Caritas in NRW

Heimat finden

Wie Integration gelingt

Porträt: Angie Manyari, die eine rot-weiß gestreifte Krawatte trägtAngie ManyariAndre Zelck

Als sie am 24. April 2004 am Düsseldorfer Flughafen landete, gerade 19 Jahre alt, sprach sie kaum ein Wort Deutsch. Heute arbeitet die junge Frau nach abgeschlossenem Studium als Sozialarbeiterin bei der Caritas in Bottrop - ein lebendiger Beweis für gelungene Integration und vielleicht auch Ansporn für ihre Gesprächspartner. Denn Angie Manyari berät Flüchtlinge und Migranten. "Ich weiß, wie sich die Leute fühlen", sagt die junge Frau. Sie kennt die Angst, die Unsicherheit und das Heimweh. In einer Kiste bewahrt sie stapelweise Briefe auf. Briefe, die sie geschrieben, aber nie abgeschickt hat. "Die sind so unendlich traurig. Ich wollte meine Familie nicht damit belasten." Nach Hause telefonieren und sich ein wenig Trost holen war auch keine Alternative. Vor 13 Jahren kosteten Ferngespräche nach Peru ein Vermögen.

"Ich musste zwar nicht vor einem Krieg flüchten. Aber in Peru hatte ich keine Perspektive." Das Mädchen aus Lima wollte studieren, doch seine Familie hätte kein Studium ­finanzieren können. Das Geld reichte gerade für das Notwendige, man lebte auf engem Raum, mit elf Personen - (Groß-)Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten - auf 90 Quadratmetern.

Angie Manyari heuerte als Au-pair-Mädchen an und landete in der tiefsten deutschen Provinz. Sie wollte Deutsch lernen, doch die nächste Volkshochschule in Hameln war zwei Stunden Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln entfernt. In den ersten Monaten malte sie Strichmännchen, um sich zu verständigen. Eine Methode, die die Sozialarbeiterin heute in der Beratung immer noch anwendet. Wenn ihr Gegenüber weder Deutsch noch Englisch oder Spanisch versteht, fängt sie an zu zeichnen. "Lernt die Sprache", lautet deshalb ihr Credo an die Flüchtlinge, die in ihr Büro kommen. Sprache als erster Schritt zur Integration.

Alles Geld selbst verdient

Nach dem Au-pair-Jahr hat sie mit Babysitten und Putzstellen Geld für einen Sprachkurs verdient. "Das war hart, so ein Kurs kostet 500 Euro im Monat." Angie Manyari betont, dass sie nie einen Cent vom deutschen Staat bekommen hat. Ihr peruanischer Schulabschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt, sie musste am Studienkolleg die Fachhochschulreife nachholen. Doch davor stand die Aufnahmeprüfung fürs Kolleg - eine hohe Hürde, denn sie musste in kurzer Zeit nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch lernen. "Ich musste immer jemanden finden, der mir hilft." Sie hat diese Menschen gefunden: Die Englischlehrerin, deren Wohnung sie geputzt hat, lernte später mit ihr Grammatik. Ein anderer borgte ihr Geld für den Flug nach Hause. "Ich hatte meine Familie sechs Jahre nicht gesehen, weil ich mir das Ticket nicht leisten konnte."

Dazu kam die ständige Angst, ausgewiesen zu werden. "Weil ich die Regelstudienzeit überschritten hatte, wollte die Ausländerbehörde mein Visum nicht mehr verlängern. Ich wusste: Du musst diese Prüfung jetzt schaffen, sonst war alles umsonst." Sie bestand die Prüfung. Doch dann schwebte das nächste Damoklesschwert über ihr. "Mein Studentenvisum lief aus. Ich musste innerhalb eines Monats eine Arbeit finden, um in Deutschland bleiben zu können." Auch das klappte. Sie bekam auf Anhieb den Job bei der Bottroper Caritas. Als Praktikantin und später als Ehrenamtliche hatte sie bei der Caritas Bielefeld einen guten Eindruck hinterlassen. "Es war ein unglaubliches Gefühl, nach zwölf Jahren eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis in den Händen zu haben."

Eine Hand mit türkis lackierten Nägeln, die in einem Buch zum Ausländerrecht blättert. Das Buch ist mit farbigen Markierungsstreifen versehen.Angie Manyari (31) begann 2013 als hauptamtliche Mitarbeiterin im Projekt ElNet, bei dem Asylbewerber und anerkannte Flüchtlinge mit Qualifizierungsmaßnahmen, Integrationskursen und Sprachkursen unterstützt wurden, eine Arbeitsstelle zu finden.Andre Zelck

Integration, sagt Angie Manyari, kann nur gelingen, wenn sich beide Seiten darum bemühen. "Ganz wichtig dabei ist, dass man sich gegenseitig respektiert." Sie versucht, ihre Schützlinge sowohl über ihre Rechte als auch über ihre Pflichten zu informieren. Und ebenfalls über Gepflogenheiten hierzulande. "Ganz simple ­Dinge, die die Leute aber nicht wissen. Etwa, dass man sich hier die Hand gibt. Oder dass man erst mal ,Guten Tag‘ sagt, wenn man irgendwo reinkommt."

Immer wieder muss sie Balkan-Flüchtlingen vermitteln, dass ihre Chancen auf Anerkennung des Asylverfahrens äußerst gering sind. "Es ist hart, aber es ist besser, sich der Wirklichkeit zu stellen." Die Sozialarbeiterin zeigt den Leuten aus dem Kosovo den Weg auf, der sie erwartet, auch geografisch. Was ihr manchmal schwerfällt. "Aber es nutzt den Menschen nicht, wenn ich mitheule." Wie jeder Sozialarbeiter weiß sie, dass man eine gewisse Distanz wahren muss, weil die Arbeit sonst emotional zu sehr belastet. Aber manchmal erzählt die Peruanerin trotzdem Persönliches, spricht davon, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Ab und zu nimmt sie einen Flüchtling auch in den Arm. "Es gibt Situationen, da tut das den Menschen einfach gut."

Zwischendurch hat Angie Manyari überlegt, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, hat dies aber erst mal wieder verworfen. "Ich fühle mich als Teil der deutschen Gesellschaft. Ich bin aber auch noch Peruanerin, selbst wenn ich nicht den ganzen Tag Salsa tanze." Die temperamentvolle Südamerikanerin, die mit ihrem deutschen Partner in Essen wohnt, sagt: "Mein Leben ist jetzt hier." Auch wenn sie sich nie an bestimmte Dinge in Deutschland gewöhnen wird - nicht an Kleingartenvereine und auch nicht an Regenmäntel.

Inzwischen war sie mehrmals wieder in Peru. "Das ist am Anfang ein richtiger Kulturschock. Alles ist chaotisch und laut. Überall wird gehupt, und alle sprechen gleichzeitig. Daran muss man sich erst mal wieder gewöhnen." Als sich Angie Manyari darüber beschwerte, dass ihre Schwester 50 Minuten nach der verabredeten Zeit auftauchte, musste sie sich anhören: "Angie, bleib locker. Du bist jetzt in Peru."



Porträt: Angie Manyari, die ihren Kopf gegen eine Tür lehntSeit 2015 arbeitet sie in der Flüchtlingsberatung beim Caritasverband Bottrop.Gabriele Beautemps

"Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt. Das bezieht sich nicht unbedingt auf einen Ort, sondern auf die Menschen um einen herum.

Meine Heimat ist Münster. Ich habe da eine Zeitlang gewohnt. Jedes Mal, wenn ich nach Münster fahre und meine alte WG wiedersehe, meine alten Freunde, die Musik und dieses chaotische Wohnzimmer, fühle ich mich zu Hause.

Das ist einfach so schön, weil ich dort so viele Menschen kennengelernt habe, die mittlerweile meine kleine Familie sind. Menschen aus Bolivien, Venezuela, Uruguay und drei Deutsche, die mit uns gewohnt haben. In diesem Wohnzimmer haben sieben Personen oft alle zusammen total durcheinandergeredet - Deutsch, Spanisch, Englisch und alle möglichen Sprachen, und trotzdem haben wir uns gut verstanden. Dazu kommen auch andere Faktoren: die Sprache, das gemeinsame Essen und alle Erfahrungen, die wir zusammen gemacht haben."

Angie Manyari



Die Handzeichnung eines Hauses und einer Uhr in roter FarbeStrichmännchen

Anfangs malte sie Strichmännchen, um sich zu verständigen. Eine Methode, die sie in der Beratung immer noch anwendet. Wenn ihr Gegenüber weder Deutsch, Englisch noch Spanisch versteht, fängt sie an zu zeichnen.



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