Kommentar

Wohnraummangel

Schrottimmobilien sind menschenunwürdig

Porträt: Sabine DepewSabine DepewFrederike Lepper

In Deutschland leben rund 52000 Menschen vollkommen ohne Obdach auf der Straße. Davon sind etwa 2500 Frauen und um die 6500 Straßenkinder. Darüber hinaus gibt es mehrere 100 000 Menschen, die ohne festen Wohnsitz leben. Die Situation der Obdach- und Wohnungslosen hat im Zuge der Flüchtlingszuwanderung noch mal eine neue Dimension bekommen. Hier galt es, insbesondere den unbegleiteten Kindern und Jugendlichen ein Dach über dem Kopf zu geben. Die Not der wohnungslosen und obdachlosen Menschen ist manchmal deutlich sichtbar im Straßenbild.

Ganz anders verhält es sich mit Kindern, Jugendlichen und Familien, die in viel zu kleinen Räumlichkeiten hausen, die die Hälfte ihres Monatseinkommens für Miete aufwenden müssen und damit von sozialer Ausgrenzung bedroht und betroffen sind, weil sie für Kultur, Sport, Freizeitgestaltung und Bildung einfach kein Geld mehr zur Verfügung haben.

Diese Kinder und Familien leben zudem noch häufig in Kommunen, deren Infrastruktur aufgrund der finanziellen Situation ebenfalls im Vergleich zu anderen zurückfällt. Schwimmbäder, Schulen und Bibliotheken sind längst nicht mehr auf dem neusten Stand. Wenn wir fordern: "Jeder Mensch braucht ein Zuhause!", dann gehören dazu eben auch die Nahversorgung und der Sozialraum.

Wucherpreise für heruntergekommene Häuser und Wohnungen

Die Wohnraumversorgung hat sich in den letzten zwei Jahren deutlich verschlechtert. Im Ruhrgebiet bekommen viele Menschen keine Wohnung oder können die angebotenen Wohnungen nicht bezahlen. Dazu kommt, dass heruntergekommene Häuser, sogenannte "Schrott­immobilien", in Problemstadtteilen große Sorgen bereiten. Die Häuser sind nicht mehr bewohnbar, weil viele Mängel das Wohnen lebensgefährlich machen. In Gelsenkirchen beispielsweise ist regelmäßig eine kommunale Eingreiftruppe unterwegs, die die verdächtigen Häuser kontrolliert. Was sie zu sehen bekommen, sind kaputte Dächer, einsturzgefährdete Treppenhäuser, Schimmel oder defekte Toiletten.

In den sogenannten "Schrottimmobilien", in denen häufig Menschen aus Rumänien oder Bulgarien leben, hausen zehn Menschen auf 80 Quadratmetern. Manchmal sogar noch mehr. Gar nicht so selten sind es Familien, die gekommen sind, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Gerade in den Ruhrgebietsstädten gibt es unseriöse Vermieter, die mit der Wohnraumnot Geschäfte machen. Sie vermieten heruntergekommene Häuser und Wohnungen zu Wucherpreisen. Derlei Wohnverhältnisse widersprechen nicht nur den Prinzipien der katholischen Soziallehre, sondern jedem menschenwürdigen Denken, Handeln und Dasein. Im Mittelpunkt christlichen Daseins steht die unveräußerliche Personenwürde des einzelnen Menschen. Soziale Verhältnisse, Strukturen und Institutionen sind in dem Maße sozial gerecht, wie sie Möglichkeiten zur personalen Entfaltung des Einzelnen bieten, und zwar jedes Einzelnen. Davon leiten sich Partizipation und Inklusion als zentrale ethische Forderungen ab.

Die Caritas fordert daher ein Recht auf bezahlbaren und gesunden Wohnraum, um menschenwürdiges Leben zu ermöglichen!

Sabine Depew
Vorstandsvorsitzende des Caritasverbandes für das Bistum Essen, Diözesan-Caritasdirektorin im Ruhrbistum und Herausgeberin von "caritas in NRW".

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