Caritas in NRW

Zwischen heute und morgen

Leben und Wohnen im Alter

Zwei Seniorinnen sitzen auf Gartenstühlen in einer ParkanlageGesellschaftliche Teilhabe im Alter beginnt vielleicht beim Kaffeeklatsch, hört aber mit Sicherheit nicht dort auf. Der Strukturwandel des Alter(n)s erfordert passgenaue und ebenenübergreifende Anpassungsleistungen der Gesellschaft.Deutscher Caritasverband/KNA

Es genügt nicht, unsere aktuellen Erfahrungen und Vorstellungen von Familienbeziehungen, Krankheitsbildern, Wohn- und Pflegearrangements einfach auf die Zukunft zu übertragen. Denn der Gesundheitszustand, die soziale Lage und die individuellen Vorstellungen von Lebensqualität sowie das daraus resultierende Verhalten der zukünftigen Alten verändern sich schneller und unvorhersehbarer als ihre Anzahl. Darum muss sich, wer sich heute mit dem künftigen Wohnen und Leben im Alter beschäftigt, vor allem mit dem Unbekannten im Bekannten auseinandersetzen. Es geht darum, zu schauen, welche Spielräume angesichts der bekannten demografischen Fakten in einer alternden, langlebigen Gesellschaft in den kommenden Jahren zur Verfügung stehen - oder auch erst geschaffen und dann vor ­allem genutzt werden müssen.

Die Prognosen liegen weit auseinander

2015 lebten in NRW in allen Altersgruppen ca. 640000 Menschen, die nach SGB XI als pflegebedürftig ein­gestuft waren, sowie zusätzlich etwa 40 000 Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz, insgesamt etwa 3,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das Pflegebedürftig­keitsrisiko steigt mit dem Alter an: Unter den 75- bis 85-Jährigen betraf es ca. 15 Prozent (250000), unter den 85- bis 90-Jährigen etwa 40 Prozent (130000) und von den über 90-Jährigen zwei Drittel (103000) ihrer jeweiligen Altersgruppe, wobei jeweils die Frauen um ein Drittel häufiger betroffen waren als die Männer. Doch ob sich diese aktuelle Anzahl pflegebedürftiger Menschen einfach auf die Zukunft hochrechnen lässt und in 20 oder 30 Jahren entsprechend viel mehr Menschen mit erhöhtem und hohem Pflegebedarf zu erwarten sind, bleibt offen. Denn wir können erwarten, dass sich mit dem medizinischen Fortschritt der Gesundheitszustand im hohen Alter verbessert und dass angesichts verbesserter Prävention und Rehabilitation die Selbstständigkeit trotz chronischer Erkrankungen länger erhalten bleibt und der Pflegebedarf sinkt. Folglich gehen die Schätzungen der Experten zum Pflegebedarf etwa für 2030 in NRW weit auseinander: Die niedrigste Prognose liegt bei einer etwa gleichbleibenden Zahl pflegebedürftiger Menschen trotz eines deutlichen Anstiegs der Hochaltrigkeit, andere Voraussagen gehen von einem Anstieg der Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf um ca. 20 Prozent im Vergleich zu heute aus.

Ein Gärtner kniet in einem Blumenbeet und bekommt von einem Senior eine Pflanze angereicht. Im Hintergrund sind eine Wiese und Bäume zu sehen.Zwischen vollständiger Selbstständigkeit und totaler Pflegebedürftigkeit besteht ein großer Zwischenraum, in den Pflege- und Versorgungsangebote passgenau eingefügt werden müssen.Deutscher Caritasverband/KNA

Wer aber diese Menschen pflegen und betreuen wird, ist die zweite Unbekannte in allen Zukunftsprognosen: Von den 640 000 pflegebedürftigen Menschen in NRW 2015 wurde noch die Hälfte ohne regelmäßige professionelle Hilfe zu Hause betreut. Wie sich die künftig veränderten Familienstrukturen und die steigende Mobilität auf diese familiäre Pflegebereitschaft und -möglichkeit auswirken, ist nicht seriös vorherzusagen. Mit Verschiebungen weg vom Bezug von Pflegegeld, hin zu vermehrt nachgefragten stationären, ambulanten und teilstationären Hilfen ist
jedenfalls zu rechnen. Auch der Bedarf an externer hauswirtschaftlicher Unterstützung wird sicher zunehmen - aber in unbekanntem Ausmaß.

Es bleiben folgende seriöse Erkenntnisse: Aufgrund des Vorrückens der geburtenstarken Jahrgänge ins Alter wird der Bedarf an Unterstützung und Pflege abhängig von medizinischen und sozialen Entwicklungen mehr oder weniger steigen. Die familiären Unterstützungssysteme verlieren, technische Assistenzsysteme dagegen gewinnen in noch unbekanntem Ausmaß an Bedeutung. Die Lebens­vorstellungen der nächsten hochaltrigen Generationen werden sich von denen ihrer Eltern unterscheiden, und ihre Ansprüche an die Lebensqualität werden steigen. Ob sie im hohen Alter trotz Einschränkungen mehr Verantwortung für die eigene Lage übernehmen können und wollen, ist noch unbekannt. Der Bedarf an materiellen und personellen Ressourcen wird jedenfalls mindestens konstant bleiben, und bei stabiler demografischer Entwicklung stehen dem immer weniger jüngere Menschen zur Erfüllung dieses Bedarfs gegenüber.

Eine Schwester steht in einem Aufenthaltsraum neben einer Seniorin im Rollstuhl und zeigt ihr ein SchriftstückVersorgung und Pflege von alten Menschen können nicht allein mit Gotteslohn sichergestellt werden.Deutscher Caritasverband/KNA

Für Gesetzgeber, Verwaltung, Zivilgesellschaft und nicht zuletzt für die Freie Wohlfahrtspflege bedeutet das:

  1. Eine umfassende politische Zielsetzung, wie sie den verschiedenen Reformen des SGB XI zugrunde lag ("ambulant vor stationär") oder mit dem Altenpflegegesetz in NRW propagiert wurde ("Die Lösung liegt im Quartier"), mag sich als Orientierungspunkt oder als wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte eignen, nicht aber als Königsweg zur Vorgabe einer künftigen Wirklichkeit. Vielmehr gilt: Alle politischen Rahmensetzungen müssen für die Betroffenen (das sind die künftigen pflegebedürftigen alten Menschen und ihre Angehörigen) hohe Selbstbestimmung zulassen und nicht eine bestimmte Versorgungsform aus wirtschaftlichen oder ideologischen Gründen irreversibel festschreiben.

  2. Künftige Wohn-, Lebens- und Versorgungsformen müssen Vielfalt und Flexibilität ermöglichen - diese zu fördern sollte die Richtschnur für künftige Bundes- und Landes­ge­setzgebung und die Genehmigungspraxis der Kostenträger abgeben. Aber auch Anbieter können nicht mehr nach dem Motto handeln: "Was nicht passt, wird passend gemacht." Vielmehr stehen sie vor der Aufgabe, verstärkt Lebens- und Wohnarrangements zu entwickeln, die fließende Übergänge zwischen privater Häuslichkeit und stationärer Betreuung zulassen, um den zukünftigen Bedarfslagen des Einzelnen wie der Gesellschaft gerecht zu werden.

  3. Eine Seniorin steht mit Einkaufskarre auf einer Straße und blickt lächelnd in die Kamera. Im Hintergrund ist ein Wohnhaus und ein schwarzer PKW zu sehen.Zu Hause wohnen bleiben und sich selbst versorgen können – das wünschen sich viele alte Menschen.Deutscher Caritasverband/KNA

    Wir brauchen künftig Unterstützungs- und Pflegeangebote, mit denen die Anbieter flexibel, das heißt rasch und passgenau, auf die immer differenzierteren gesundheitlichen, organisatorischen und sozialen Bedürfnisse der alten Menschen reagieren können - und die zugleich gut an den verbleibenden (und vielleicht sogar wieder zu stabilisierenden) Fähigkeiten anknüpfen können. Solche kleinteiligen Angebote und Unterstützungsmodule bieten den pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen die notwendige Entlastung und halten die Räume offen, in denen diese ihre Mitverantwortung für die eigene Lage am besten wahrnehmen können. Zwischen vollständiger Selbstständigkeit und Autonomie auf der einen und der totalen Pflegebedürftigkeit auf der anderen Seite besteht ein großer Zwischenraum, in den Pflege- und Versorgungsangebote subsidiär eintreten und die Anteile von Fremdsorge und Selbstpflege passgenau miteinander verbinden können.

  4. "Nähe" und "Ferne" greifen in der Ver­sorgung und Betreuung, aber auch in der ­Lebensgestaltung der hochaltrigen Menschen ­insbesondere mit Hilfe der Informa­tions­technologien ineinander: Die Menschen schätzen einerseits ihren vertrauten Nah-Raum, ihr Quartier. Ihre Lebensqualität steigt mit der Verfügbarkeit der notwendigen Infrastruktur und mit den Teilhabemöglichkeiten dort, wo sie zu Hause sind. Wo "Kümmerer" vor Ort auf ein gut - und professionell - gemanagtes Quartier zurückgreifen können, wächst die Möglichkeit, dass verschiedene Akteure lebenswichtige Leistungen abgestimmt und ohne Reibungsverluste zur Verfügung stellen. Umgekehrt machen die künftigen Alten bereits heute viele Erfahrungen mit Fernbeziehungen und medial vermittelter Kommunikation. Sie halten Kontakt mit weit weg lebenden Freunden und Angehörigen, beteiligen sich an Kultur und politischer Mitbestimmung in den sozialen Medien und bestellen nicht zuletzt Waren und Dienstleistungen im Internet.

Zwei Seniorinnen und ein Senior im Rollstuhl durchqueren eine Parkanlage über einen Steinweg und lächeln in die Kamera"Wir sind viele und werden noch mehr"Deutscher Caritasverband/KNA

Fazit: Es ist sicher, dass in den kommenden 20 bis 30 Jahren noch mehr Menschen hochaltrig werden als gegenwärtig.

Vorhersagen, auf welche Weise sie dann von Einschränkungen betroffen sein werden, wie sie ihr Leben gestalten und welche Unterstützung und Pflege sie benötigen, sind nur schwer zu treffen.

Eine vorausschauende Politik hat vor allem die Aufgabe, einen vielfältigen Mix an Unterstützungs- und Versorgungsformen und vor allem eine rechtzeitige Beteiligung der Betroffenen und ggf. ihrer Angehörigen an der Schaffung der angemessenen Infrastruktur sicherzustellen. Die Aufgabe der ­Caritas besteht darin, nicht nur vor den Folgen möglicher aktueller Versäumnisse zu warnen, sondern mit neugierig machenden Modellen für die Gestaltungsspielräume für das künftige Alter zu werben.



Cover des Buches 'Diversity-Management in der Pflege' aus dem IN VIA VerlagZum Thema

Birgit Marx (Hrsg.)
Diversity-Management in der Pflege. Aufgabe und Herausforderung

Preis: 24,90 Euro zzgl. Versandkosten
ISBN: 978-3-946023-02-9
Erschienen in der Reihe: Pflegemanagement und Bildung
Bestellungen: invia-verlag@invia-akademie.de



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