Interview

Minderjährige Flüchtlinge

Viele Stellen wieder abgebaut

Porträt: Friedhelm EvermannFriedhelm Evermann leitet die Jugendhilfe St. Elisabeth, eine katholische Einrichtung in Trägerschaft der St.-Johannes-Gesellschaft Dortmund gGmbH. Sie bietet heute Erziehungshilfen für Familien mit Kindern, Jugendliche und junge Volljährige an.Peter Bandermann

Caritas in NRW: Im Zuge der Fluchtwelle sind 2015 und 2016 viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) nach Deutschland gekommen, die dann von den Jugendämtern auf die Heime der Jugendhilfe verteilt wurden. Wie stark war der Anstieg?

Friedhelm Evermann: Dortmund war Erstaufnahmestelle. Schon Ende 2014 haben wir relativ spontan eine weitere Wohngruppe eröffnet. Schon damals mussten wir uns in einem Hotel einmieten - nach Rücksprache mit der Stadt, weil kurzfristig kaum geeignete Immobilien zu bekommen waren. Ende 2015 standen wir, d. h. das Jugendhilfesystem in Dortmund, aufgrund der Vielzahl von UMF kurz vor dem Zusammenbruch. Wir haben von Dezember 2014 bis Oktober 2015 insgesamt 76 Plätze zusätzlich zu unseren bestehenden Plätzen aufgebaut, das war ein Zuwachs um fast ein Drittel unserer stationären Plätze. Manchmal haben sich die Träger in Dortmund zusammengeschlossen und gemeinschaftlich Angebote gestemmt, weil man kaum noch Personal akquirieren konnte. Insgesamt hat Dortmund mehrere Hundert zusätzliche Plätze geschaffen.

Caritas in NRW: Stichwort "Hotel mieten", Stichwort "Personal akquirieren". Wie stemmt man so was?

Friedhelm Evermann: Es gab einen großen Schulterschluss zwischen den Trägern und mit dem Jugendamt, bei dem man gefragt hat: Wer hat welche Kapazitäten? Wer hat Raumkapazitäten? Wer hat Personalkapazitäten? Gesteuert hat eine Task Force aus Vertretern des Jugendamtes und der Träger. Das waren die traditionellen Träger, die die Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen schon länger gemacht haben, und es sind dann noch einige zusätzlich angetreten.

Caritas in NRW: Wie stellen sich die Zahlen aktuell dar - ungefähr drei Jahre danach?

Friedhelm Evermann: Wir hatten wirklich Notplätze geschaffen. 50 Plätze in sogenannten Sondereinrichtungen waren nur auf Basis einer sogenannten Betriebsgenehmigung erlaubt. Das bedeutet, dass die Aufsichtsbehörde des Landesjugendamtes der Kommune den Betrieb für die akute Versorgung gestattet hat, ohne dass es reguläre Plätze waren. Diese 50 Plätze sind faktisch wieder abgebaut.

Caritas in NRW: Mit welchen Konsequenzen?

Friedhelm Evermann: 50 Plätze weniger bedeuten einen Personalüberhang von rd. 25 Stellen. Wir mussten keine aktiven Kündigungen aussprechen, sondern befristete Verträge liefen aus, andere Mitarbeiter konnten in andere Bereiche umgesetzt werden. Definitiv sind 16 Stellen abgebaut worden.

Caritas in NRW: Trotz Fachkräftemangel?

Friedhelm Evermann: Nicht alle neuen Mitarbeiter in der pädagogischen Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge waren Fachkräfte mit einer sozialarbeiterischen oder pädagogischen Ausbildung. Normalerweise gilt ja für die Jugendhilfe das Gebot einer Fachkraftquote von hundert Prozent. Doch die Ausnahmegenehmigungen des Landesjugendamtes bezogen sich auch auf das Personal. Manche neuen Mitarbeiter hatten sogenannte Befähigungen im Bereich der Kulturvermittlung, oder es waren Lehrer mit Migrationshintergrund, die für die Aufgaben geeignet waren.

Caritas in NRW: Was Sie für Dortmund beschreiben - war die Situation mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in anderen großen Städten genauso?

Friedhelm Evermann: Das war in einigen Regionen ähnlich, vor allem in den kreisfreien Städten. In den Landkreisen gab es in der Phase weniger Flüchtlinge und natürlich auch weniger Infrastruktur der stationären Jugendhilfe. Wir haben 2014 und 2015 in Dortmund zeitweise über 1000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in den Einrichtungen und den genannten Notfallplätzen versorgt, zusätzlich zu den laufenden Jugendhilfefällen. Das ist jetzt vorbei.

Die Fragen stellte Markus Lahrmann.

www.jugendhilfe-elisabeth.de