Interview

Luxusgut Wohnen

„Der Politik fehlt es an sozialer Fantasie”

Porträt: Benjamin MarxBenjamin Marx, 63, ist studierter Psychologe und Projektleiter der katholischen Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft. Die Immobiliengesellschaft wurde 1949 unter dem Leitwort 'Wohnungsbau ist Dombau' gegründet. Sie besitzt und verwaltet heute 25000 Wohnungen vor allem in Köln, Düsseldorf, Essen und Berlin. Gesellschafter sind die Erzbistümer und Bistümer Aachen, Essen, Köln, Münster, Paderborn und Trier.Markus Harmann

Caritas in NRW: "Wohnen: wesentliche Zeit seines Lebens an einem bestimmten, ­geschützten Ort verbringen." Diese Duden-Definition steht unübersehbar an der Wand Ihres Foyers - warum?

Benjamin Marx: Weil wir alle uns immer wieder bewusst machen müssen, was Wohnen eigentlich bedeutet. Es geht nicht um Luxus oder Rendite. Es geht um das Recht des Menschen auf ein Zuhause. Das kann auch klein sein, aber jeder braucht diesen geschützten Raum. Für mich bedeutet Zuhause, dass ich dort so sein kann, wie ich bin.

Caritas in NRW: Und das wird häufig vergessen?

Benjamin Marx: Ja, anders lässt sich nicht erklären, warum Wohnungsbau derzeit eher im oberen Segment beginnt. Wenn man es mit der Autobranche vergleicht, muss man sagen: Wohnungsbau fängt beim 3er-BMW an. Darunter ist es für Investoren uninteressant. Es werden gezielt eben vor allem nicht öffentlich geförderte Wohnungen gebaut, auch um Auflagen wie überzogene Barrierefreiheit zu umgehen. Viele bauen auch gar nicht erst, weil sie sich nicht mit den Ämtern anlegen wollen: Die Vorschriften in Sachen Brandschutz, Schallschutz oder Energietechnik sind exorbitant gestiegen und machen Wohnungsbau immer teurer.

Caritas in NRW: Die Folgen sind mangelnder Wohnraum für Familien und Alleinstehende, exorbitante Mieten, Quartiere, die kippen. Was muss sich ändern?

Benjamin Marx: Die Städte und Kommunen müssen ihre Standards überdenken. In Köln fehlen 50 000 Wohnungen, vor allem kleinere Wohnungen um die 50 Quadratmeter - für ältere oder jüngere Paare oder Studenten. Die Stadt hat genau wie wir als Kirche eine soziale Verantwortung und darf sich nicht verhalten wie ein Hedgefonds. Baugenehmigungen dürfen nur noch dann erteilt werden, wenn die Miete eine bestimmte Höhe nicht überschreitet.

Caritas in NRW: Wie kann das funktionieren?

Benjamin Marx: Das Münchener Modell ist hier beispielhaft. Die Stadt knüpft Baugenehmigungen an die Zusage von Bauherren, dass Haushalte mit mittleren Einkommen und Familien mit Kindern vergünstigt zur Miete wohnen können. Die Höhe liegt zwischen 7,50 Euro und 11 Euro je Quadratmeter Wohnfläche im Monat. Ziel ist es, 20 bis 25 Prozent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete zu bleiben.

Caritas in NRW: Bezahlbarer Wohnraum ist das eine, die Gefahr der Ghettoisierung das andere. Schauen Sie sich Köln-Chorweiler an, wo vor allem ärmere Menschen, die weniger Miete zahlen können, in Hochhäusern wohnen. Ist das die zwangsläufige Folge des sozialen Wohnungsbaus?

Benjamin Marx: Nein, Chorweiler ist kein Ghetto. Hoch heißt nicht automatisch arm. Wir müssen aber darauf achten, dass wir - wenn es um Hochhäuser geht - vertikale Dörfer bauen und keine Schlafstätten. Die Infrastruktur muss sich mitentwickeln. Die Menschen müssen hier leben, arbeiten und einkaufen können. Und vor allem: Wir brauchen soziale Vielfalt! Die Entmischung, die wir in diesen Quartieren auch sehen, ist das eigentliche Problem und vor allem eine Folge verfehlter Politik.

Caritas in NRW: Aber wer es sich leisten kann, zieht doch weg aus den Hochhaussiedlungen. Neu hinzu kommen Menschen, die von Sozialleistungen leben müssen. Jetzt konkurrieren auch noch Flüchtlinge um den mangelnden Wohnraum.

Benjamin Marx: Mit den Flüchtlingen hat die Krise auf dem Wohnungsmarkt überhaupt nichts zu tun. Mitte 2015 lebten 8000 Flüchtlinge in Köln. Bis heute kamen 3000 weitere hinzu. Auf gut 100 Kölner kommt also ein Flüchtling - das ist nun wirklich keine ernsthafte Konkurrenz.

Caritas in NRW: Merkmal der Projekte, die Sie angestoßen oder mitentwickelt haben, ist, dass sich hier Menschen verschiedener Herkunft begegnen. In Berlin-Neukölln haben Sie einen Wohnkomplex saniert, in dem heute Berliner und zugezogene Roma leben, im gerade eingeweihten Klarissenkloster in Köln leben Kölner und Flüchtlinge Tür an Tür. Inwieweit könnte die Politik von solchen Projekten lernen?

Benjamin Marx: Das Problem der Politik ist doch, dass ihr die soziale Fantasie fehlt. Politiker beklagen oft Parallelgesellschaften, dabei leben sie selbst in einer und verkennen, dass Wohnungsnot ein drängendes Problem ist. Es muss sich wirklich schleunigst etwas tun, sonst nehmen die sozialen Spannungen zu. Mit dem 2012 eingeweihten Haus für Roma und Berliner haben wir gezeigt, dass es funktioniert, Bevölkerungsgruppen zu mischen, auch Vorurteile abzubauen. Das Quartier lebt, weil der Ansatz ein kreativer ist. Das ist meine Botschaft.

Caritas in NRW: Viele Investoren beklagen, dass die Auflagen, vor allem in Sachen Brandschutz, immer weiter steigen.

Benjamin Marx: Wenn Sie den Brandschutz aus Köln nach Berlin mit seinen großen Altbaubeständen und vielen Hinterhöfen übertragen würden, müssten sie fast alle Wohnungen stilllegen. Daran sieht man, wie willkürlich er ist. Denn nach dieser Logik sind die Menschen in älteren Bestandsbauten weniger wert. Oder warum gilt der vermeintlich so wichtige Brandschutz nur für neue Wohnungen? Das ist zynisch. Man sollte beim Brandschutz also auf ein normales Maß zurückkehren.

Caritas in NRW: Was treibt Sie persönlich an?

Benjamin Marx: Ich bin überzeugter Christ und glaube, dass jeder Mensch gleich viel wert ist. Wenn diese Maxime gilt, kann ich nicht zulassen, dass die Miete für ihr Zuhause den Menschen die Luft abschnürt.

Das Interview führte Markus Harmann.

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