in NRW, Ausgabe 2/06