Caritas in Sibirien

Vom Ural bis Krasnojarsk

Ein Gebet zum Essen

Russische Obdachlose stehen mit Mitarbeiterinnen der Caritas vor einer provisorischen Essenausgabe hinter einem Bahnhofsgelände und betenNicht nur Essen, auch spirituelle Nahrung für Obdachlose: Hinter dem Bahnhof von Omsk geben Mitarbeiter der Caritas täglich eine warme Mahlzeit aus. Das Essen wird mit dem Ambulanzbus der Caritas dorthin gebracht.Christian Heidrich

Dass die Arbeit des Kinderclubs erfolgreich ist, sieht Pjotr Sokolov, der Leiter der Caritas Novosibirsk, jeden Tag. Wenn er im Kinderzentrum sieht, wie sich die Mädchen und Jungen freuen, geht dem Gemütsmenschen das Herz auf. "Da hinten steht ein Erfolg unserer Arbeit", sagt Sokolov und lacht. Er winkt den 23-jährigen Andreij zu sich. Er arbeitet in der Einrichtung halbtags als Pädagoge. Andreij, erzählt Pjotr, sei als Kind selbst in der Betreuung bei der Caritas Novosibirsk gewesen. Dann habe er begonnen, zunächst ehrenamtlich das Kinderzentrum zu unterstützen. Nun sei er hier angestellt. "Das Wichtigste, was ich hier als Kind erlebt habe", sagt Andreij, "war die Fürsorge und Wärme der Pädagogen. Jetzt weiß ich, wie ich mit Kindern umgehen muss." Der Kinderclub ist eines von zehn Kinderzentren, das die Caritas im Bistum "Verklärung des Herrn" in Novosibirsk betreibt. Kinderzentren, Familienzentren, Hauskrankenpflege und Obdachlosenhilfe sind die größten Projekte, die der Diözesan-Caritasverband unterhält, erläutert der polnische Franziskanerpater Gracjan Piotrowski, der Diözesan-Caritasdirektor. "Ohne die Hilfe aus dem Ausland wäre es uns nicht möglich, so zu helfen", sagt der Bischof von Novosibirsk, Joseph Werth SJ. Finanzielle Unterstützung kommt seit Jahren auch aus Deutschland, unter anderem von den Diözesan-Caritasverbänden in Aachen und Osnabrück und von den Aachener Schervierschwestern.

Das Gebiet des Bistums Novosibirsk reicht vom Ural bis nach Krasnojarsk im Osten, annähernd 2 000 Kilometer Luftlinie. Mitarbeiter des Diözesan-Caritasverbandes sind mitunter tagelang mit der Eisenbahn unterwegs, wenn sie in Omsk und Barnaul die Ortscaritas, in Tscheljabinsk und Tomsk die Gemeindecaritas oder Projekte der Caritas in den Weiten Westsibiriens besuchen.

Ein weißer Ambulanzbus der Caritas Omsk mit großem Caritas-Logo. In der geöffneten Tür stehen zwei Mitarbeiterinnen und blicken hinausDer Ambulanzbus der Caritas wurde unter anderem aus Spendengeldern der Caritas im Bistum Aachen finanziert.Christian Heidrich

Der Diözesan-Caritasverband wurde 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion gegründet. Und er versucht, mit seinen Angeboten auf viele Herausforderungen zu reagieren, unter anderem auf Alkoholismus und Drogen, die an der Tagesordnung sind. Schon die Kinder wachsen mit diesen Problemen auf. Ziel ist es, Familien so früh wie möglich zu unterstützen. Das sei Aufgabe der Familienzentren des Verbandes, sagt Vera Dolbeeva, die diese Einrichtungen koordiniert. Deren Arbeit ähnelt dem Angebot der Frühen Hilfen in Deutschland. "Viele Mütter sind krank. Sie bekommen von uns Beratung, wie sie schnell wieder gesund werden können und wie auch das Leben ihres Kindes gut verlaufen kann", sagt Vera Dolbeeva.

1000 Kilometer weiter westlich in Omsk: Sr. Michaela mahnt zur Eile. Es ist kurz vor Mittag. Gleich wird sie mit Anna Korpuchina, einer Krankenschwester, die bei der Caritas Omsk das Obdachlosenprojekt leitet, mit dem Ambulanzbus der Caritas in die Stadt fahren. Caritas-Mitarbeiter Kyrill Jelkin und Michail Skotka, ein Praktikant aus der Slowakei, werden sie begleiten. Die vier bringen Obdachlosen täglich Essen und versorgen sie medizinisch. Als der Ambulanzbus der Caritas, der vor einigen Jahren auch mit Spendenmitteln aus dem Bistum Aachen angeschafft worden ist, in die Straße hinter dem Bahnhof einbiegt, warten die Obdachlosen schon auf die Caritas. Viele haben Plastikflaschen dabei, um sich warmen Tee abfüllen zu können, den der Ambulanzbus ebenfalls an Bord hat. Kyrill Jelkin und Michail Skotka tragen den Warmhaltebehälter mit Eintopf und den Behälter mit warmem Tee aus dem Fahrzeug, stellen ihn auf eine mitgebrachte Bank. Keiner drängelt. Wie Kinder stehen die Obdachlosen hinter der Bank und beten mit, als Sr. Michaela vor der Essensausgabe ein Gebet spricht. Dann geben Kyrill Jelkin und Michail Skotka das Essen aus. Das Abfüllen des Tees organisieren die Obdachlosen selbst. Wer fertig gegessen hat und medizinisch versorgt werden muss, geht in den Ambulanzbus. Anna Korpuchina und Sr. Michaela versorgen Wunden, erneuern Verbände, geben Medikamente aus. Gäbe es die Caritas nicht, die Obdachlosen wüssten nicht, wo sie Hilfe suchen sollten. Eine Hilfe, die in der Gegend nicht gerne gesehen wird. Ein Hotel in der Nähe des Stellplatzes des Ambulanzbusses wollte, dass der Bus zu einer anderen Stelle fährt. "Doch die Stadt hat gesagt: Der Bus bleibt da, wo er ist", sagt Ortscaritasdirektorin Tatjana Trofimova. Eine Bestätigung für die Arbeit der Caritas.

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