Caritas in NRW

Caritas und Pastoral

Zusammenwirken bietet riesige Chancen

Zwei Heiligenfiguren aus Holz, die dicht bei einander liegen. Bei dem Foto wurde ein starker Zoom angewendet."Wo Menschen erfahren, ob und wie sie von der Kirche geliebt werden"Andre Zelck

Das Verhältnis von Caritas und Pastoral ist ein von beiden Seiten immer wieder lebhaft diskutiertes Thema. Da wird von den Verantwortlichen aus der Pastoral bemängelt, dass sich die verbandliche Caritas zu wenig um das ehrenamtliche caritative Engagement in den Pfarrgemeinden kümmere, auf der anderen Seite kritisieren Caritas-Vertreter, dass aus den Gemeinden wenig Interesse und Unterstützung für das Handeln der caritativen Dienste und Einrichtungen deutlich werde. So fordert denn auch der Diözesan-Pastoralplan für das Bistum Münster: "Das Bistum Münster strebt eine qualitativ stärkere Vernetzung von Caritas und Pastoral in allen Bereichen des kirchlichen Lebens an …" (sehen Sie hierzu den Beitrag "Auf Leben und Tod").

Wenn man sich nicht allein von alten Kritikpunkten und immer wieder vorgebrachten Vorurteilen des "ach so schwierigen Verhältnisses zwischen Caritas und Pastoral" leiten lassen will, müsste klar sein, dass gerade in der aktuellen Situation der Kirche die Zusammenarbeit und das ­Zusammenwirken der Pfarrei mit den caritativen Einrich­tungen und Verbänden vor Ort für beide - für Caritas und Pastoral - riesige Chancen bieten.

Diese besondere Möglichkeit resultiert insbesondere daraus, dass Caritas und Pastoral in ihrem Handeln auf der Grundlage des Glaubens von einer gemeinsamen Leitidee getragen werden - der Nähe zu den Menschen. So hat zum Beispiel das Bistum Münster im Februar 2018 ein Heft herausgegeben, das unter dem Titel "Kulturwandel im Bistum Münster - die katholische Kirche im Bistum Münster als Kirche, die Beziehung stiftet" pastorale Vorhaben und Entwicklungsprozesse für die kommenden Jahre beschreibt. "Eine Kirche, die Beziehung stiftet", eine solche pastorale Leitidee hat auch für die Caritas eine hohe Attraktivität. Denn in die Sprache der Caritas übersetzt, geht es dabei ja um die "Nähe zu den Menschen", wie in vielen Leitbild- und Programmaussagen caritativer Verbände und Einrichtungen als Zielrichtung formuliert wird. "Nähe zu den Menschen" meint dabei ja nicht nur die Nähe der Menschen untereinander, sondern eben immer auch den Aspekt der liebenden Nähe Gottes zu den Menschen, insbesondere zu den Menschen in Not.

Gerade in einer Zeit, in der die Kirche nicht mehr automatisch auf volkskirchlichen Selbstverständlichkeiten aufbauen kann - das ist ja mit dem Kulturwandel gemeint -, haben Caritas und Pastoral angesichts der gemeinsamen Ausrichtung gute Möglichkeiten des gemeinsamen Lernens und Erprobens, wie man diesen kulturellen Wandel gestalten kann.

Dies soll im Folgenden anhand einiger konkreter Handlungsfelder und Aktivitäten gezeigt werden.

Wenn Caritas und Pastoral in ihrer Arbeit die Nähe zu den Menschen als ein handlungsleitendes Motiv angeben, müssen sie bewusster als bisher den Lebensraum der Menschen und deren konkrete Notwendigkeiten, Bedürfnisse und Interessenlagen in den Blick nehmen. Sozialräumliches Arbeiten ist gefordert - und dies setzt die bewusste Erkundung dieses Raumes voraus. Gerade in diesem Bereich können Caritas und Pastoral gemeinsame Erfahrungen machen und auch Ergebnisse zusammen nutzen. Gleichzeitig öffnet eine solche Form der Arbeit den Blick auf weitere mögliche Akteure und Partner, die sich ebenfalls einbringen wollen und können. Auf der Basis eines solchen Arbeitsansatzes sind zum Beispiel gemeinsame Quartiersprojekte zwischen den Kirchengemeinden und Caritasverbänden entstanden oder in Planung. Dabei wird es immer wieder darum gehen, nicht nur in Gebäude zu investieren, um so ein Quartier zu "errichten". Ein Quartier muss leben, und dazu braucht es das Miteinander und Füreinander der Menschen, die dort leben. Weder Caritas noch Pastoral darf sich damit zufriedengeben, allein den Raum geschaffen zu haben, auch das Zusammenleben muss gefördert werden, damit die Menschen im Quartier ihre Ressourcen gut einbringen können.

Genau in dieselbe Richtung geht auch die Weiterentwicklung der Idee der Sozialbüros, die es mittlerweile in vielen Kirchengemeinden gibt. Sie stellen in der Regel eine gute gegenseitige Ergänzung von hauptamtlichem Engagement des Caritasverbandes auf der einen Seite und ehrenamtlichem caritativem Engagement der Kirchengemeinde auf der anderen Seite dar. Die Sozialbüros (Sozialtreff, Sozial-Café und andere Bezeichnungen sind unterschiedliche Namen für diesen Arbeitsansatz) stellen eine hervorragende Möglichkeit dar, wie durch ein Miteinander von haupt- und ehrenamtlichem Engagement "Nähe zu den Menschen" und ihren konkreten Nöten und Sorgen realisiert werden kann.

Ein zweites gemeinsames Lern- und Handlungsfeld für Caritas und Pastoral ist mit dem Beispiel der Sozialbüros schon angesprochen: die Förderung des ehrenamtlichen Engagements und dessen Verbindung mit dem hauptamtlichen Tun in Pastoral und Caritas.

Im Bistum Münster geschieht dies paradigmatisch im Feld der Gemeindecaritas. Hier arbeiten Ehren- und Hauptamtliche sowohl aus der Pfarrei als auch aus der verbandlichen Caritas zusammen und können so ihre jeweiligen Stärken und Möglichkeiten in einem gemeinsamen Prozess einbringen. Dabei hat es sich als besonders sinnvoll erwiesen, Ehren- und Hauptamtliche gemeinsam und in entsprechend zusammengesetzten Teams auf ihre Arbeit vorzubereiten und fortzubilden.

Eine besondere Form der Förderung ehrenamtlichen Engagements stellt die Fortbildung zum Begleiter/zur Begleiterin in der Seelsorge in der Altenhilfe, in der Behindertenhilfe und in der Krankenhausseelsorge dar, wie sie in den Diözesen Essen, Köln, Paderborn und Münster von den Diözesan-Caritasverbänden zusammen mit den entsprechenden pastoralen Strukturen angeboten wird. Die Teilnehmenden dieser Fortbildungen verbinden ihr Interesse an Menschen in diesen besonderen Lebenslagen mit dem Wunsch zur Mitwirkung in der Seelsorge. Angesichts der zurückgehenden Möglichkeiten einer hauptamtlichen Seelsorge in den vielen Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe stellen diese Begleiter in der Seelsorge eine wichtige Ressource zur Verfügung, um die Menschen in Einrichtungen in deren spezieller Lebenslage seelsorglich anzusprechen und so auch die christliche Identität der Einrichtungen zu stärken. Auch in vielen Krankenhäusern gibt es mittlerweile die Zusammenarbeit der hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger mit Teams von qualifizierten ehrenamtlichen Begleitern in der Seelsorge.

Der St.-Paulus-Dom in Münster aus der Seitenperspektiven. Neben dem Dom sind drei Fahnen-Masten mit Caritas-Flaggen in den Boden eingelassenDie katholische Kirche ist ohne ihre Caritas nicht denkbar. Predigt und heilsamer Dienst mit den Händen bilden schon im Leben und Wirken Jesu eine Einheit. Der Dienst am Nächsten öffnet die Augen für die Liebe Gottes.Harald Westbeld

Ein besonders gelungenes Beispiel der Zusammenarbeit zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, zwischen Caritas und Pastoral, war sicherlich die gemeinsame Flüchtlingsarbeit der Kirchen in den letzten Jahren. Hier darf man feststellen, dass alles Engagement und alle Hilfeleistungen, die die örtlichen Caritasverbände in diesem Feld aufgebaut haben, ohne das vielfältige Engagement der Ehrenamtlichen aus den Pfarreien nicht möglich gewesen wären. Umgekehrt wäre aber sicherlich auch das großartige ehrenamtliche Engagement ohne die professionelle Unterstützung aus den Ortscaritasverbänden an vielen Punkten schnell an die eigenen Grenzen gestoßen. Einen besonders wichtigen Beitrag haben dabei zum Beispiel im Bistum Münster die sogenannten Flüchtlingskoordinatorinnen und -koordinatoren geleistet, die sich vor allem für die Begleitung und Koordination des breiten ehrenamtlichen Engagements eingesetzt haben. Egal, ob bei den Sprachkursen, bei der Hilfe bei Behördengängen, bei der Wohnungssuche oder auch bei der Rechtsberatung der geflüchteten Menschen, überall ergänzen sich haupt- und ehrenamtliche Dienste im Interesse der bei uns lebenden geflüchteten Menschen. Und - das kann man auch sagen - hier wird es weiterhin und auf Dauer vielfältige Möglichkeiten und Notwendigkeiten des gemeinsamen Handelns geben.

Dieses gemeinsame Engagement von örtlichen Kirchengemeinden und Caritasverbänden hat den Ruf der Kirche im gesellschaftlichen Umfeld deutlich verbessert. Sie hat - gerade in der Zeit, als die politischen Diskussionen um die Migration Fahrt aufnahmen - konsequent und glaubwürdig an ihrem Engagement festgehalten; das hat eine positive Wertschätzung auch bei kirchenfernen Menschen erfahren und für viele einen Anstoß gegeben, sich neu mit unserem Glauben auseinanderzusetzen. Auch so kann Kirche missionarisch sein.

Abschließend möchte ich noch ein drittes Handlungsfeld benennen, in dem ich für die Zukunft erhebliche Potenziale der Zusammenarbeit zwischen Caritas und Pastoral sehe. So hat das Bistum Münster in dem bereits oben genannten Heft "Kulturwandel im Bistum Münster" als ein wichtiges pastorales Zukunftsvorhaben die Stärkung der "gemeinsamen Verantwortung für die Kirche vor Ort in Leitung und Partizipation" beschrieben und einen entsprechenden Orientierungsrahmen vorgestellt. Damit soll es in den Pfarreien des Bistums Münster möglich werden, in den Gemeinden unterhalb der Ebene der Pfarrei Leitungsstrukturen ehrenamtlicher Leitungsteams zu erproben. Solche Gemeinden können dabei Ortsgemeinden, aber auch Einrichtungen und Personalgemeinden sein. In diesem Sinne stellen bereits heute, davon bin ich fest überzeugt, viele kirchlich-caritative Einrichtungen "Gemeinde" dar. Der Orientierungsrahmen des Bistums Münster bietet diesen Einrichtungen die Möglichkeit, teilzuhaben an der Verantwortung für die Kirche vor Ort und den caritativen Aspekt des kirchlichen Lebens in diesem Entwicklungsprozess einzubringen. Ich halte dies für eine sehr große Chance, dem caritativen Engagement in den Gemeinden einen größeren Stellenwert zu geben, glaube allerdings, dass diese Leitungsmodelle in den nächsten Jahren sicherlich noch eine Zeit des Übens und Erprobens benötigen. Wenn dann allerdings gemeinsame Verantwortung in dieser Form gelingt, kann damit ein echter Schritt im "Kulturwandel" "von der Volkskirche hin zu einer Kirche des Volkes Gottes" - so der Bischof von Münster, Dr. Felix Genn - möglich sein.

Ein verändertes Verhältnis von Caritas und Pastoral bis hin zu einer "gemeinsamen Verantwortung für die Kirche vor Ort in Leitung und Partizipation" könnte also einen wichtigen Baustein für die Kirche der Zukunft darstellen. Bilder für eine solche Kirche der Zukunft zu entwerfen, dies ist immer auch eine wichtige Aufgabe der Katholikentage gewesen. Auch in Münster wird es dazu sicherlich engagierte, aber auch kontroverse Diskussionen geben. Als Caritas möchten wir mit diesem Heft unseren Beitrag leisten, der den Stellenwert der Caritas für die zukünftige Kirchenentwicklung und den anstehenden "Kulturwandel" in den Blick nimmt.

Heinz-Josef Kessmann
Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Münster und Sprecher der Diözesan-Caritasdirektoren in Nordrhein-Westfalen

direktor@caritas-muenster.de




Porträt: Karl WensinkPfarrer Karl Wensink (77), Diözese MünsterFoto: Lisa Uekötter

"Ich habe eine eher ungewöhnliche Priesterlaufbahn hinter mir, da ich fast ausschließlich in caritativen Einrichtungen und kaum in Gemeinden tätig war und bin. Dafür bin ich sehr dankbar, weil ich den Menschen dort näher bin und sie mich infrage stellen und ermutigen. Seit fast zehn Jahren arbeite ich als Pfarrer in Haus Hall. Auch dessen Bewohner haben meine Blickrichtung verändert, weil mein Amt als solches für sie keine Bedeutung hat. Sie denken nicht in kirchlichen Strukturen, sondern bestimmen selbst, was Kirche sein soll. Dadurch bin ich in meiner Persönlichkeit herausgefordert."

Karl Wensink
77 Jahre, Pfarrer in der bischöflichen Stiftung Haus Hall, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung



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