Interview

Projekt Sozialzentrum

Näher bei den Menschen

Schwester Martina Paul und Klaus-Peter Bongardt vor einer mit Graffiti besprühten WandSchwester Martina Paul ist Missionsschwester vom Heiligsten Herzen Jesu mit der Ordenssendung, nahe an Menschen am Rand der Gesellschaft zu sein. Die diplomierte Sozialpädagogin kam 2001 als Gemeindereferentin nach Duisburg, sie engagierte sich im Stadtteil Hochfeld und setzte den Aufbau des sozialen und pastoralen Zentrums durch. Sie ist weiter Gemeindereferentin in der Pfarrei Liebfrauen und leitet seit 2013 das Sozialzentrum St. Peter im Herzen von Hochfeld. Klaus-Peter Bongardt ist Diplom-Pädagoge. Mit der Umstrukturierung des Caritasverbandes 2006 wurde er Gemeindecaritas-Mitarbeiter für die neu gegründete Groß-Pfarrei Liebfrauen und ist inzwischen Fachteamleitung für den Gesamtfachbereich Gemeindecaritas beim Caritasverband Duisburg.Christoph Grätz

Caritas in NRW Wie erleben Sie den gemein­samen Einsatz von Caritas und Pastoral hier im "Schmelztiegel" Hochfeld?

Klaus-Peter Bongardt: Hier findet Zusammenarbeit zwischen Caritas und Pastoral sehr konkret statt! Wir brauchen uns tatsächlich gegenseitig mehr, als viele vielleicht meinen: Gottesdienst und Liturgie ist das eine - das andere ist die wirkliche Nähe zu den Menschen! Wir machen hier auch einen "Gottes-Dienst" - und das spüren die Menschen in diesem Stadtteil.

Caritas in NRW: Sr. Martina Paul, wie erleben Sie das gemeinsame Wirken von haupt- und ehrenamtlichem Gemeindecaritas-Engagement?

Schwester Martina: In dieser Verzahnung leben wir den Auftrag der Pastoral, nah bei den Menschen zu sein und die Frohe Botschaft zu verkünden. Alles, was wir hier tun, geht ja auf unseren christlichen Background zurück. Jetzt spreche ich in der Begegnung und in der direkten Arbeit nicht ständig von Gott oder Jesus Christus. Aber wenn ich gefragt werde, erzähle ich von meinem Auftrag, meinem Hintergrund. Sowohl der Caritas als auch der Pastoral ist die Wertschätzung der Menschen gemein; wir haben es hier im Sozialzentrum ja mit Menschen der unterschiedlichsten Religionen und Nationen zu tun.

Natürlich spielt auch diese Überlegung eine Rolle: Wie können wir das alles finanziell stemmen? Wie gewinnen wir weitere Gemeinwohlarbeiter? Das ist der Part, den mein Caritas-Kollege Klaus-Peter Bongardt übernimmt, während ich die Leute vor Ort begleite. Deshalb funktioniert unsere Verbindung so gut. Immerhin sind wir hier jetzt im fünften Jahr gemeinsam im Sozialzentrum St. Peter aktiv und haben einen Kreis von insgesamt 70 Ehrenamtlichen aufgebaut.

Caritas in NRW: Welche gemeinsamen Projekte haben Caritas und Pastoral denn noch initiiert?

Klaus-Peter Bongardt: Es ist uns gelungen, ein sozialcaritatives Netzwerk ins Leben zu rufen!

Hier treffen sich Haupt- und Ehrenamtliche von Caritas-Einrichtungen und pastoralen Angeboten, die auf dem Gebiet der Pfarrei tätig sind, z. B. aus der Trauerbegleitung und der Flüchtlingsarbeit. Dieser Versuch, Caritas neu mit Pfarrei und Kirche in Verbindung zu bringen, ist gut gelungen. Denn wir müssen uns ja nichts vormachen: Auch für Caritas-Mitarbeitende ist die Kirchenlandschaft manchmal Neuland und nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Hier Verbindungen zu schaffen durch authentische Personen wie Sr. Martina - das ist ganz wichtig! Und schnell wird dann klar, wie man sich gegenseitig weiterhin befruchten kann: die verbandliche Caritas einerseits und die organisierte Pfarrei andererseits, so dass dann etwas Neues entstehen kann, wie bei unserem Projekt im Stadtteil Kasslerfeld, wo es keine Kirche mehr gibt: Hier findet mittlerweile die Kirche vor Ort im Caritas-Altenheim St. Clemens statt. Die immer älter werdende Gemeinde feiert gemeinsam mit den Bewohnern einmal im Monat Gottesdienst.

Das Altenheim nimmt aktiv an Aktionen des Stadtteilarbeitskreises teil. Hier entstehen Ideen wie die alljährliche Kinder-Rallye und dass der Martinszug Station am Altenheim macht. Oder dass der Karnevalsverein mit dem Altenheim ein gemeinsames Sommerfest feiert. Mit dieser Zusammenarbeit von Pastoral und Caritas kann Duisburg wirklich punkten!

Caritas in NRW: Sr. Martina, Sie bekommen eine ganze Menge mit: soziale Nöte, Armut, Sucht, Vereinsamung. Wie wichtig ist da ein starker Partner wie der Caritasverband Duisburg mit seinem umfassenden Hilfsnetzwerk?

Schwester Martina: Eine Mitarbeiterin der Caritas macht hier bei uns bereits niederschwellige soziale Beratung, und zwar dreisprachig! Darüber hinaus kennt sie natürlich die Caritas-Profis und alle Hilfsangebote, an die sie vermitteln kann. So zum Beispiel in das Caritascentrum Mitte in der Grünstraße, wenn es um Schwangeren-, Erziehungs- und Kurberatung geht.

Außerdem sind wir z. B. vernetzt mit dem Arbeitskreis "Kinder und Jugend", dem Arbeitskreis "Neue EU-Bürger" und mit dem Runden Tisch Hochfeld. Das sind alles Akteure hier vor Ort, die sich gegenseitig unterstützen.

Klaus-Peter Bongardt: Die Vernetzung funktioniert in beide Richtungen gut, wobei die Verzahnung von Caritas und Pastoral denkbar einfach ist. Und vor allem ist sie das: eine Win-win-Situation für beide Seiten!

Die Fragen stellte Christoph Grätz.

www.caritas-duisburg.de/caritaszentren

Siehe auch: "Neue Partner", in: "caritas in NRW", Ausgabe 4/2010 - "Caritas in neuen pastoralen Räumen", als PDF hier verfügbar



2006 wurden im Bistum Essen 259 Pfarreien zu damals 43 Großgemeinden zusammengelegt. Fast zeitgleich strukturierte der Caritasverband in Duisburg um und schuf dezentral sieben Caritaszentren, von denen es heute noch sechs gibt. In jedem Stadtbezirk der Großstadt Duisburg sollten die Bewohnerinnen und Bewohner das volle Leistungsspektrum der Caritas wohn­ortnah erreichen können. In diesem Prozess rückten auch Caritas und Pastoral enger zusammen. Inzwischen haben sich in den Stadtbezirken Schwerpunkte der Arbeit herausgebildet. Ein besonderes Vorzeigeprojekt ist das Sozialzentrum St. Peter im Stadtteil Hochfeld.