Caritas in NRW

Caritas und Pastoral

Gott will das Glück seiner Kinder auf dieser Erde!

Ein Obdachloser steht mit Papst Franziskus beim Jubiläumsfest 'Fratello' in Rom vor Publikum auf einer Bühne. Der Papst hält die rechte Hand des Obdachlosen und streicht lächelnd über seinen Kopf.6000 Obdachlose und Ausgegrenzte lud Papst Franziskus im November 2016 nach Rom ein. Gemeinsam feierten sie das Jubiläumsfest „Fratello“ zum Abschluss des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit. Rund 600 Pilger kamen aus Deutschland, darunter 150 Wohnungslose aus dem Erzbistum Köln.L’Osservatore Romano

Eine arme Kirche für die Armen zu bauen, ist nicht der Wunschtraum eines frommen Sozialromantikers, sondern das tägliche Geschäft der Caritas.

Caritas ist mehr als Sozialarbeit

Caritas ist mit dem Geheimnis einer besonderen Liebe verbunden, die Jesus uns Menschen geschenkt hat. Diese Liebe nimmt den anderen so an, wie er ist; diese Liebe wertschätzt den, der nicht liebenswürdig ist; diese Liebe fordert nichts vom Gangster, vom Bösen; sie nimmt die Schwäche und Bosheit des Gegenübers an und schenkt Güte und Barmherzigkeit zurück. Diese Liebe schaut nicht weg, wenn Unschuldige leiden; sie fürchtet sich nicht, wenn Unrecht mächtig ist: Denn diese Liebe kennt die Macht des Auferstandenen.

Diese Liebe an die Orte zu bringen, wo Menschen ausgegrenzt werden: ins Bordell, in die Drogenszene, ins Hospiz, in die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, ins Frauenhaus und in die Haftanstalt - ist Auftrag der Caritas. Und zwar ohne frommes Geschwätz. Unsere Verkündigung ist unser Lächeln, unser Anpacken, unsere Fachlichkeit und unser Gebet, von dem keiner etwas ahnt. Ohne diese Liebe in der Dimension des Kreuzes, ohne Hoffnung auf das Unmögliche der Auferstehung im Alltag wird Caritas-Arbeit farblos.

Tun wir nicht so, als sei alles in Ordnung!

Denn es gibt die alte Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hat und jetzt nur 300 Euro Rente bekommt! Es gibt den jungen Mann, der als Bundeswehrsoldat in Afghanistan war und jetzt Drogen nimmt, weil er mit diesen Erlebnissen nicht zurechtkommt! Es gibt die Arbeitslose, die arbeiten will, endlich einen 450-Euro-Job hat, den Job aber wieder aufgibt, weil sie mit den Unmengen an Papier beim Jobcenter nicht klarkommt. Es gibt Menschen, die von anderen wie Konsumgüter behandelt und nach Gebrauch weggeworfen werden: den "Arbeiter-Strich", Prostituierte, Menschen, die zu organisierter Bettelei erpresst werden. Es gibt die Illegalen in unseren Großstädten, die Geflüchteten, die jahrelang nur geduldet werden und denen das Recht auf Familienzusammenführung verwehrt wird. Es gibt die Frau mit ihren kleinen Kindern, die von ihrem Mann bedroht wird, es gibt die jungen Mädchen, die missbraucht werden.

Solchen Menschen will die Caritas einen Neuanfang ermöglichen. Der Auftrag dazu ist derselbe, den schon der Prophet Jesaja von Gott bekommen hatte: "Der Herr hat mich gesandt, den Armen gute Nachrichten zu bringen; die zu heilen, die ein gebrochenes Herz haben, und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen." Bei diesem biblischen Gnadenjahr wurden alle Schulden abgeschrieben, das Minus gestrichen, Versklavte freigelassen. Einmal im Leben sollten alle Dinge wieder so werden, wie sie ursprünglich von Gott gedacht waren. Arme aus der Schuldenfalle zu befreien, Abhängige von einer Sucht zu heilen, den gebrochenen Herzen ihre Würde zurückzugeben, einen Neuanfang zu ermöglichen: Daran arbeitet die Caritas. Im Auftrag Gottes.

Caritas kämpft auch politisch

Es geht nicht um milde Gaben, sondern auch um die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse. "Niemand kann von uns verlangen, dass wir die Religion in das Innenleben der Menschen verbannen, ohne Einfluss auf das soziale und nationale Geschehen. Gott will das Glück seiner Kinder auch auf dieser Erde!", schreibt Papst Franziskus in "Evangelii gaudium"! Die Caritas weist auf die Zusammenhänge von ungerechter Weltwirtschaft und Armutsmigration hin. Sie fordert, die Verschwendung der ­Ressourcen der Erde zu beenden. Sie mahnt, dass Privateigentum sich nur dadurch rechtfertigt, dass es dem Gemeinwohl dient!

In Deutschland ist Kirche bis auf wenige Ausnahmen verbürgerlicht. Darum muss die Caritas dicke Bretter bohren. Denn in einer armen Kirche für die Armen ist der Arme der "Kirchenlehrer", weil Christus in ihm lebt. Die Armen helfen der Kirche, sich neu an Christus zu orientieren. Deswegen ist Caritas Anwalt dafür, dass die Armen in den Kirchengemeinden keine Gäste sind, sondern ein Zuhause haben. Durch Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen hilft Caritas, die "Ekelschranke" zu überwinden und Freundschaften zu initiieren.

Caritas ist Mission und Leidenschaft. Caritas ist der Teil von Kirche, der wächst.

Weihbischof Ansgar Puff
Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes im Erzbistum Köln

ansgar.puff@erzbistum-koeln.de



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