Grundsatzartikel

Prinzip Zusammenarbeit

Das Band der Einheit

Jeder Christ hat die Möglichkeit und die Aufgabe zu helfen. "Die Caritas des einzelnen Christen, der Gemeinden und der verbandlichen Caritas sind aufeinander bezogen, aber nicht identisch", heißt es in der Schrift der deutschen Bischöfe über "Caritas als Lebensvollzug der Kirche und als verbandliches Engagement in Kirche und Gesellschaft" (1999).

Die Caritas hat im Laufe der Zeiten vielfältige und immer neue Formen und Gestalten angenommen, um auf die Herausforderungen ihrer Zeit je nach der Möglichkeit der Christen den christlichen Auftrag auszuführen. Die katholisch-soziale Bewegung, die vielen Vereine, Gemeinschaften, Orden und Helfergruppen, sind Früchte des 19. Jahrhunderts. Die Gründung des Deutschen Caritasverbandes hat der Vielfalt dieser Gruppen und Initiativen ein Mehr an Struktur, Organisation und damit Publizität verliehen.

Das Verhältnis zwischen dem Deutschen Caritasverband und den ihm angeschlossenen Fachverbänden ist seit der Gründung (1897) und der Anerkennung durch die Deutsche Bischofskonferenz bestimmt durch ein Wechselverhältnis von Kooperation und Formen der Abgrenzung. Es ist eine Gratwanderung, über die Organisationsstruktur die Arbeit zu effektivieren und gleichzeitig Selbstverständnis, Selbstbewusstsein und Identität der Verbände als wesentliches Motivationselement der ihnen angehörenden Ehrenamtlichen zu erhalten.

Es ließen sich unzählige Zeugnisse für Versuche anführen, das Miteinander enger oder weiter auszulegen, die Kompetenz und Durchführung sozialer Arbeit eher in Abgrenzung voneinander oder eher in Kooperation miteinander zu definieren. Zwei Jahre nach Gründung stellte Lorenz Werthmann den Deutschen Caritasverband auf dem Katholikentag in Neiße 1899 in der Sprache der damaligen Zeit vor: Der Caritasverband soll "das vinculum unitatis, das Band der Einheit, für alle Charitas-Werke und -Freunde im katholischen Deutschland darstellen; sie sollen nicht weiter vereinzelt wirken und existieren wie Atome; sie sollen unter Wahrung ihrer Selbständigkeit zu einem großen Ganzen verbunden werden, so daß alle sich fühlen als Glieder der großen katholischen Charitas-Armee, die unter dem Banner des hl. Kreuzes den Kreuzzug gegen jede sittliche und materielle Not zu führen bereit ist."

Keine Frage, es wäre verfehlt, karitative Arbeit heute in militärische Begriffe zu fassen. Das Band der Einheit lässt sich nicht in Kategorien wie Befehl und Gehorsam fassen. Nun ist der Caritasverband auch kein Unternehmen mit Filialen oder Franchise-Nehmern, keine Holding von Firmen oder Dienstleistern. Er ist auch kein gewöhnlicher Verband als freiwilliger Zusammenschluss von Menschen oder Vereinigungen mit dem Ziel gemeinsamer Interessenvertretung. Sondern er vereinigt Merkmale, oft nicht nur unterschiedliche, sondern auch gegensätzliche, die auf alle Klassifizierungen zutreffen. Den Deutschen Caritasverband in seiner Gesamtheit zentral zu steuern, ist schlechterdings kaum zu leisten. Rund 550000 hauptamtliche Mitarbeiter arbeiten in der Caritas - nur viele wissen das gar nicht. Die einzelnen Einheiten, die Verbände und Einrichtungen sind selbstständig, und doch partizipieren sie von dem großen Ganzen und leisten ihren Beitrag für die Sache der Caritas. Die Dezentralität, das oft nur gering ausgebildete Bewusstsein einer gemeinsamen Identität - im Marketing-Bereich würde man sagen, die schwach aus-gebildete Corporate Identity der Marke "Caritas"- wird wieder und wieder als eine Schwäche des Deutschen Caritasverbandes analysiert.

Ausdruck der Vielfalt
Aber gerade die Selbstständigkeit einzelner Einheiten ist genau dann eine Stärke, wenn das Terrain unüber-sichtlich und vielfältig ist. Denn kleine Einheiten vermögen sich ganz anders und viel schneller anzupassen, als dies große Tanker können, die erst einmal kilometer-weit fahren, bis die Kursänderung zur Richtungsänderung wird. In einer ausdifferenzierten, komplexen Gesellschaft verfügt eine Organisation von Organisationen mit selbstständigen Einheiten, die über ein "einigendes Band" verknüpft sind, über ein ungeheures Potenzial. Dieses Band jedoch muss reißfest und dehnbar sein, es darf niemanden abschnüren, aber es muss auch halten und somit Halt geben.

Die Vielzahl von Verbänden und Organisationen unter dem Dach der Caritas und als Teil der Caritas wirkt also zunächst einmal komplex, unübersichtlich, redundant. Sie ist aber auch Ausdruck der Vielfalt ehrenamtlichen Wirkens im Auftrag und mit dem Segen der katholischen Kirche. Versuche der Reduktion von Komplexität, der Vereinheitlichung, Verschlankung etc. dienen der Verstärkung der Schlagkraft in der Interessenvertretung, zumeist auf Spitzen-Ebene. Das ist oft notwendig. Mit der Wahl von Peter Maria Neher zum neuen Präsidenten, mit der in diesem Jahr hoffentlich
abgeschlossenen Satzungsdebatte rückt die Interessenvertretung nach außen wieder stärker in den Blickpunkt verbandlicher Aktivitäten. Auch die gesellschaftlichen Herausforderungen an den Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche wachsen schneller, als es manchem innerhalb des Verbandes bewusst oder gar lieb ist.

Der Deutsche Caritasverband muss in einem zunehmend säkularen Umfeld die Auseinandersetzung und den Dialog mit der Politik dort führen, wo seine Fach-Kompetenz bis hin in soziale Details gefragt ist und die zentralen Debatten geführt werden. Das ist nun mal in Berlin. Die Politik dort sucht den Dialog mit Fachleuten. Gefragt ist zunehmend die Kompetenz von Experten, nicht das Lobbying der Generalisten.

Einheitsstiftende Funktionen
Doch Caritas-Arbeit insgesamt muss auch in Zukunft mehr bleiben als zentral organisierte Interessenvertretung. Die Klärung der Beziehungen zwischen einzelnen Einheiten, die Verbesserung der Kommunikation untereinander, die Abstimmung einer gemeinsamen Politik, die Orientierung an gemeinsam geteilten Grundüberzeugungen und Leitbildern, das sind weitere Aufgaben für die Zukunft. Der Soziologe Bruno W. Nikles spricht in diesem Zusammenhang ganz konkret von "einheits-stiftenden" Funktionen in Abgrenzung von Vereinheitlichung der Strukturen.

Die Bereitschaft und die Fähigkeit zu helfen sind im Menschen angelegt. Jeder mit seinen Fähigkeiten und Begabungen an dem Ort, an dem er lebt. In so unterschiedlichen Formen, wie es Vielfalt der Verbände und Gruppen, der Vereine und Initiativen gibt. Ihnen allen, den zahlreichen Ehrenamtlichen, die helfen im Geist der Caritas als ihrem ureigentlichen Auftrag, sind Anerkennung und Dank zu leisten.