Caritas in NRW

Heimat Dortmund-Nordstadt

Wenn Menschen aus 126 Nationen zusammenleben

Eine bunte Menschenmenge, die bei einem Familienfest zu einem Bühnenprogramm applaudiertBuntes Publikum. Die Gäste des gut besuchten Familienfestes auf dem Nordmarkt im Rahmen des Roma-Kulturfestivals Djelem Djelem beklatschen das Bühnenprogramm.Alexander Völkel

Auf 14 Quadratkilometern im größten zusammenhängenden Gründerzeitviertel Nordrhein-Westfalens ­leben knapp 60 000 Menschen. Das Image des alten Dortmunder Arbeiterviertels ist seit dem Niedergang der Schwerindustrie denkbar schlecht. Wenn die Nordstadt in den Medien auftaucht, werden Menschen regelmäßig mit Sätzen zitiert wie "Nordstadt, da geht keiner freiwillig hin" oder "Ist schon ein hartes Getto" wie jüngst in einem Nordstadt-Porträt der FAZ unter dem bezeichnenden Titel "Dealen im Schichtdienst". Der Leser erfährt, dass es an der Ecke Mallinckrodtstraße am Nordmarkt so aussehe, "als würde der Siff der Straße langsam die Hauswände hochkriechen". Solche Bilder sitzen. Das Problem ist, dass es attraktive Ecken in der Nordstadt gibt, aber immer auch das Gegenteil. Das Aschenputtel-Image klebt trotz aller Anstrengungen an dieser Gegend wie UHU plus.

Das Grundgesetz ist die rote Linie

Und dennoch: Trotz aller negativen Etiketten bleibt Pfarrer Schocke bei seiner Einschätzung: "Es ist nicht so, dass hier die Horden durch die Straßen laufen." Ja, auch die Nordstadt sei für viele Bewohner zur echten Heimat geworden. "Dies würde nicht funktionieren, wenn sich die Menschen ständig bedroht fühlten." Vielleicht hat die Nordstadt anderen Gegenden sogar etwas voraus: Hier lässt sich wie in einem Brennglas der Umgang mit dem Fremden und Andersartigen einüben, vielleicht die entscheidende Zukunftsaufgabe in einer zwangsläufig zusammenrückenden Welt.

Pastor Schocke steht im Eingang der Suppenküche Kana in der Dortmunder Nordstadt vor einer MenschenmengePastor Schocke vor der Suppenküche Kana. Oft kommen 280 bis 300 Gäste zum Mittagessen – Arme, Obdachlose und Bedürftige.Jürgen Sauer

Vertrauen zwischen Kulturen, aber auch zwischen den Religionen herzustellen, funktioniert laut Pfarrer Schocke nur über persönliche Kontakte und vielfältige Netzwerke. "Wir müssen alles fördern, was Begegnung ermöglicht", beschreibt Schocke die Aufgabe der christlichen Kirchen in diesem Prozess. Und so öffnen sich die Pfarrheime seiner Gemeinden für Menschen unterschiedlicher Nationalitäten: von Sprachkursen über gemeinsames Kochen bis hin zu Theatergruppen. "Wichtig ist, dass wir nicht unter uns bleiben und uns nur in internen Kreisen bewegen."

Wer will, kann in der Nordstadt eine kulinarische Weltreise erleben. Aber hier wohnen?

Schocke räumt ein, dass es nicht immer einfach ist, diese Kultur der Offenheit und Begegnung mit den muslimischen Gemeinden zu pflegen. "Das Hauptproblem ist, dass wir keine einheitlichen Ansprechpartner haben." Mit Sorge sieht er, dass die meisten muslimischen Eltern ihre Kinder weiterhin dem Religionsunterricht von Moscheevereinen anvertrauen. Der wird allerdings nicht staatlich kontrolliert. "Was wir brauchen, ist ein verpflichtender Integrationsunterricht an den Schulen." Eine Grenze des Dialogs ist für Schocke erreicht, wenn die Begegnung zwischen den Religionen nicht auf Augenhöhe und im gegenseitigen Respekt möglich ist. Keine Chance auf Dialog sieht er mit radikalen Muslimen, die Gläubige anderer Religionen als ",kuffar" (Ungläubige) verachten. "Selbst wenn wir akzeptieren müssen, dass nicht alle Menschen die Werte unserer Gesellschaft teilen, so ist das Grundgesetz hier die rote Linie."



Stadtteil mit Migrationsgeschichte

Im 19. Jahrhundert war das Viertel extra für Migranten geplant worden: Zuerst kam die Dorfbevölkerung aus vielen Teilen Deutschlands, dann kamen Polen, seit 1950 "Gastarbeiter", vor allem aus der Türkei.



Nichts beschönigen - nichts wegschieben

"Uns geht es um Vielfalt in der medialen Einfalt", schreiben die Nordstadt-Blogger über ihr Ziel. Sie sind erfahrene Journalisten, die ehrenamtlich aus der und über die Nordstadt berichten. Damit reagieren sie auf Qualitätsdefizite und Spardruck in den Lokalzeitungen.

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