Projektbericht

Langzeitarbeitslose

Schritt für Schritt ins Leben

Ein Mann sitzt mit dem Rücken zur Kamera an einem Schreibtisch, auf dem eine große Zahl an Büchern aufgereiht ist. An der Wand hängen unter anderem einige Bilder.Annette Etges/Caritas

Für Olaf war der Schutzengel ein moderner Flaschengeist. Denn dieser erschien ihm vor sieben Jahren bei einem seiner damals üblichen Trinkgelage und gab ihm drastische Worte mit auf den Weg: "Wenn du jetzt weitersäufst, gibt es dich bald nicht mehr!" Diese Mahnung auf Leben und Tod hat Olaf ernst genommen bis zum heutigen Tag. Keinen Tropfen Alkohol hat er seither angerührt. "Es war die letzte Chance, raus aus Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit und schlechten Gedanken zu kommen. Ich wollte meinen Schutzengel nicht enttäuschen", erzählt der 58-Jährige. Und das hat er zum Glück nicht. Zum Interview treffen wir ihn als elegant gekleideten Jungsenioren - mit akkurat sitzendem Halstuch, Zopf und Dreitagebart - jemand, der angekommen und glücklich ist im Leben. "Dass ich wieder hier sitzen kann ohne große Angst vor Sucht und Depression, verdanke ich diversen Therapien und meinem Überlebenswillen. Heute kann ich sagen: Das Leben ist wieder lebenswert."

Ein weiblicher Coach und ein Lotse des Projektes 'Schritt für Schritt' sitzen an einem Tisch reden miteinander. Der Coach hat Dokumente in der Hand.Coach Nicole Wollenberg und Lotse Olaf bringen sich auf den neuesten Stand.Marco Eschenbach

Und dieses Gefühl möchte Olaf auch anderen Betroffenen vermitteln. Deshalb engagiert er sich seit Frühjahr 2016 in Langenfeld als ehrenamtlicher Lotse bei "Schritt für Schritt - Brücken bauen", einem Pilotprojekt für Langzeitarbeitslose in NRW. Dort helfen er und seine Kollegen Einzelpersonen und Familien, wieder am sozialen Leben teilzunehmen. Miteinander reden, Erledigungen machen, Ämter- und Therapiegänge begleiten: Die Arbeitslosen benötigen in vielen Bereichen Unterstützung. Und genau hier sind Lotsen wie Olaf gefragt: "Ich helfe bei augenscheinlich kleinen Dingen im Alltag. Was für viele selbstverständlich ist, ist für uns oft ein großer Schritt raus aus dem sozialen Eis. Das weiß ich aus eigener Erfahrung", erzählt Olaf.

Wissen, was Sache ist, auf Augenhöhe mit den Betroffenen sein: Genau das macht die Arbeit der Lotsen von "Schritt für Schritt" so wertvoll. Denn so viel ist klar: Ratschläge nimmt man vor allem von den Menschen an, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. "Welche Gedanken dir auf dem Weg zum Entzug durch den Kopf gehen, das könnten wir nie nachvollziehen. Das können nur ehemals Betroffene", sagt Sozialpädagogin Nicole Wollenberg, die zusammen mit einer Kollegin als Coach die derzeit zwölf Lotsen und 26 betroffenen Haushalte in Langenfeld professionell betreut. Die Arbeit der Coaches beinhaltet dabei die pädagogische Begleitung genauso wie die Schulung der Lotsen oder die Unterstützung bei Problemen.

Zwei Lotsen des Projekts 'Schritt für Schritt' stehen vor einem gefüllten Schuhregal und lehnen sich daran anSchritt für Schritt: Die Lotsen Alexander (links) und Olaf (rechts) helfen Langzeitarbeitslosen auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft.Marco Eschenbach

Mit dem Projekt "Schritt für Schritt" erfolgreich sein, das bedeutet in erster Linie, die Betroffenen wieder willkommen im Leben zu heißen. Damit die Menschen sich wieder ernst genommen fühlen, sie spüren, dass sie wieder ein Teil des Alltags sind, ist mühsame Aufbauarbeit von­nöten. Das weiß auch Michaela Hoffmann, Expertin für Armutsfragen beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln und eine der Hauptverantwortlichen des Projekts: "Wir möchten zu sozialer Teilhabe verhelfen. Menschen wie Olaf müssen wieder spüren, dass sie selbst­verständlich zu unserer Gesellschaft dazugehören und diese tatkräftig mitgestalten können." Erst dann sei an weitere Erfolge zu denken: "Die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt wäre natürlich ideal, ist aber kein akutes Ziel unserer Maßnahmen."

Den ersten Schritt dieses richtig guten Plans hat Olaf bereits erfolgreich gemeistert. Nun soll der nächste folgen. Über seine Arbeit als Langenfelder Lotse möchte er sich als Mitarbeiter in der sozialen Arbeit empfehlen. "Die Arbeit mit den Menschen zeigt mir, dass ich etwas kann und dass ich wieder etwas wert bin. Dieses Gefühl möchte ich so vielen Menschen wie möglich weitergeben", sagt der gelernte Bauschlosser. Er weiß: "Nicht jeder hat einen Schutzengel wie ich, der es so gut mit einem meint."

Richtig gute Nachrichten gab es jetzt für Olaf, die anderen Lotsen und alle Betroffenen: Das Projekt "Schritt für Schritt - Brücken bauen" geht auch nach 2017 weiter. Aus der Politik gab es jetzt grünes Licht für weitere zwei Jahre: "Das ist ein richtiges Zeichen! Denn die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt: Wollen wir den Betroffenen helfen und damit für eine ebenbürtige Gesellschaft kämpfen, geht das nur mit dauerhaften Projekten, die Schritt für Schritt sich den Bedürfnissen der Betroffenen annähern!"

Marco Eschenbach

Für weitere Informationen:

SkF Langenfeld
Telefon: 02173/39476-58



Gegen Armut und soziale Ausgrenzung

Das Logo des Projekts 'Schritt für Schritt - Brücken bauen' mit dem Namen und drei Schuhabdrücken danebenDie Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Freien Wohlfahrtspflege NRW startete 2015 das zunächst auf drei Jahre angelegte und jetzt um zwei Jahre verlängerte Pilotprojekt "Schritt für Schritt - Brücken bauen" an den Stand­orten Herford, Gronau, Oberhausen, Solingen und Langenfeld. Das Projekt wird durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert und durch das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt. Ziel ist es, mit Hilfe von sogenannten Lotsen und Coaches die soziale Teilhabe von erwerbslosen Menschen und deren Familien zu fördern. Die Lotsen sind dabei "Experten in eigener Sache" und leisten wichtige Hilfe zur Selbsthilfe bei den Betroffenen. Die Coaches fungieren als qualifizierte pädagogische Begleitung.

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