Caritas in NRW

Ehrenamtskoordination

Der Schneeballeffekt

Eine Einrichtungsleiterin, eine Ehrenamtskoordinatorin und eine Ehrenamtliche halten in einem Büro eine Besprechung abErwartungen klären, Chancen ausloten, Gespräche führen: Einrichtungsleiterin Amelie Windheuser, Ehrenamtskoordinatorin Alexandra Fahr und die Ehrenamtliche Annelie Kuch (v. l.)Harald Westbeld

Als sie in den Abteilungen fragte, für welche Aufgaben die Unterstützung Freiwilliger gewünscht werde, wurde vor allem die Begleitung von einzelnen Bewohnern genannt. Aber die Hälfte aller am Ehrenamt Interessierten kommt mit Fähigkeiten und Wünschen, die ganz neue Perspektiven eröffnen. Wie die Ballettmeisterin, die jetzt mit großem Erfolg meditatives Tanzen anbietet. Oder, wie es der Zufall fügt, wie bei Mechthild Kuch. Die Sozialarbeiterin suchte eine fest umrissene, eigenständige Aufgabe ohne genaue Vorstellungen, welche das sein könnte. Gerade war einer anderen Ehrenamtlichen mit Fachkenntnis aufgefallen, dass es bei der artgerechten Versorgung der diversen Haustiere teilweise haperte. Kuchs Projekt war gefunden.

Das Anna-Katharinenstift hat das Ehrenamt zur "Chefsache" erklärt. "Ohne Unterstützung von oben geht es nicht", sagt "Chefin" Annelie Windheuser. Sie hat die erste vom Diözesan-Caritasverband Münster angebotene Ausbildung zur Ehrenamtskoordinatorin mitgemacht. 2006 hat sie mit Anschubfinanzierung der Aktion Mensch Alexandra Fahr engagiert, die beim zweiten Kurs dabei war. Das Ergebnis kann sich schon in Zahlen sehen lassen, auch wenn Windheuser das Rechnen mit dem Ehrenamt ablehnt: Ganze 15 Freiwillige standen den rund 500 hauptamtlichen Mitarbeitern vor fünf Jahren zur Seite. Heute sind es 73, und im Schneeballeffekt geht es zügig voran.

Um sie zu werben ist ein Teil von Alexandra Fahrs halber Stelle. Interessiert sich jemand für ein Ehrenamt, klärt sie in intensiven und teilweise recht langen Gesprächen - "bis zu vier Stunden hat es schon mal gedauert" - die Erwartungen und Kompetenzen ab, um eine passende Aufgabe zu finden. Vor dem Einstieg gibt es in der Regel eine "Schnupperphase", in der sich bei persönlicher Begleitung der Ehrenamtliche und der Bewohner kennenlernen.

Der Einstieg kann auch über einen Umweg gehen und zum großen Erfolg für beide Seiten wachsen. "Viele haben noch nie Kontakt mit behinderten Menschen gehabt", weiß Fahr. So war auch Tassilo Binder unsicher, der in der Rente eine befriedigende Beschäftigung suchte. Fahr organisierte das Probieren. Er lieferte erst einmal über Wochen mit dem hauptamtlichen Fahrer das Essen aus. Eigentlich keine ehrenamtliche Stelle, aber die Gelegenheit, Einblick und Kontakt zu bekommen. Heute ist Tassilo Binder als Vorleser geschätzt, organisiert Veranstaltungen und begleitet eine Bewohnerin persönlich.

Stark vernetzt mit allen Bereichen

"Der Anfang war auch bei den hauptamtlichen Mitarbeitern nicht immer einfach", erinnert sich Annelie Windheuser. Doch die Angst, dass Ehrenamtliche sie ersetzen könnten, ist für sie unbegründet: "Ehrenamt ist nur zusätzlich", stellt sie klar. "Auch gab es das Gefühl, dass die Freiwilligen die schönen Sachen machen und ihnen die harte Arbeit bleibt." Da äußere sich auch die Trauer um die Veränderung im Berufsbild. Heute seien die Bewohner, die in den Wohngruppen blieben und nicht in selbstständigere Wohnformen wechselten, deutlich schwächer, und es bleibe weniger Zeit neben Pflege und Verwaltung. Deswegen ist es auch Aufgabe der Ehrenamtskoordinatorin zu verdeutlichen, "dass Ehrenamt teilweise das ausgleichen kann, was verloren gegangen ist", sagt Windheuser.

Dafür ist Alexandra Fahr gut eingebunden. Neben ihrer halben Stelle als Ehrenamtskoordinatorin arbeitet sie zehn Stunden im psychologischen Dienst. Außerdem begleitet sie mit weiteren zehn Stunden Bewohner, die vom Wohnheim ins ambulant betreute Wohnen wechseln. "Ich bin dadurch stark vernetzt mit allen Bereichen", weiß sie diese Kombination zu schätzen. "Netzwerkarbeit" ist das A und O für sie.

Das gelingt gut, wie sich gerade wieder zeigt. Über eine ihrer Ehrenamtlichen hat sie Kontakt zu dem Pressesprecher eines Verbandes bekommen, der - natürlich auch ehrenamtlich - dafür gesorgt hat, dass die lokalen Medien groß für das Ehrenamt in Karthaus geworben haben. Sehr gut besucht war deshalb ein informelles Treffen im Café der Werkstätten. Vor allem kamen auch viele Männer: "Die hatten bislang gedacht, das ist nur etwas für Frauen", sagt Fahr.

Wobei das Interesse nicht immer dann zur ehrenamtlichen Aufgabe führt. Auch findet sich nicht in jedem Fall etwas Passendes, in seltenen Fällen geht es auch schief. Wobei von vornherein klargestellt ist, dass ein Ausstieg jederzeit ohne schlechtes Gewissen möglich ist. "Darauf weisen wir schon im Erstgespräch hin", sagt Annelie Windheuser. Die Ehrenamtskoordinatorin gestaltet den Abschied mit einer "Ausschleichphase" und einer Feier.

Allein gelassen werden die Ehrenamtlichen nie. Regelmäßig organisiert Alexandra Fahr Treffen und Exkursionen. Gut besuchte Stammtische, angereichert mit interessanten Fachthemen, knüpfen Kontakte. "Ehrenamtliche sind sonst oft Einzelkämpfer", erklärt die Sozialpädagogin, die das Anna-Katharinenstift schon im Praktikum vor dem Studium kennengelernt hat und ihre Diplomarbeit über die Begleitung behinderter Senioren durch Ehrenamtliche schrieb.

Ohne aufzurechnen, ist für Annelie Windheuser damit klar, dass "Ehrenamt nicht spart", jedenfalls nicht kurzfristig und weder in Euro und Cent noch an Zeit. Trotzdem gibt es eine klassische "Win-win-Situation". Der Ehrenamtliche findet eine interessante Freizeitbeschäftigung mit viel positiver Rückmeldung von den Bewohnern. Das Anna-Katharinenstift gewinnt auch: "Das Erscheinungsbild wird positiver", sagt Windheuser. Und das hat viele Effekte bis hin zur Mitarbeitergewinnung, denn selbst hier auf dem Land wird der Mangel an Fachkräften schon spürbar.

Nicht zu unterschätzen ist für Windheuser, dass die Menschen mit Behinderungen "sichtbar" werden in der Bevölkerung, wenn zum Beispiel ein Ehrenamtlicher einen Bewohner im Rollstuhl über den Markt schiebt. Die größten Gewinner aber sind die Bewohner. Längst nicht allen, aber immer mehr kann ihr großer Wunsch erfüllt werden: "Ich möchte einen Menschen für mich allein." Dass sie durch das Wohnen in der Gruppe besonders viele soziale Kontakte hätten, täusche. Windheuser: "Sie müssen sich ihren Betreuer in der Wohngruppe mit elf anderen teilen." Und wenn der Bewohner dann ausgeglichener ist, gewinnt auch der hauptamtliche Mitarbeiter.

Ehrenamt stiftet Kontakte

Gerade bei den sozialen Kontakten macht Ehrenamt vieles erst möglich. So haben Studenten der Katholischen Hochschule in Münster eine Kontaktbörse organisiert. Eine Single-Party für Bewohner verschiedener Behinderteneinrichtungen in der Coesfelder Disco "Fabrik" konnte nur mit diesen Freiwilligen auf die Beine gestellt werden. Vier Paare sind dabei zueinandergekommen.