Interview

Wohnung unbezahlbar

Unter dem Druck des Jobcenters

Porträt: Angelika BeckAngelika Beck arbeitet seit 1970 als Sozialarbeiterin beim Caritasverband Ennepe-Ruhr. Ihr Aufgabengebiet sind die Schwangeren- und Familienberatung sowie Allgemeine Sozial­beratung.Christoph Grätz

Caritas in NRW Mit welchen Anliegen kommen wohnungssuchende Menschen zu Ihnen in die Beratung?

Angelika Beck: Häufig sind es alleinstehende Mütter mit ihren Kindern oder Familien, die aufgrund des Familienzuwachses eine größere Wohnung brauchen. Oft haben wir es auch mit psychisch Kranken zu tun, die betreut werden. Oder es kommen Menschen, die vom Jobcenter aufgefordert wurden, sich eine preiswertere Wohnung zu suchen, weil nach einer Mieterhöhung die Mietobergrenze überschritten wurde. In solchen Fällen leisten wir Schützenhilfe bei Ämtern, Vermietern oder Wohnungsgenossenschaften.

Caritas in NRW: Was sind die Gründe für Benachteiligungen am Wohnungsmarkt?

Angelika Beck: Es gibt nicht genügend bezahlbare Wohnungen. Die Zuwanderung hat die Situation verschärft, aber das Problem existiert schon viel länger: Es gibt einfach zu wenig günstige Wohnungen mit Mieten unterhalb der Grenze, bis zu der das Jobcenter nach dem SGB II oder SGB XII die Kosten der Unterkunft übernimmt.

Caritas in NRW: Wie gestaltet sich Ihre Zusammenarbeit mit den Jobcentern?

Angelika Beck: In unserem Einzugsbereich sehr schwierig. Wohnungssuchende, die vom Jobcenter unterstützt werden wollen, müssen alle Wohnungsangebote dort vorlegen. Erst wenn sie das "Okay" vom Amt haben, können sie den Mietvertrag unterschreiben. Doch Anfragen liegen manchmal tagelang beim Sachbearbeiter, den selbst wir dann oft weder telefonisch noch per E-Mail erreichen können. Haben wir ihn dann endlich erreicht, bekommen wir manchmal zu hören: "Es fehlen noch Unterlagen", so dass sich schon die Genehmigung drei bis vier Wochen hinziehen kann. Dann ist die Wohnung meistens weg. Ich habe manchmal den Eindruck, die Sachbearbeiter haben für die sozialen Probleme der Menschen überhaupt kein Verständnis. Gerade im Kundenkontakt braucht es doch Mitarbeiter, die zuhören und Verständnis für die Probleme der Menschen haben.

Das zeigt sich auch in anderer Hinsicht: Wenn die Miete nur einen Euro über der amtlichen Mietobergrenze liegt, lehnt das Jobcenter die Kostenübernahme ab. Manchmal wollen die Menschen die Differenz selbst zahlen, sich dies buchstäblich vom Mund absparen. Dann zahlt das Jobcenter zwar die Kosten der Unterkunft, bestraft die Menschen jedoch, indem es die einmalige Beihilfe für den Umzug verweigert, kein Darlehen für die Kaution oder den Genossenschaftsanteil gibt und nichts zur Renovierung beisteuert. Die Leute sind dann oft verzweifelt und resignieren.

Caritas in NRW: Was müsste sich denn grundsätzlich am Wohnungsmarkt verbessern, damit Wohnungssuchende weniger Probleme haben?

Angelika Beck: Es braucht mehr bezahlbaren Wohnraum. Der sozial geförderte Wohnungsbau muss entscheidend ausgebaut werden. Es gibt zurzeit nur sehr wenige Gesellschaften, die sich wirklich um den sozialen Wohnungsbau kümmern. Das war vor 20, 30 Jahren anders. Heute sind alle Sozialwohnungen belegt, und es werden auch keine weiteren gebaut. Solange es auf dem Papier noch Wohnungen gibt, die formal unterhalb der Mietobergrenze liegen, dient dies dem Jobcenter als Beleg dafür, dass es gar keine Wohnungsnot gibt. Für das Amt spielt es offensichtlich keine Rolle, wie wenige Wohnungen das sind und in wie schlechtem Zustand diese sind. Außerdem brauchen wir eine Erhöhung der Mietobergrenzen, damit bedürftige Menschen schneller und einfacher ein Dach über dem Kopf bekommen.

Die Fragen stellte Christoph Grätz.