Kommentar

Caritas-Kampagne 2017

Zusammen sind wir Heimat.

Porträt: Josef LüttigJosef Lüttig

Zukunftsweisend deshalb, weil eine einheitliche Definition des Begriffs Heimat zunehmend schwerfällt. Die herkömmliche Vorstellung von Heimat passt nicht in eine hochkomplexe, moderne und virtuell geprägte Gesellschaft. Ein neuer Heimatbegriff wird im 21. Jahrhundert benötigt, und zwar einer, der weniger auf den Ort der Geburt und des Aufwachsens bezogen ist. Die Caritas-Kampagne 2017 thematisiert mit dem Motto "Zusammen sind wir Heimat." die Chancen und Voraussetzungen für eine offene Gesellschaft.

"Home is where your heart is", heißt es im Englischen. Dieses Herz kann heute durchaus an mehreren Orten zugleich hängen. Auch Zuwanderer und Flüchtlinge empfinden oft mehrere Länder als ihre Heimat: das ihrer ethnischen Herkunft und das, in dem sie seit Langem leben bzw. lange gelebt haben. Heimat entsteht, wenn sich biografische Wurzeln im privaten Umfeld oder auch im Sozialraum entwickeln können. Im Idealfall zielt diese Verwurzelung auch auf die Gesellschaft. Wenn diese allerdings in ihrer freiheitlichen Verfasstheit als Bedrohung oder Ausdruck von moralischer Dekadenz empfunden wird, läuft etwas schief. Abschottungsprozesse oder gar Parallelgesellschaften stehen einer Beheimatung grundsätzlich entgegen. Beheimatung ist nur erfolgreich, wenn zwei Kriterien erfüllt sind. Erstens: wenn Regeln und Werte der neuen Heimat akzeptiert und übernommen werden. Und zweitens: wenn in der neuen Heimat Möglichkeiten zur Teilhabe geschaffen und wahrgenommen werden.

Regeln und Werte übernimmt man hierzulande nicht, indem man seine Unterschrift unter das Grundgesetz setzt. "Wir müssen die Herzen der Menschen für diesen Staat gewinnen." Dieser Satz des Islamismus-Kritikers Ahmad Mansour trifft ins Schwarze. Wir alle sind "Werbeträger" für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, die seit fast 70 Jahren die "Seele" unseres Landes ausmacht, nicht zuletzt gelebt durch die Christen beider großer Kirchen. Unsere Werbeinstrumente können dabei denkbar einfach sein: die ausgestreckte Hand, das freundliche Wort, die einladende Geste. Jeder kann etwas tun. Die Jahreskampagne der Caritas "Zusammen sind wir Heimat." bietet da viele Ansätze.

Frust und Verzweiflung hemmen Integration

Auf politischer Ebene gilt es, alles zu tun, um erfolgreiche Beheimatung auch strukturell zu ermöglichen. Denn trotz zurzeit sinkender Flüchtlingszahlen wird uns die Flüchtlingsthematik noch über viele Jahre begleiten. Hier sind intelligente Lösungen gefragt. Die Erschwerung des Familiennachzugs oder die Wohnortzuweisung dienen nach Rückmeldungen aus den Caritas-Beratungsstellen allenfalls dazu, bei den Betroffenen Frust und Verzweiflung auszulösen. Will man so Menschen für diesen Staat gewinnen?

Neue Ideen sind gefragt, um Menschen nach oft traumatisierenden Fluchterfahrungen zu ermöglichen, eigene Fähigkeiten zu entdecken, ihren Lebensalltag in Eigenregie zu gestalten und am sozialen und politischen Leben der Gesellschaft teilzuhaben. Neben den Ausländerbeiräten und Integrationsbeiräten könnte es eine institutionalisierte Mitsprache von Asylsuchenden bzw. Flüchtlingen auf der lokalen und regionalen oder sogar nationalen Ebene geben. Warum können Asylsuchende bzw. Flüchtlinge nicht ihr eigenes "Parlament" in den Gemeinschaftsunterkünften wählen? Querdenken ist nötiger denn je, wenn es darum geht, die Rahmenbedingungen für eine gelingende Vielfaltsgesellschaft weiterzuentwickeln.

"Zusammen sind wir Heimat." Die Jahreskampagne der Caritas verspricht spannend zu werden.



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