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Benachteiligung in Chancen umwandeln

Drei Mädchen halten die Köpfe zusammen und lächeln in die Kamera. Ein Mädchen trägt ein anderes, kleineres Mädchen auf dem Arm."Der Weg führt über Anerkennung zu einem Gefühl der Selbstwirksamkeit."Achim Pohl

Viele dieser Kinder haben aus der Zeit vor der Einrichtung andere Formen der Benachteiligung erlebt. Die Familien, aus denen die Kinder stammen, sind durch multiple Benachteiligungen geprägt: alkohol- oder suchtkranke oder psychisch kranke Eltern, die sich jeden Tag neu erkämpfen und deren Kinder diese Kämpfe im Alltag mittragen. Alleinerziehende, die zugleich mit Arbeitslosigkeit und Armut kämpfen. Familien, die die Prioritäten des eigenen Lebens und die Bedürfnisse der Kinder nicht sortiert bekommen, die sich durch Migration und andere soziale Ausgrenzung an die Ränder der Gesellschaft gedrängt fühlen. Zurück bleiben Kinder, die sich oft abgehängt und isoliert fühlen, die im Bildungsbereich zu den Schwachen gehören. Eine Zunahme von hoch belasteten Kindern und Jugendlichen ist zu erkennen. Wir erleben Kinder, die schon mit drei Jahren in mehreren Lebensräumen - bei verschiedenen Familienangehörigen, bei Pflegefamilien, im Kinderheim, dann zurück zu einem Elternteil - gelebt haben und keine stabilen Bindungen kennen. Wir erleben Achtjährige, die so halt- und regellos sind, dass sie in kurzer Zeit eine ganze Wohngruppe sprengen und eine Spur von Zerstörung hinter sich herziehen. Wir erleben Jugendliche, für die als letzte Chance ein Individualprojekt im Ausland oder eine geschlossene Unterbringung infrage kommt. Worauf ist diese Entwicklung zurückzuführen? Schwierige Frage. In manchen Fällen sind extreme Lebensverhältnisse und Traumatisierungen die Ursache, in anderen Fällen ist die Jugendhilfe selbst, sind zu lang andauernde und zu viele unterschiedliche Hilfeversuche in nicht adäquaten Settings an der Entwicklung der schwierigen Verhaltensweisen beteiligt.

Kinder- und Jugendhilfe hilft

Ein Jugendlicher sitzt an einem Tisch und schreibt etwas auf ein Blatt PapierIn den drei Bethanien Kinder- und Jugenddörfern haben Kinder und Jugendliche ein familienähnliches Zuhause, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben können. Sie wohnen in Gruppen, gehen zur Schule und werden im Alltag unterstützt und gefördert.Barbara Bechtloff

Im Rahmen der ambulanten, teilstationären und stationären Jugendhilfe erhalten diese Kinder und ihre Familien notwendige Unterstützungsleistungen und umfangreiche Förderungen. Die Jugendhilfe in Deutschland ist gut aufgestellt. Viele Kinder profitieren davon, werden therapeutisch und durch umfangreiche Förderungen unterstützt, holen Entwicklungen nach und können schulische Defizite teilweise aufholen. Die Zahlen: Im Jahr 2016 erhalten über eine Million Kinder und Jugendliche Hilfen zur Erziehung. Erziehungsberatung, ambulante Hilfe wie die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH), stationäre Hilfe wie ein Heim oder Kinderdorf oder eine Pflegefamilie - mit diesen und anderen Hilfeangeboten wird der Versuch unternommen, die Benachteiligung in Chancen umzuwandeln.

Christliche Träger wie die Bethanien Kinderdörfer führen Hilfen zur Erziehung durch als Ausdruck einer werteorientierten Haltung, die dem Wohl von Kindern und Jugendlichen und von Familien Vorrang einräumt. Die christlich orientierte Kinder- und Jugendhilfe ist subsidiär unterwegs und führt einen gesellschaftlichen Auftrag auf der Basis eines christlichen Wertesystems aus.

Mehr Fälle, höhere Kosten

In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach Hilfen zur Erziehung erheblich gestiegen. Heute werden die Hilfen zur Erziehung jedes Jahr von rund einer Million jungen Menschen genutzt (Anfang der 90er-Jahre waren es 218000). Dies entspricht einem Anteil von ca. sieben Prozent der Jugendlichen unter 21 Jahren. Der 14. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung stellt die These auf, dass die Hilfen zur Erziehung und die gesamte Kinder- und Jugendhilfe "in der Mitte der Gesellschaft" angekommen sind. Das ist aber kein Grund zu feiern. Im Gegenteil, das ist ein guter Grund, sich Sorgen zu machen: "Der Bildungsbericht 2018 verweist erneut darauf, dass gerade Kinder und Jugendliche, die in Alleinerziehendenhaushalten aufwachsen, überproportional häufig von finanziellen, sozialen und bildungsbezogenen Risikolagen betroffen sind." Das Gleiche gilt für arme Familien.

Gesellschaftlicher Auftrag und Nutzen

Hilfen zur Erziehung sind eine sozialstaatliche Antwort darauf, dass viele Familien das Leben zunehmend als unübersichtlich und ausgrenzend empfinden. Familien sind verunsichert in der Gestaltung des Alltags, in der Organisation der Familie und in der Erziehung. Kinder und Jugendliche leiden unter prekären Lebensverhältnissen, Armut, emotionalen und Bildungsbenachteiligungen und Ausgrenzung. Der seit Jahren ungebrochene Anstieg der Fallzahlen zeigt die gesellschaftlichen Brennpunkte, die dort vorhandene Not und den offenbar immer noch steigenden Bedarf unserer Arbeit.

Ein Waschbecken mit Ablage und Spiegel in eine Waschraum. Die Ablage ist mit Hygieneartikel vollgestellt, quer über dem Waschbecken liegt ein Handtuch.Alle Probleme des Alltags von Heranwachsenden müssen über Kommunikation und Beziehung gelöst werden.Barbara Bechtloff

Fachkräfte und Verantwortliche in der Jugendhilfe wissen, wie mühsam es ist und wie viel Einsatz es braucht, um einem Kind, das sich selbst nichts zutraut, Selbstvertrauen zu vermitteln. Wie weit ist der Weg für viele unserer Kinder und Jugendlichen zu dem Gefühl von Anerkennung und Erfolg, zu einem verlässlichen Gefühl von Selbstwirksamkeit, das notwendig ist, um sich als vollwertig und zugehörig wahrzunehmen. Diese Entwicklungen fördern wir, damit junge Menschen sich als Teil unserer Gesellschaft wahrnehmen, in der sie eine Stimme haben, in der sie nicht nur als Konsument willkommen sind, sondern als Mitgestalter des Zusammenlebens von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen.

Denn funktionierende vertrauensvolle Beziehungen sind die Grundlage unserer Arbeit und zugleich die Keimzelle gesellschaftlicher Integration. Das Gold unserer Arbeit sind Beziehungen zwischen Fachkräften und den betreuten Kindern und Jugendlichen. Dazu bedarf es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihrerseits Vertrauen in die Arbeitsbeziehungen zu ihren Trägern und Arbeitgebern haben. Wie könnten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Klienten Vertrauen in Organisationen vermitteln, wenn sie sich selbst in ihrem Arbeitsplatz als ohnmächtig und unbedeutsam erleben? Ohne Vertrauensgrundlage wird es schwierig, Menschen Vertrauen in Systeme und Organisationen zu vermitteln. Das ist ein anspruchsvolles Ziel, weil viele Kinder und Jugendliche aus ihrer biografischen Erfahrung gute Gründe haben, den Motiven und Handlungen von Erwachsenen zu misstrauen. Im Idealfall machen Kinder und Jugendliche die Erfahrung, nicht Opfer von Fremdentscheidungen zu sein, sondern sie erleben in der Jugendhilfe, dass sie selbst wirkmächtige Beteiligte an den Entscheidungen sind, wenn es um sie selbst geht.

Wenn die Prozesse der Bindung und der Beteiligung nicht gelingen, besteht das Risiko, dass sich die Benachteiligung fortsetzt. Dann sind Armut, Bildungsbenachteiligung und das Gefühl des Außenseitertums nicht nur eine Quelle für individuell problematische Entwicklungen, sondern es entstehen auch demokratieferne oder gar -feindliche Einstellungen. Weitere Folgen der prekären Lebenslagen, die nicht verbessert werden: Arbeitslosigkeit, Armut, Gesundheitsstörungen und Sucht, Straffälligkeit, gestörte soziale Bezüge.

Dr. Klaus Esser
Diplom-Heilpädagoge, Geschäftsführer der Bethanien Kinderdörfer (der zweitgrößten Kinderdörfer in Deutschland) und seit 2017 Vorsitzender des Bundesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e. V. (BVkE)

esser@bethanien-kinderdoerfer.de

Zwischen Geld und Fachlichkeit

Porträt: Heinz-Josef KessmannHeinz-Josef Kessmann

Dies gilt aktuell natürlich in besonderer Weise für die Frage nach der Reform des SGB VIII. Seit der letzten Legislaturperiode wissen wir, dass eine Ankündigung im Koalitionsvertrag noch lange kein neues Gesetz macht, und auch ein breiter Dialogprozess mit Wissenschaft und Praxis - so der aktuelle Koalitionsvertrag - scheint mir keine Garantie dafür zu sein. Im Gegenteil: Angesichts des späten Starts dieses Prozesses erst im November 2018 und der angekündigten Dauer von einem Jahr befürchte ich fast, dass auch in dieser Legislaturperiode der Zeitrahmen für eine umfassende und qualitätsvolle Reform des SGB VIII nicht ausreicht. Auch so kann man sich vor den fiskalischen Mehrbelastungen, die aus einer inklusiven Gesamtausrichtung des Gesetzes resultieren werden, schützen. Möglicherweise steht die Fachlichkeit der Jugendhilfe dann irgendwann vor dem Dilemma, kleine Teilreformen abzulehnen, um die grundlegenden Forderungen und Erwartungen an eine große Reform, so wie sie auch durch die Erziehungsfachverbände aufgelistet wurden, zu schützen. Lieber gar keine Reform als eine schlechte?!

Die Frage nach den grundlegenden Perspektiven des SGB VIII hat in den letzten Jahren von einigen bedenklichen Entwicklungen abgelenkt - der Frage nach der Leistungsfähigkeit insbesondere der kleinen Jugendämter, speziell der des "Allgemeinen Sozialen Dienstes" (ASD). Unstrittig ist: Die Anforderungen an die Jugendämter im Zusammenhang mit dem Kinder- und Jugendschutz und der Gefährdungsbeurteilung sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Genauso deutlich ist zudem, dass vielen Jugendämtern das notwendige fachlich qualifizierte Personal fehlt, um der steigenden Zahl der Fälle nur annähernd gerecht zu werden. Aber auch die sachlichen Ressourcen sind in vielen Kommunen bei Weitem nicht ausreichend, um mit der Vielzahl der Fälle qualifiziert und gut umgehen zu können. Eine besondere Brisanz erfährt diese Debatte zusätzlich dadurch, dass aus einer rein rechtlichen Perspektive auch strafrechtliche Konsequenzen für die Mitarbeitenden des Jugendamtes bei einer Vernachlässigung des Kinderschutzes nicht ausgeschlossen werden können. Dabei geht es bei dieser Diskussion keinesfalls um eine Kritik an der Arbeit des ASD in den kommunalen Jugendämtern, sondern die Kritik muss sich gegen die Kommunen richten, die aus fiskalischen Gründen diesen Dienst nicht ausreichend ausstatten (siehe auch S. 14 f.).

Ausbildung muss attraktiver werden

Die Frage nach der Leistungsfähigkeit der kommunalen Jugendämter lenkt aber das Augenmerk auch auf den Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften für die unterschiedlichen Felder der Jugendhilfe. Nicht nur im Allgemeinen ­Sozialen Dienst fehlen erfahrene Sozialarbeiterinnen und ­Sozialarbeiter, die schwierige Situationen kompetent einschätzen können, es fehlen Erzieherinnen und Erzieher in den stationären Einrichtungen der Erziehungshilfe genauso wie in den Tageseinrichtungen für Kinder. Schon beginnen erste Diskussionen, das bewährte Fachkraftprinzip der Jugendhilfe infrage zu stellen und für bestimmte Aufgaben auch fachfremdes Personal zuzulassen. Genauso wird sehr großzügig über Übergangsregelungen nachgedacht, die langfristig vorhandene Ausbildungsstrukturen und Berufsabschlüsse gefährden. Wirklich helfen kann hier nur ein verstärktes Bemühen, Menschen für einen ­Beruf in der Jugendhilfe zu motivieren und diese dann gründlich und sorgfältig auszubilden. Dabei müssen die Ausbildungsgänge attraktiver gestaltet werden. So scheint mir der Ausbildungsgang zur Erzieherin / zum Erzieher über den vor­herigen Abschluss der Berufsausbildung zum staatlich geprüften Kinderpfleger/Sozialhelfer eindeutig zu lang zu sein. Auch halte ich es für notwendig, die Zugangsvoraussetzungen für den Erzieherinnen- bzw. Erzieherberuf bundeseinheitlich zu gestalten.

Eine besondere Chance zu Erhöhung der Attraktivität der Fachkräfteausbildung sehe ich in der praxisintegrierten oder dualen Ausbildung. Leider sind wir hier einmal mehr beim Ausgangsproblem: Es fehlt die Refinanzierung für eine solche Ausbildung in den Diensten und Einrichtungen der Jugendhilfe.

direktor@caritas-muenster.de

Kriterien sind Qualität und Fachlichkeit

Ein Jugendlicher übergibt einer Pädagogin ein Handy. Die Pädagogin hält dabei eine kleine Kiste mit Elektroartikeln in der Hand.Die persönliche Beziehung zwischen der Pädagogin und dem Jugendlichen ist Schlüssel zur Entwicklung hin zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Gesetzlich und vertraglich geregelt sind die Voraussetzungen, unter denen die Jugendhilfe stattfindet.Barbara Bechtloff

Das Kinder- und Jugendhilferecht sieht solche Rahmenverträge vor. Sie dienten seit 2003 als verbindliche Grundlage für die Einzelvereinbarungen nach § 78c SGB VIII und stellten landesweit vergleichbare Bedingungen für die örtlichen Verhandlungen der einzelnen Anbieter mit den Kommunen als Kostenträgern sicher. Die Verträge folgten den Maximen der Fachlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit. Leistungen und Kosten sollten transparent werden, zudem sollten die Landesrahmenverträge gewährleisten, dass die finanziellen Mittel effizient eingesetzt werden. Vertragspartner waren die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen, die Vereinigungen sonstiger Leistungserbringer sowie die kommunalen Spitzenverbände. Zur Beratung der örtlichen Träger bei der Gewährung von Hilfen zur Erziehung und zum Schutz von Kindern nach SGB VIII wurden die Landesjugendämter Rheinland und Westfalen-Lippe ebenfalls beteiligt.

Zum 31. Dezember 2012 kündigten die kommunalen Spitzenverbände die Rahmenverträge. Aus ihrer Sicht waren die Kosten zu stark gestiegen. Im Jahr 2013 verhandelten die Vertragspartner ergebnislos über den Abschluss eines neuen Landesrahmenvertrages I. Weitere Verhandlungen wurden ausgesetzt. Hauptknackpunkte waren damals die Forderungen der kommunalen Spitzenverbände, den Auslastungsgrad der Einrichtungen von bisher 93 Prozent auf 97 Prozent zu erhöhen und Angebote im Intensivbereich stark zurückzufahren. Eine solch hohe Auslastungsquote wäre für viele kleine Einrichtungen existenzbedrohend gewesen. Aus fachlicher Sicht bestand darüber hinaus die Sorge, dass eine solche Quote ganzjährig nur durch Überbelegungen in den Einrichtungen zu gewährleisten sei. Als eine weitere Ursache für den Kostenanstieg wurde von den kommunalen Spitzenverbänden die Entwicklung gesehen, dass freie Träger immer mehr Intensivangebote etablieren. Im Verlauf der Verhandlungen wurde wiederholt und kontrovers diskutiert, ob sich diese Entwicklung am wirklichen Bedarf und an der Nachfrage der Jugendämter orientiert oder ob die Einrichtungen mit der Umwandlung von Regelplätzen in Intensivplätze nicht einfach Fakten schaffen. Hier konnte und wollte die Freie Wohlfahrtspflege bei der geforderten massiven Reduzierung der Angebote nicht mitgehen.

Die kommunalen Spitzenverbände empfahlen Ende 2013 den Jugendämtern, für Verhandlungen von Leistungen und Entgelten nicht mehr von pauschalen Fortschreibungen Gebrauch zu machen. Auch sollten sie die Angebotsentwicklung nicht mehr allein den Leistungsanbietern, also den freien Trägern, überlassen, sondern eigene Vorstellungen zu Leistungsstrukturen und pädagogischer Dichte mit Kostendämpfungseffekten in die Verhandlungen einbringen.

Neue Verhandlungen ab 2019

Ab 2015 dominierte die Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge die fachliche Diskussion und rückte das Thema Kostendämpfung völlig in den Hintergrund. Ende 2016 gab es in NRW mehr als 11000 unbegleitete Minderjährige, um deren Unterbringung und Wohl sich die Jugendämter kümmern mussten. Im engen Schulterschluss mit den Einrichtungen wurden in kurzer Zeit adäquate Plätze geschaffen.

Ein Jugendlicher fährt mit einem Fahrrad zwischen den Häusern des Bethanien Kinderdorfes in Bergisch Gladbach über eine Wiese"Sauber und ordentlich, freundlich und offen gestaltet", so loben Besucherinnen und Besucher das Bethanien Kinderdorf in Bergisch Gladbach. Die Refinanzierung der Einrichtung ist Ergebnis von Verhandlungen mit dem öffentlichen Träger der Jugendhilfe. Grundlage können die landesweiten Rahmenverträge sein. Immer aber müssen die Träger auch einen Eigenanteil aufbringen.Barbara Bechtloff

2017 sollte auf Wunsch der kommunalen Spitzenverbände die Verhandlungen wiederaufgenommen werden. Der Wechsel des Verhandlungsführers der kommunalen Spitzenverbände ins Heimatministerium verhinderte jedoch den Beginn. Nun soll der Startschuss für neue Verhandlungen im ersten Quartal 2019 fallen. Für die Freie Wohlfahrtspflege wird Helga Siemens-Weibring, Vorsitzende des Arbeitsausschusses Familie, Jugend, Frauen der LAG FW, die Verhandlungen führen, alle Verbandsgruppen haben die Möglichkeit, zwei Personen für die Verhandlungen zu benennen. Die Landesjugendämter werden ebenfalls in der Verhandlungsrunde sein.

Trotz der 2012 erfolgten Kündigung des Rahmenvertrages orientieren sich alle ehemaligen Vertragspartner und auch das Landesjugendamt bis heute weiter am alten Vertrag. Die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern wird überwiegend als partnerschaftlich und gut sowie am Wohl der Kinder und Jugendlichen orientiert empfunden. Für die Träger der Freien Wohlfahrtspflege besteht daher zurzeit keine zwingende Notwendigkeit, einen neuen Vertrag zu verhandeln, sie stehen jedoch weiterhin neuen Vertragsverhandlungen positiv gegenüber. Trotzdem werden sie nur dann einem neuen Rahmenvertrag zustimmen, wenn sich dieser an Qualitätskriterien und Fachlichkeit orientiert und nicht nur der Maxime der Kostenreduzierung folgt. Immer wieder haben die Wohlfahrtsverbände und die Fachwelt auf die gesellschaftlichen und sozialpolitischen Ursachen für die Zunahme der Hilfen zur Erziehung und die damit verbundene Kostensteigerung hingewiesen. Unter den Familien, die Hilfen zur Erziehung beantragen, sind verstärkt Empfänger von Grundsicherung für Arbeitslose sowie alleinerziehende Mütter. Es findet eine immer größer werdende Prekarisierung von Lebenslagen von Familien statt. Die Kosten dürfen aus Sicht der Freien Wohlfahrtspflege nicht zu Lasten von Kindern und ihren Familien gesenkt werden. Das wäre das völlig falsche Signal.

Dagmar Hardt-Zumdick
Referentin beim Caritasverband für das Bistum Aachen

dhardt-zumdick@caritas-ac.de

Als Sprecherin des Fachausschusses Rahmenvertrag der LAG FW wird sie an den Verhandlungen für einen neuen Rahmenvertrag teilnehmen.

"Schlechtes sehen, um Schlimmeres zu verhindern"

Das "Bunte Haus" der Jugendhilfe Werne in der FrontansichtSchon das bunte Gebäude signalisiert Offenheit, Freundlichkeit, Wärme. Kinder, Jugendliche und Eltern sind willkommen.Harald Westbeld

Das Kinderheim St. Josef im westfälischen Werne? Wo ist das? Vor Jahren war es hinter einem hohen Wall versteckt und von der Stadt Werne abgeschirmt. Den Haupteingang musste man von einer Nebenstraße und durch einen Nebenweg finden. Heute das krasse Gegenteil: Der Wall ist weggebaggert, das "Bunte Haus" springt von der 100 Meter entfernten Bundesstraße ins Auge, und man betritt es jetzt auch von dieser Seite. Die Jugendhilfe Werne demonstriert schon durch ihren radikalen Um- und Ausbau der Gebäude mit den gelben, blauen und roten Fassadenelementen den inhaltlichen Wandel in der Jugendhilfe.

Geradlinig hat Uwe Schenk mit ­seinem Team die Angebote umgebaut, manchmal seine Mitarbeiter etwas überfordert mit einem radikalen Ansatz. Ein Treffen unter dem Motto "Kein Kind gehört ins Heim!" endete nach einer Stunde Schweigen mit Abbruch, gibt Schenk zu. Was nichts an seiner Meinung ändert, aber auch nichts daran, dass die Jugendhilfe Werne immer noch 217 Plätze in 30 Gruppen anbieten muss.

"Eigentlich ist das Aufwachsen in der Familie immer besser", ist Schenks Denkansatz und Motivation, eine ganze Palette von Angeboten aufzubauen, die Heimunterbringung möglichst verhindern sollen: Aber manchmal gebe es, zumindest vorübergehend, nun mal keine andere Möglichkeit. Was auch an der immer schwierigeren Anforderungssituation der Eltern und der dadurch bedingten "höheren Problemdichte" liege.

Kitas, Offener Ganztag, Familienanlaufstelle sind präventive Angebote

Deshalb begrüßt er es sehr, dass die Jugendhilfe Werne mittlerweile Träger von acht Kitas ist. Das sind für ihn vorbeugende Angebote. Von Kooperationspartnern komme manchmal der Vorwurf des "defizitären Ansatzes". Aber darum gehe es gerade: "Wir wollen Schlechtes sehen, um Schlimmeres zu verhindern", erklärt Schenk.

Porträt: Thomas Kißmann und Uwe Schenk von der Jugendhilfe WerneThomas Kißmann (l.), Gesamtleiter der Jugendhilfe Werne, und Geschäftsführer Uwe Schenk (r.) haben die Jugendhilfe Werne mit ihren rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stetig modernisiert.Harald Westbeld

Im Vordergrund müssen immer die Bedürfnisse der Kinder stehen und nicht die Interessen von Einrichtungen und Institutionen. Da ist Uwe Schenk kompromisslos und immer bereit, Bestehendes infrage zu stellen. Deswegen ist nicht nur der Kita-Bereich ausgebaut worden, sondern ist die Jugendhilfe Werne ebenso in Offenen Ganztagsschulen über Werne hinaus aktiv, vermittelt und betreut Pflegekinder und hat im "Bunten Haus" das "Familiennetz" mit aufgebaut, eine Anlaufstelle für alle auftauchenden Probleme - "damit man nicht in Hinterhöfen danach suchen muss".

Jüngste Errungenschaft seit dem Sommer ist "Amandi". Das bedeutet: "die, die man lieben soll". Das ist der Infopoint im "Bunten Haus", jederzeit zu erreichen telefonisch oder per Mail. Wobei auch zuvor keine Anfrage ins Leere lief. Die Mitarbeiter am Empfang sind so geschult, dass sie immer jemanden im Haus finden, der eine erste Auskunft geben kann.

Ausgangspunkt war das Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1991

Uwe Schenks Sorge ist, dass Angebote oft mittelstands­orientiert sind und bestimmte Bevölkerungsgruppen, vor allem die, die besonders hilfsbedürftig sind, nicht erreicht werden. Gerade sie will er mit "Amandi" ansprechen. Für all diese Facetten der Jugendhilfe bedarf es einer gewissen Größe. Mit an die 300 Vollzeitstellen, die von 500 Mitarbeitern besetzt sind, kann sich die Jugendhilfe Werne sogar eine "eigene kleine Mannschaft" leisten, die Fortbildungen organisiert und Teamberatung anbietet. Immerhin 40 Seiten umfasst das Fortbildungsprogramm für 2018.

Die weit kleineren Anfänge sind auf dem Gelände hinter dem "Bunten Haus" noch erkennbar. Ein "Kinderdorf" wurde Ende der 80er-Jahre rund um einen zentralen Platz gebaut. Hier wohnen nur noch Kinder in zwei Diagnosegruppen, in denen geschaut wird, ob sie in eine Pflegefamilie vermittelt werden können oder zum Beispiel in eine der in Wohngebiete eingestreuten Gruppen in Werne und umliegenden Orten umziehen.

Hinter dem Wall hatte das Kinderheim St. Josef damals wenig mit der Stadt Werne zu tun, das Jugendamt brachte die Kinder ohnehin an anderen Orten unter. "Kamen Herkunftseltern auf das Gelände, gab es Alarm", erinnert sich Schenk, der auf 34 Jahre Berufserfahrung bauen kann. Mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz begann 1991 die Entwicklung: Sozialpädagogisches Wohnen wurde initiiert, und in den 90er-Jahren war die Jugendhilfe Werne ganz vorne dabei, Kinder in westfälische Pflegefamilien zu vermitteln.

Die Entwicklung muss weitergehen

Eine Karte mit den Standorten der Jugendhilfe Werne. Die Einrichtungstypen werden mit farbigen Punkten unterschieden und in einer Legende erklärt.Jugendhilfe Werne/Stand: Juli 2018

Der eigentliche Aufbruch ist allerdings mit dem Namen Michael Knäpper verbunden und ursprünglich nur ein "Hilfskonstrukt" gewesen. Die Stadt Werne wollte einen Streetworker einstellen und fand in der Jugendhilfe einen Partner. Mit ihm tauchte die Jugendhilfe Werne tiefer in die Familiensituationen ein. "Man muss nicht Hilfsangebote gestalten, die über die Köpfe der Leute gehen", war für Uwe Schenk die Erkenntnis.

Zufrieden ist er nach all der Entwicklung über so viele Jahre auch im Alter von 60 noch nicht. Gerne würde er mit Jugendhilfe stärker in die Schulen wirken, um die guten Ansätze aus der Kita fortführen zu können. Aber da gehe es mehr um Didaktik und nicht wirklich um Pädagogik, sagt Schenk, der ursprünglich selbst Lehramt studiert hat. Immer wieder müssen auch pragmatische Kompromisse geschlossen werden. Er will keine Kinder unter sechs Jahren in Gruppen aufnehmen, "aber das lässt sich nicht ganz durchhalten".

Schenk ist auch privat engagiert

Er selbst erdet sich in der eigenen Familie. Immer wieder hat er mit seiner Frau als "Bereitschaftspflegefamilie" Pflegekinder aufgenommen. Nach dem Auszug des Sohnes sollte es jetzt mal eine kleine Pause geben. Aber dann kam wieder ein akuter Fall…

www.jugendhilfe-werne.de

Die Zahlen steigen

Porträt: Sebastian Heyn, der in seinem Büro auf einem Stuhl sitztSebastian Heyn leitet seit Oktober 2017 das Amt für Kinder, Jugend und Familienberatung der StädteRegion Aachen. Die StädteRegion Aachen gibt es seit 2009. Sie ist Nachfolgerin des früheren Kreises Aachen.Christian Heidrich

Caritas in NRW: Familien verändern sich. Inwieweit sind solche Veränderungen mitverantwortlich dafür, dass Hilfen zur Erziehung notwendig werden?

Sebastian Heyn: Wir merken schon, dass in einigen Familien Erziehungskompetenzen abnehmen. Rückhalte in Familien fehlen zunehmend. Wir bemerken, dass auch psychische Erkrankungen tendenziell zunehmen, was ebenfalls zur Überforderung in der Erziehung führen kann. Wenn diese Phänomene dann noch einhergehen mit Alkohol- oder Drogenmissbrauch, werden die Kolleginnen und Kollegen der sozialen Dienste vor große Herausforderungen gestellt.

Caritas in NRW: Die Kosten für die Hilfen zur Erziehung machen in den kommunalen Haushalten einen großen Batzen aus. Gilt das auch für die StädteRegion?

Sebastian Heyn: Eindeutig ja. Hilfen zur Erziehung und Kindertagesbetreuung sind zwei wesentliche Felder im Haushalt des Jugendamtes.

Caritas in NRW: Die Anzahl der Hilfen zur Erziehung in den Kommunen bewegt sich auf einem hohen Niveau - auch in Ihrem Zuständigkeitsbereich?

Sebastian Heyn: Schaut man in die Bundes- und Landesstatistiken, sind weit mehr als eine Million Kinder in Deutschland in irgendeiner Form in Hilfen zur Erziehung involviert. Hilfen zur Erziehung stehen in einem engen Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen, die wir haben. Das bedingt sich gegenseitig. Die Zahlen sind auch bei uns auf einem hohen Niveau, wobei wir in unserem Jugendamtsbezirk Kommunen mit unterschiedlichen Bedarfslagen haben. Die Unterstützungsangebote in Baesweiler sind andere als die, die wir in der Nordeifel vorhalten müssen. Ich leite seit einem Jahr das Jugendamt. Bis 2016/2017 ist die Zahl der Hilfen zur Erziehung stetig angestiegen. Ich sehe, dass die Tendenz immer noch ansteigend ist, aber nicht mehr so stark wie in den Jahren davor.

Caritas in NRW: Haben Sie für den geringeren Anstieg eine Erklärung?

Sebastian Heyn: Wir versuchen, eine gute Präventionsarbeit zu leisten. Wir halten so viele Kita-Plätze wie möglich vor und erweitern diese stetig. Wir erfüllen den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz und können individuelle Bedarfslagen von Familien bedienen. Wir haben eine gute Vernetzung mit unseren Kooperationspartnern. Dabei spielt auch der präventive Gedanke eine Rolle. Wir können frühzeitig, wenn Bedarfe in Familien notwendig sind, unterstützen, weil wir unsere Leistung auch gemeinsam mit den freien Trägern vorhalten.

Caritas in NRW: Warum setzt das Jugendamt der StädteRegion so auf Prävention?

Sebastian Heyn: Eine Hilfe zur Erziehung ist ja immer auch ein Eingriff ins familiäre System. Wir versuchen, so viel wie notwendig und so wenig wie möglich in familiäre Systeme einzugreifen. Dafür müssen wir aber im Vorfeld von Hilfen zur Erziehung schon intensiv mit Familien zusammenarbeiten und sie entsprechend beraten. Das sind vertrauensbildende Maßnahmen. Unterstützung wird von Familien nur angenommen, wenn eine Vertrauensbasis besteht.

Caritas in NRW: Also ist vorbeugen besser als heilen?

Sebastian Heyn: Für uns ist es wichtig, dass wir in allererster Linie informieren können über die Angebote, die es gibt. Das Jugendamt und seine Netzwerkpartner müssen ihre Angebote so zugänglich machen, dass Familien darauf aufmerksam werden und diese auch im Bedarfsfall in Anspruch nehmen. In der Öffentlichkeit aber hat ein Jugendamt oftmals einen schwierigen Stand. Das erschwert in vielen Fällen den Kontaktaufbau zu solchen Familien, bei denen wir denken, sie könnten dringend eine Unterstützung benötigen. Wir müssen also Hemmschwellen abbauen. Unsere Maßnahmen und unsere Unterstützungsleistungen können auch nur so weit erfolgreich sein, wie Familien in der Lage sind, sie anzunehmen.

Caritas in NRW: Sie sagten es zu Anfang schon: Hilfen zur Erziehung sind ein großer Posten bei den jährlichen Aufwendungen des Jugendamtes. Müssen Sie bei der Aufstellung Ihres Haushaltes sehr mit dem Kämmerer oder dem Finanzdezernenten kämpfen?

Sebastian Heyn: In der StädteRegion ist allen sehr wohl bewusst, was wir als Jugendamt leisten und wie wichtig die Aufgabe ist. Es geht um unsere Familien und um unsere Kinder. Wir müssen uns aber auch bewusst darüber sein, dass wir hier öffentliche Mittel verwalten. Auf der einen Seite müssen wir mit diesen Geldern verantwortungsvoll umgehen. Auf der anderen Seite geht es um Unterstützungsleistungen für Familien und Kinder. Und da ist es wichtig, dass sie die richtigen Unterstützungsangebote bekommen. Unsere Aufgaben sind umlagefinanziert. Es besteht - und das ist für uns wichtig - eine hohe Akzeptanz für uns als Jugendamt in den Kommunen, für die wir tätig sind.

Caritas in NRW: Auch in der Politik?

Sebastian Heyn: Der zuständige Kinder- und Jugendhilfeausschuss der StädteRegion ist sehr aktiv und sehr gut informiert. Wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit dem Ausschuss. Wenn die wissen, dass wir die richtigen Dinge tun, stehen sie auch hinter uns, unterstützen unsere Maßnahmen und geben uns auch Impulse. An dieser Stelle ist Transparenz ganz wichtig.

Caritas in NRW: Gibt es eine Maxime, nach der das Jugendamt handelt?

Sebastian Heyn: Effektivität und Effizienz, also die richtigen Dinge tun und die Dinge richtig tun, sind unsere Leitlinien. Das heißt zum Beispiel, frühzeitig mit Familien gemeinsam zu überlegen, welche Maßnahme die richtige ist. Es ist oft besser, am Anfang eine lange Anamnesephase unter Einbeziehung der Familie und ihres Umfeldes zu haben. Zu meinen, eine stationäre Maßnahme ist vielleicht etwas teurer, also installiert man lieber eine kostengünstigere ambulante Maßnahme mit dem Wissen, dass es nicht die richtige ist, kann nicht zielführend sein. Daher ist es für uns wichtig, Hilfen so passgenau wie möglich zu gestalten. Auch wenn die richtige Maßnahme kostenintensiver ist, muss sie gewährt werden. Daran führt kein Weg vorbei. Wir können nicht aus einem Kostengrund sagen, wir setzen die falsche Maßnahme ein und gefährden damit Familiensysteme.

Caritas in NRW: Dann würde ja auch die Soße teurer als der Braten.

Sebastian Heyn: Die Wahrscheinlichkeit ist zumindest hoch. Man nennt das Treppeneffekt. Man probiert immer die nächstintensivere Maßnahme. Und dann muss man natürlich auch fragen, inwieweit dann ein Familiensystem oder ein Kind oder Jugendlicher überhaupt noch in der Lage ist, sich nach der zweiten, dritten Maßnahme noch einmal auf eine neue Maßnahme einzulassen. Wir sind der Überzeugung: von vornherein schauen, was richtig ist. Bei der Abwägung zwischen ambulanten und stationären Hilfen muss man sehr sensibel vorgehen. Wenn klar ist, dass ein Kind nicht in der Familie leben kann, muss von vorn­herein überlegt werden, eine stationäre Maßnahme in Erwägung zu ziehen. Aber wir versuchen trotzdem, unter familienerhaltenden Aspekten mit ambulanten Maßnahmen zu unterstützen, wenn es dadurch möglich ist, dass Kinder in der Familie bleiben können.

Caritas in NRW: Bei allen Abwägungen, die zu treffen sind, kommt es natürlich auf Fachlichkeit an. Pädagogische Konzepte verändern sich. Wie stellen Sie sicher, dass die zuständigen Stellen fachlich auf dem aktuellen Stand bleiben?

Sebastian Heyn: Wir stehen in der gesamten Städteregion in einem kontinuierlichen Austausch mit allen Jugendämtern und haben verschiedene gemeinsame Arbeitskreise und Steuerungsgruppen. Den Mitarbeitenden steht ein umfangreiches Fortbildungsangebot zur Verfügung. Zudem stehen wir in engem Kontakt mit unserem Landesjugendamt, dem LVR. Es muss eine Verzahnung zwischen Theorie, Wissenschaft und Praxis erfolgen.

Caritas in NRW: Muss das Jugendamt nicht herhalten für eine verfehlte Politik in anderen Bereichen?

Sebastian Heyn: Das Jugendamt sitzt an einer Schnittstelle von diversen Verzahnungen zu anderen Systemen. Familien, die von materieller und sozialer Armut betroffen sind und dann auch noch ein niedriges Bildungsniveau haben, benötigen häufiger Unterstützungsangebote als andere. Wenn sie dann keinen familiären Background haben, der Unterstützung bietet, ist es einfach schwierig. Wir haben auch mit Menschen zu tun, die durch bestimmte Raster gefallen sind. Dann ist es aber wichtig, dass alle relevanten Stellen kooperieren, damit diese Menschen noch Entwicklungsperspektiven und Chancen haben.

Caritas in NRW: Wie organisiert man es, dass alle zusammenarbeiten? Das scheint mir eine große Herausforderung zu sein.

Sebastian Heyn: Es ist ganz wichtig, dass es entsprechende Netzwerke gibt. Seit dem Jahr 2012 gibt es das Bundeskinderschutzgesetz. Dadurch wurden die Netzwerkstrukturen der Frühen Hilfen gestärkt. Diese Netzwerkpartner treffen sich regelmäßig. In diesem Rahmen kann überprüft werden, welche Angebote es noch nicht gibt, welche notwendig sind, welche weitergeführt oder neu geschaffen werden sollen. Es gibt über Jahre gewachsene und gut funktionierende Strukturen unter Einbeziehung von Kinderärzten, Schulen, Kindergärten, Jobcenter, Trägern, Verbänden, Vereinen.

Das Interview führte Christian Heidrich.

sebastian.heyn@staedteregion-aachen.de

Viele Stellen wieder abgebaut

Porträt: Friedhelm EvermannFriedhelm Evermann leitet die Jugendhilfe St. Elisabeth, eine katholische Einrichtung in Trägerschaft der St.-Johannes-Gesellschaft Dortmund gGmbH. Sie bietet heute Erziehungshilfen für Familien mit Kindern, Jugendliche und junge Volljährige an.Peter Bandermann

Caritas in NRW: Im Zuge der Fluchtwelle sind 2015 und 2016 viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) nach Deutschland gekommen, die dann von den Jugendämtern auf die Heime der Jugendhilfe verteilt wurden. Wie stark war der Anstieg?

Friedhelm Evermann: Dortmund war Erstaufnahmestelle. Schon Ende 2014 haben wir relativ spontan eine weitere Wohngruppe eröffnet. Schon damals mussten wir uns in einem Hotel einmieten - nach Rücksprache mit der Stadt, weil kurzfristig kaum geeignete Immobilien zu bekommen waren. Ende 2015 standen wir, d. h. das Jugendhilfesystem in Dortmund, aufgrund der Vielzahl von UMF kurz vor dem Zusammenbruch. Wir haben von Dezember 2014 bis Oktober 2015 insgesamt 76 Plätze zusätzlich zu unseren bestehenden Plätzen aufgebaut, das war ein Zuwachs um fast ein Drittel unserer stationären Plätze. Manchmal haben sich die Träger in Dortmund zusammengeschlossen und gemeinschaftlich Angebote gestemmt, weil man kaum noch Personal akquirieren konnte. Insgesamt hat Dortmund mehrere Hundert zusätzliche Plätze geschaffen.

Caritas in NRW: Stichwort "Hotel mieten", Stichwort "Personal akquirieren". Wie stemmt man so was?

Friedhelm Evermann: Es gab einen großen Schulterschluss zwischen den Trägern und mit dem Jugendamt, bei dem man gefragt hat: Wer hat welche Kapazitäten? Wer hat Raumkapazitäten? Wer hat Personalkapazitäten? Gesteuert hat eine Task Force aus Vertretern des Jugendamtes und der Träger. Das waren die traditionellen Träger, die die Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen schon länger gemacht haben, und es sind dann noch einige zusätzlich angetreten.

Caritas in NRW: Wie stellen sich die Zahlen aktuell dar - ungefähr drei Jahre danach?

Friedhelm Evermann: Wir hatten wirklich Notplätze geschaffen. 50 Plätze in sogenannten Sondereinrichtungen waren nur auf Basis einer sogenannten Betriebsgenehmigung erlaubt. Das bedeutet, dass die Aufsichtsbehörde des Landesjugendamtes der Kommune den Betrieb für die akute Versorgung gestattet hat, ohne dass es reguläre Plätze waren. Diese 50 Plätze sind faktisch wieder abgebaut.

Caritas in NRW: Mit welchen Konsequenzen?

Friedhelm Evermann: 50 Plätze weniger bedeuten einen Personalüberhang von rd. 25 Stellen. Wir mussten keine aktiven Kündigungen aussprechen, sondern befristete Verträge liefen aus, andere Mitarbeiter konnten in andere Bereiche umgesetzt werden. Definitiv sind 16 Stellen abgebaut worden.

Caritas in NRW: Trotz Fachkräftemangel?

Friedhelm Evermann: Nicht alle neuen Mitarbeiter in der pädagogischen Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge waren Fachkräfte mit einer sozialarbeiterischen oder pädagogischen Ausbildung. Normalerweise gilt ja für die Jugendhilfe das Gebot einer Fachkraftquote von hundert Prozent. Doch die Ausnahmegenehmigungen des Landesjugendamtes bezogen sich auch auf das Personal. Manche neuen Mitarbeiter hatten sogenannte Befähigungen im Bereich der Kulturvermittlung, oder es waren Lehrer mit Migrationshintergrund, die für die Aufgaben geeignet waren.

Caritas in NRW: Was Sie für Dortmund beschreiben - war die Situation mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in anderen großen Städten genauso?

Friedhelm Evermann: Das war in einigen Regionen ähnlich, vor allem in den kreisfreien Städten. In den Landkreisen gab es in der Phase weniger Flüchtlinge und natürlich auch weniger Infrastruktur der stationären Jugendhilfe. Wir haben 2014 und 2015 in Dortmund zeitweise über 1000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in den Einrichtungen und den genannten Notfallplätzen versorgt, zusätzlich zu den laufenden Jugendhilfefällen. Das ist jetzt vorbei.

Die Fragen stellte Markus Lahrmann.

www.jugendhilfe-elisabeth.de

Unbegleitete Volljährige brauchen Begleitung

Ein Auszubildener mit Fluchthintergrund hantiert in einer Autowerkstatt an einem Rad herumImmer mehr junge Flüchtlinge starten eine Ausbildung.Bethanien Kinderdorf

Die 40-Jährige hat sich wissenschaftlich mit den Problemen und Herausforderungen befasst, mit denen unbegleitete Minderjährige im Asylverfahren zu kämpfen haben. Nur mit einer gesicherten Zukunftsperspektive, guten Sprachkenntnissen, schulischen Angeboten sowie einer guten Berufsausbildung hätten die jungen Menschen eine Chance, in Deutschland Fuß zu fassen. Zu diesem Ergebnis kommt Natascha Dorsch in ihrer Bachelorarbeit, die sie zum Abschluss ihres Studiums im Sommer 2017 am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein (HN) in Mönchengladbach geschrieben hat.

Wenn Kinder volljährig werden, sind sie zwar rechtlich selbstständig und für sich selbst verantwortlich. Das heißt aber nicht, dass mit Vollendung des 18. Lebensjahres jegliche Unterstützung des Elternhauses endet. In der Regel ist es so, dass Mama und Papa noch gerne bereitstehen, um zu helfen. So ist die Situation bei in Deutschland aufgewachsenen jungen Erwachsenen. "Bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die in Deutschland volljährig werden, ist das völlig anders. Vor dem Gesetz stehen sie an ihrem 18. Geburtstag auf einmal allein da. Trotz Sprachbarrieren und belastender Erfahrungen müssen sie alle weiteren Schritte selbst steuern. Ein Vormund oder ein Betreuer steht ihnen nicht mehr zur Seite, selbst dann nicht, wenn sie sich in einem laufenden Asylverfahren befinden.

Heute ist Natascha Dorsch vorwiegend für das Bethanien Kinderdorf beratend tätig, wenn es um die Frage geht, wie die Verselbstständigung der jungen Migranten gelingen kann. Drängendes Thema ist die Überwindung der gesetzlichen bzw. bürokratischen Hürden für eine Ausbildung. "Für die jungen Menschen steht eine gesicherte Zukunftsperspektive an erster Stelle. Dazu gehört neben einem sicheren Aufenthaltsstatus auch eine solide Ausbildung", sagt die Sozialarbeiterin. Daher betreibt sie auch Lobbyarbeit in Gremien und arbeitet eng mit Ausbildungsbetrieben zusammen. Manche Arbeitgeber zögerten, jungen Asylbewerbern einen Ausbildungsvertrag anzubieten, berichtet Natascha Dorsch. Ihre Sorge sei, dass diese im Laufe der Ausbildung abgeschoben werden könnten. Zudem fehle ihnen die Zeit, sich mit der Bürokratie auseinanderzusetzen. Deshalb unterstützt und begleitet das Bethanien Kinderdorf die jungen Menschen bei ihrem Übergang in die Ausbildung und in die Selbstständigkeit weiterhin. "Viele von ihnen sind zwischenzeitlich erfolgreich in eine Ausbildung gestartet. Das ist dem Erfolg unserer Pädagogen zuzurechnen, die sich den besonderen Herausforderungen gestellt haben", berichtet Kinderdorfleiterin Julia Bartkowski.

Wichtig sei nun, dass die Politik die Bedingungen für einen ungehinderten Zugang zu Ausbildung und den benötigten Förderungen erleichtert. Auch unter dem Gesichtspunkt der Fachkräftegewinnung im Interesse aller.

"Was ich bin, verdanke ich auch den Jugendlichen"

Porträt: Bruder Anno Müller, der auf einem dicht bewachsenen Gelände neben einem Zaun stehtBruder Anno zeigt den Jugendlichen mit seinem Leben, dass sie nicht alleingelassen werden, dass Gott auf ihrer Seite steht und ihren rauen Weg mitgeht, den Weg hin zu einer reifen, selbstständigen und zur Liebe fähigen Persönlichkeit.Cordula Spangenberg

In Gelsenkirchen ist Bruder Anno Müller bekannt wie ein bunter Hund. Seit 25 Jahren ist er dort - "lieber in Jeans als in Kutte" - in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig, ebenso lang, wie er dem Orden der Amigonianer angehört. Kinder und Jugendliche in Gelsenkirchen-Nord haben oft nicht viel zu lachen, gehen unter schwierigen Bedingungen ins Leben. "Ein Fass ohne Boden" sei der sozialpädagogische Bedarf in der Stadt, sagt der Ordensmann und geht mit umso mehr Idealismus an seine Aufgabe, die für ihn Beruf und Berufung zugleich ist: "Was ich bin, verdanke ich auch diesen Jugendlichen, die mich infrage stellen. Denen kann man nichts vormachen, da muss man authentisch sein."

Gelsenkirchen gilt als ärmste Stadt Deutschlands, 5000 Menschen holen sich hier wöchentlich Lebensmittel bei der Tafel, über 43 Prozent der Gelsenkirchener Kinder sind arm. An der Begegnung mit den Kids hängt Bruder Annos Herz. Früher war er Gefängnisseelsorger und Heimerzieher, und heute fährt er immer noch mit auf Ferienfreizeiten, betreibt ein Musikprojekt oder begleitet die Firmvorbereitung der Pfarrei. Im Hauptberuf allerdings zeichnet er nun verantwortlich für die Jugendarbeit des eingetragenen Vereins "Amigonianer Soziale Werke" in Gelsenkirchen, organisiert die Hilfen, beantragt öffentliche Mittel, treibt dringend benötigte Spendengelder ein und plant den Einsatz seiner Mitstreiter: sozialpädagogische Fachkräfte, studentische Lerntrainer, ehrenamtliche Hausaufgabenbetreuer. Alle zusammen kümmern sich um Betreuung von Haupt- und Gesamtschülern in den Stadtteilen Feldmark und Schalke nach dem Schulunterricht, begleiten den Übergang von der Schule in den Beruf und vernetzen die Hilfen. So arbeitet das Amigonianer-Projekt seit 30 Jahren mit der Caritas-Erziehungsberatungsstelle vor Ort zusammen. Das sei für alle Beteiligten eine Win-win-Situation, sagt Bruder Anno: "Wir können dort auf dem kurzen Dienstweg auffällige Kinder vorstellen, und die Fachleute der Caritas kommen in unseren Jugendtreff, um dort den Eltern niederschwellige Erziehungsberatung anzubieten."

Priester ist Bruder Anno auch, "aber fast als Hobby", sagt er und lacht. Denn während der Woche ist er fest eingespannt in seine Aufgaben in der Jugendhilfe, da ist an eine Verpflichtung als Aushilfspriester für Pfarreigottesdienste nicht zu denken. Die spirituelle Grundlage, die ihm Kraft und Motivation für seine Arbeit mit den Jugendlichen gibt, versucht er jedoch auch den Mitarbeitern begreiflich zu machen. Und kürzlich hat er zwei Jahre als Novizenmeister in Südspanien eingeschoben, um drei junge Männer in die Verbindung von Spiritualität und sozialer Arbeit einzuführen. Was man dafür brauche, sagt Anno, sei "Herzensbildung".



Ein Orden im Dienst der Jugend

Der Name der Amigonianer geht auf den Ordensgründer Luis Amigó zurück, der als junger, charismatischer Kapuzinerbruder 1889 den Orden gründete. Ausgehend von seinem Nachnamen, sagen die Brüder heute: Er war ein Freund der Jugend. Der Orden engagiert sich heute stark in der Erziehungshilfe.

www.amigonianer.org

Jugendhilfe: mehr Fälle – mehr Kosten

Ein Schaubild, in dem die steigenden Kosten der Jugendhilfe in NRW in den Jahren 2011, 2014 und 207 verglichen werden. Auch werden die Anzahlen der Einrichtungen sowie der Mitarbeitenden aufgeführt. 

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Aufwand hoch – Erfolg nicht planbar

Sibylle Klings, Norbert Kallen, Dieter Fühner und Thomas Koslowski sitzen bei der CiNW_Fachtagung 'Vergaberecht' auf dem Podium zusammen. Im Hintergrund ist ein Faltdisplay der Caritas in NRW zu sehenSibylle Klings (IN VIA Köln), Norbert Kallen (Caritas Rhein-Kreis Neuss), Dieter Fühner (Caritas Rheine), Thomas Koslowski (Caritas Hagen) berichteten von ihren Erfahrungen über vergaberechtliche Ausschreibungen.Markus Lahrmann

Ein Fachtag der Caritas in NRW ermöglichte jüngst eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema "Vergaberecht" und einen Erfahrungsaustausch auf unterschiedlichsten Ebenen. "Wir kennen Ausschreibungen aus dem Europarecht, wo sie zum Beispiel bei öffentlichen Aufträgen im Straßenbau schon sehr lange zwingend vorgeschrieben sind, um Transparenz und Wirtschaftlichkeit europaweit zu garantieren", so Heinz-Josef Kessmann, Sprecher der Diözesan-Caritasverbände, in seinem Eingangsstatement. Im deutschen Sozialrecht dagegen tangiert das Vergaberecht nicht nur die Position des Kostenträgers und die Interessen des Leistungserbringers, sondern vielfach auch das Wunsch- und Wahlrecht der Empfänger sozialer Dienstleistungen. Das macht es schwierig, und die rechtliche Situation ist alles andere als eindeutig. Nicht zuletzt auf Betreiben der Justiziare aus den nordrhein-westfälischen Diözesan-Caritasverbänden hat der Deutsche Caritasverband (DCV) Mitte 2018 eine Arbeitshilfe "Vergaberecht für die Praxis" vorgelegt, die deren Autorin Caroline von Kries, Leiterin der Arbeitsstelle Sozialrecht beim DCV, auf der Tagung vorstellte. Ausschreibungen seien nach geltendem Recht nicht immer zulässig, so zum Beispiel, wenn sie in bestimmten Bereichen das Wunsch- und Wahlrecht und das Subsidiaritätsprinzip verletzen würden, die in den Sozialgesetzbüchern einen Rang fast wie "sozialrechtliches Verfassungsrecht" (von Kries) innehätten. Auf der anderen Seite plädierte von Kries dafür, das Vergaberecht "nicht allzu sehr zu verteufeln". Man müsse die Gestaltungsräume nutzen, so von Kries.

Auswirkungen auf Mitarbeitende

Aus der Praxis berichtete Sibylle Klings, Vorstand von IN VIA in Köln, wie sie - konfrontiert mit einem Ausschreibungsverfahren in der Berufshilfe, das nicht zu gewinnen war - gezwungen war, diesen Bereich zunächst einmal zu schließen, obwohl der Verband über ausgewiesene Expertise und ein passgenaues Angebot verfügte. Mitarbeitende mussten versetzt werden, erst nach Jahren gelang es, mit neuen Mitarbeitenden unter befristeten Verträgen neu anzufangen. Doch in Zeiten zunehmenden Fachkräftemangels sind gerade Befristungen eine zusätzliche Schwierigkeit, um hervorragende Mitarbeiter zu gewinnen. Norbert Kallen von der Caritas im Rhein-Kreis Neuss berichtete von der hohen Frustration unter seinen Mitarbeitenden, nachdem infolge einer Ausschreibung eine soziale Dienstleistung durch das Jobcenter anderweitig vergeben wurde, in der der Verband seit 30 Jahren erfolgreich tätig war. Den Zuschlag erhielt zudem auch noch ausgerechnet ein katholischer Anbieter, der im selben Haus wie der Caritasverband sitzt, aber nicht nach AVR bezahlt.

Carolin Sen steht bei der CiNW-Fachtagung 'Vergaberecht' an einem Pult und hält eine RedeRechtsanwältin Carolin Sen informierte detailliert, welche Möglichkeiten es für Rechtssschutz in Vergabeverfahren gibt, wie hoch der Aufwand ist und in welchem Rahmen sich die Kosten üblicherweise bewegen.Markus Lahrmann

Pyrrhus-Sieg vor Gericht

Dieter Fühner, Vorstand des Caritasverbandes Rheine, berichtete von einem Verfahren vor Gericht, bei dem seinerzeit der Caritasverband mit Unterstützung der gesamten Spitzenverbände gegen die Ausschreibung der Sozialpädagogischen Familienhilfe durch den Kreis Steinfurt geklagt und vor Gericht gewonnen hatte. Auf der kommunalen Seite sei anschließend eine enorme Aggression bemerkbar gewesen bis hin zum Ausspruch: "Sie haben eine Schlacht gewonnen, den Krieg werden Sie verlieren." In diesem Jahr musste der Caritasverband Rheine wegen des Vergaberechts seine seit 37 Jahren existierenden Ausbildungswerkstätten schließen. Trotz harter Restrukturierung war eine andauernde Quersubventionierung im sechsstelligen Bereich notwendig, was auf Dauer nicht mehr tragbar war. "Wir lagen bei den Personalkosten, die einen Teil des wirtschaftlichen Angebotes ausmachten, nach den Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) der Caritas um 15 bis 20 Prozent über den Haustarifen anderer Bildungsträger", so Fühner. Das Bedauern der örtlichen Agentur für Arbeit war groß, das Vergabeverfahren hatte die Regionaldirektion durchgeführt.

Sinkende Löhne - weniger Qualität

Thomas Koslowski vom Caritasverband Hagen berichtete, wie der Verband sich schon 2005 gezwungen sah, bei Ausschreibungen Angebote abzugeben. Viele Träger hätten ausgegliederte GmbHs gegründet, um die Tarifstrukturen zu unterlaufen. So erreichte der Kostenträger damals sein Ziel, die Preise für soziale Dienstleistungen zu reduzieren, auf Kosten der Löhne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Koslowski berichtete auch, dass selbst innerhalb von Kommunen die Einschätzungen zu Vergabeverfahren unterschiedlich seien. Vereinfacht gesagt: Die Abteilungen, die sich inhaltlich auskennen, sind skeptisch, während Juristen und Haushälter eher zu Ausschreibungen neigen.

Direktor Heinz-Josef Kessmann steht bei der CiNW-Fachtagung 'Vergaberecht' an einem Pult und hält eine Rede. Im Vordergrund ist das Publikum und im Hintergrund das Podium zu sehen.Heinz-Josef Kessmann, Sprecher der Diözesan-Caritasdirektoren, führte in das Thema des Fachtags ein. Ausgeschrieben werden beispielsweise Leistungen der Schulbegleitung, das Offene Ganztagsangebot, die Schulsozialarbeit oder die Schuldnerberatung. Häufig „gewinnt“ das billigste Angebot, das Nachsehen haben Wohlfahrtsverbände, die nach Tarif zahlen.Markus Lahrmann

Es gibt auch die Problematik, dass Ausschreibungen, die man lange Jahre erfolgreich bedient hat, inzwischen nicht mehr auf sich verändernde Zielgruppen passen. Sibylle Klings berichtete von solch einem Fall, bei dem ihr Verband in der Evaluation von Bildungsmaßnahmen für Menschen mit Vermittlungshemmnissen letztendlich schlecht bewertet wurde, weil er anders gearbeitet hatte als vorausgesetzt. Gleichzeitig aber stand am Schluss die offene Frage des Auftraggebers: "Wir verstehen nicht, warum Sie alle Teilnehmer der Maßnahme vermitteln konnten."

Am Schluss des Fachtags stand der Wunsch nach mehr Austausch zwischen den Caritas-Trägern, nach bundesweiten Musterkonzepten für konkrete Dienstleistungen, nach mehr sozialpolitischer Unterstützung, nach einer umfassenden Wirksamkeitsanalyse unter Einbeziehung inhalt­licher und sozialpolitischer Gesichtspunkte, nach einem Portal für mehr Überblick und nach dem Aufbau eines Erfahrungsnetzwerkes, nach mehr Rechtssicherheit. Oder gibt es vielleicht eine Agentur, die für die Träger die Aufgabe übernimmt, Vergabeverfahren rechtssicher zu bedienen bzw. fehlerhafte Verfahren zu bekämpfen?

Sozial braucht digital!?

AltenpflegerDeutscher Caritasverband, Fotograf: Darius Ramazani

Digitalisierung ist als Thema - manche sagen "endlich!" - auch in der Caritas angekommen. Wer jahre­lang glaubte, es handle sich um ein Nischenthema für die Spezialisten der Kommunikationsabteilungen und der Öffentlichkeitsarbeit, muss lernen, dass Digitalisierung Auswirkungen auf ausnahmslos jeden Bereich auch der sozialen Arbeit haben wird. In der April-Ausgabe 2018 von "caritas in NRW" wurden vor allem technische Hilfsmittel und Hardware-Devices vorgestellt, die in der sozialen Arbeit zur Anwendung kommen.

Digitalisierung umfasst aber auch:

  • softwaregestützte Analysemethoden
  • künstliche Intelligenz
  • vernetztes Arbeiten
  • neue und neuartige Gestaltung und Strukturierung von Marktprozessen und Kundenbeziehungen

Digitalisierung ermöglicht es beispielsweise, Prozesse einfacher zu machen, sie werden effizienter und besser, auch korrekter. Wir können Antworten auf Fragen bekommen, die wir vorher nicht stellen konnten, weil wir jetzt Daten haben. Wir können dezentraler arbeiten. Neue Geschäftsmodelle werden entstehen und den Sozialmarkt und seine Beziehungen zwischen Klienten und Leistungserbringern durcheinanderwirbeln.

Der "Rohstoff" für optimierte Arbeitsprozesse in einer digitalisierten Welt sind Daten. Verknüpft man genügend "gute" (d. h. geprüfte und standardisierte) Daten mit entsprechenden Operatoren, erhält man im besten Fall Werkzeuge zur Analyse und Prognose, die andere Entscheidungen ermöglichen als bisher. Diese "Werkzeuge" werden kommen, und sie werden den Alltag auch in der sozialen Arbeit massiv umkrempeln, wenn sie das viel gerühmte "Bauchgefühl", in dem sich Erfahrungswissen und Einfühlungsvermögen vermengen, ergänzen oder auch ersetzen. Mit allen Problemen, die daraus ebenfalls entstehen können und die zu diskutieren sind.

Technik verbessert die Steuerung

Einige Beispiele: Der Arbeitsmarktservice (AMS) in Österreich, vergleichbar der deutschen Bundesagentur für Arbeit, hat angekündigt, einen Algorithmus einzusetzen, um die Chancen von Arbeitslosen auf einen neuen Job zu bewerten. Solche Prognosen für die Wirksamkeit von Maßnahmen sollen die größtmögliche Effizienz der vorhandenen Fördermittel garantieren. Ein Knackpunkt bei einem solchen "Scoring-System": Frauen erhalten bei Bewertungen einen Abzug, nur weil sie Frau sind. Wenn sie dazu noch eine Betreuungsaufgabe haben (Kinder, pflegebedürftige Angehörige …), ist der Abzug dreimal so hoch. Nicht-EU-Bürger werden niedriger bewertet, Langzeitarbeitslose ebenso. Die Verantwortlichen sagen, sie nutzten die künstliche Intelligenz, um die Realität abzubilden. Die Probleme liegen auf der Hand: Existierende vorurteilsbehaftete Strukturen werden normativ verfestigt und prägen die Zukunft.

In den USA soll ein Algorithmus das Rückfallrisiko von verurteilten Straftätern berechnen. Die Prognosen der Software beeinflussen die Festsetzung der Kautions- und Strafhöhe oder die Entscheidung, ob eine Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird. Auch hier prägen im konkreten Fall Vorurteile die Ergebnisse: Bei Schwarzen warnt die Software zu oft und bei Weißen zu wenig vor einem Rückfall. Bei Weißen werden spätere Vergehen sogar doppelt so oft nicht vorhergesagt.

Beide Beispiele machen deutlich, dass softwaregestützte Analysemethoden neue Entscheidungen erfordern: Was zählt mehr: das Interesse der Allgemeinheit an ressourcenoptimiertem Einsatz von Finanzmitteln oder das Interesse des Einzelnen an einer vorurteilslosen Behandlung? Die Diskussion über diese und ähnliche Fragen erfordert zweierlei: eine umfassende Kenntnis der neuen technischen Möglichkeiten (und deswegen der Imperativ "Sozial braucht digital!") und ethische Kriterien, die die Auswirkungen abzuschätzen und zu bewerten helfen.

Technik ersetzt den Menschen

"Weil mehr Zeit bleibt, wenn man die Arbeit mit einer App teilt" - so eine der Botschaften aus der aktuellen Kampagne der deutschen Caritas. Dazu das Bild eines Pflegenden mit einem technischen Gerät in der Hand am Bett einer Patientin. Die Visualisierung des Themas "Sozial braucht digital" wirkt fröhlich. Die technischen Möglichkeiten sind immens: Neuartige Sensorik verhindert in stationären Altenheimen das unbemerkte Weglaufen von verwirrten Bewohnerinnen und Bewohnern. Andere Sensoren erkennen Stürze, können sie unterscheiden von Bücken oder Hin­knien. Technisches "Spielzeug", kleine Roboter mit menschenähnlichen Zügen, simuliert Beziehungen. Digital programmierte Technik überwacht Körperzustände, Roboter regen an zur Flüssigkeitsaufnahme. Wenn das alles zum Einsatz kommt (und funktioniert), dann, so die Hoffnung, bleibt mehr Zeit für den Menschen, für das wirklich Menschliche. Doch all diese neuen Errungenschaften müssen finanziert werden, Pflegekräfte müssen ihre Bedienung erlernen, ethische Fragen sind zu diskutieren und zu bewerten (s. o.).

Chatbots, die längst das Einkaufen in Online-Shops erleichtern, werden über kurz oder lang auch in die Online-Beratung einziehen - und zumindest einen Teil der Kommunikation übernehmen (können). Noch fünf Jahre - so schätzen Forscher -, dann beherrscht KI emotionale Kommunikation. Doch was bedeutet das für die Beziehung zwischen Klient und Sozialarbeiterin? Was ist, wenn sich Klienten beim Bot besser aufgenommen und beraten fühlen als beim Menschen? Was ist, wenn ihnen der Unterschied gar nicht mehr bewusst wird - oder falls doch: egal ist? Was sich möglicherweise als Rezept gegen den Fachkräftemangel durchsetzen wird, wird auch die Kostenträger begeistern.

Die Gewinner der Plattform-Ökonomie

Immer mehr Menschen fühlen sich wohl mit Alexa, Siri oder Cortana, erteilen ihnen Befehle, hören auf ihre (Kauf-) Empfehlung, holen ihren Rat ein. Wenn der Kunde sagt: "Alexa, ich brauche einen Pflegedienst in Bochum" - wen nennt Alexa dann? Die AWO? Ein polnisches Start-up? Die Diakonie? Einen anderen Privaten? Oder empfiehlt Alexa als kostengünstige Alternative ein Gesamtpaket, das zufällig vom Pflege-Amazon angeboten wird? Das zudem noch rabattiert wird, weil es modular aufgebaut ist und damit auch einen Platz in der Reha-Klinik für den Neffen aus Kiel umfasst?

Was bedeutet es für Träger caritativer Arbeit, wenn potenzielle Kunden oder Klienten den Zugang zu sozialen Diensten auf einmal über eine Plattform suchen? Muss die Caritas demnächst ihre Sozialdienste und -angebote auf Plattformen einstellen, weil sie dort von einer relevanten und steigenden Anzahl von Nutzern gesucht werden? Muss die Sozialstation der Caritas dann an das Pflege-Amazon "Einstellgebühren" zahlen und Provisionen leisten, wenn sie kostendeckend Umsatz machen will? Die Diskussion innerhalb der Caritas steht erst am Anfang.



NRW-Digitalstrategie

Der ressortübergreifend entstandene Entwurf einer Digitalstrategie der NRW-Landesregierung berücksichtigt auch Themen wie Soziales und Bildung. Die Caritas in NRW hat sich u. a. mit einer Stellungnahme in dem Prozess zu Wort gemeldet.

Anfang Januar will die Landesregierung die eingegangenen Stellungnahmen, die 1400 Priorisierungen und die Online-Kommentare sowie die Eingaben auf der Digitalkonferenz Ende Oktober ausgewertet haben und ihre Digitalstrategie für Nordrhein-Westfalen beschließen.

www.digitalstrategie.nrw

Erste landesweite Caritas-Wallfahrt

Die Messe während der Wallfahrt der Caritas in NRW in der Marienbasilika in Kevelaer. Das Foto wurde vom Altar aus aufgenommen und zeigt die gefüllten Bänke, die Orgel und den Haupteingang der Kirche.Tobias Kleinebrahm

Mit Bussen, per Fahrrad und sogar zu Fuß waren die Caritas-Mitarbeiter in die Marienstadt am Niederrhein gekommen. Zu Beginn der Wallfahrtsmesse in der Basilika begrüßte Wallfahrtsdirektor ­Gregor Kauling die Teilnehmer und wünschte ­ihnen, dass sie an diesem Tag Kraft für ihre ­herausfordernde Aufgabe schöpfen können: "Hinter jedem von Ihnen stehen so viele Menschen, die von dem Lungenflügel Caritas Atem schöpfen. Heute sind Sie dran, Atem zu holen."

Da tue es gut, in einer großen Gemeinschaft unterwegs zu sein und zu erfahren, "dass viele mit ihnen unterwegs sind", sagte Domkapitular Josef Leenders in seiner Predigt. Häufig wisse man nicht, was einen erwarte, wenn man ein Krankenzimmer oder das Zimmer in einem Altenheim betrete. "Aber Sie gehen auf die Menschen zu mit der Botschaft: Jetzt bin ich für dich da".

Europa bedeutet Liebe, Frieden und Entwicklung

 "Europa bedeutet für mich Liebe, Frieden und Entwicklung."

Jorge Nuño Mayer 

Porträt: Jorge Nuño MayerJorge Nuño Mayer (52 Jahre), Generalsekretär der Caritas EuropaPrivat

Liebe: Mein Vater, ein spanischer Gastarbeiter, lernte im Erftkreis meine deutsche Mutter kennen. Jahre später heiratete ich eine wunderbare Polin. Wie viele Erasmus-Paare und allgemein grenzüberschreitende europäische Familien gibt es mittlerweile? Auch die Caritas (lateinisch: Liebe) bringt überall in Europa Liebe an Menschen in Not.

Frieden: über 70 Jahre Frieden im Europa der EU. Viele mögen Frieden so natürlich gegeben sehen wie dass auf die Nacht der Tag folgt, aber - die Geschichtsbücher erzählen es uns - es ist nicht so. Frieden muss tagtäglich errungen werden. So häkelt auch die Caritas Frieden durch Zusammenarbeit in ganz Europa.

Entwicklung: Europa "ist" nicht, Europa ist ein permanentes "Werden": EU-Erweiterungen; unendliche Debatten, Entscheidungen und Umsetzungen; permanente Krisen, die immer einen Schritt weiter führen; von der von Eseln angetriebenen Wasserpumpe meiner spanischen Kindheit zu modernsten Infrastrukturen in ganz Europa; Umweltschutz; interne Solidarität mit Arbeitslosen, mit benachteiligten Regionen; Entwicklungshilfe - die EU ist der weltweit größte Spender für Entwicklung und Katastrophenhilfe; Fehler begehen und aus Fehlern lernen; und, und, und … immer ein Werden. So wie die Caritas in Europa.

Deswegen gehe ich zur Wahl!

Das Logo der Aktion 'care4eu' zur Europawahl 2019Im Europaparlament werden wichtige Rahmenbedingungen für unser Leben getroffen. Wählen ist Teilnahme und Teilhabe. Ich gehe zur Wahl, damit Europa weiter wird, damit die Menschen und Gesellschaften sich weiterentwickeln, damit der Frieden besteht und kein Krieg mehr kommt, damit die Liebe siegt.

Europawahl: in Deutschland am 26. Mai 2019
#care4EU

jnunomayer@caritas.eu

Perspektivwechsel ohne Schock

Porträt: Celina HerrCelina Herr, 23 Jahre, studiert Soziale Arbeit im 5. Semester an der Katholischen Hochschule Münster. Ihr Praxissemester beim Betreuungsverein des Caritasverbandes Münster begann am 1. August 2018 und endet am 31. Januar 2019.Lisa Uekötter

Statt Seminaren in Sozialrecht und Psychologie stehen für die Studentin der Sozialen Arbeit jetzt "Hausbesuche" und "Anträge stellen" auf dem Stundenplan.

"Meine Kollegen helfen zum Beispiel bei Schriftwechseln oder organisieren den Umzug in ein betreutes Wohnen", beschreibt Celina Herr einige Aufgaben der Vereinsbetreuer bei der Caritas . Wenn Menschen aufgrund einer psychischen Krankheit, geistiger, seelischer oder körperlicher ­Behinderung in einem oder mehreren Bereichen ihre Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln können, kann das Betreuungsgericht auf Antrag einen rechtlichen Betreuer bestellen. Dieser übernimmt nur die rechtliche Vertretung für bestimmte Bereiche. "Das Ziel ist immer, die Eigenständigkeit des Betreuten zu erhalten", sagt Herr.

Dass der angehenden Sozialarbeiterin ihr vorübergehender Arbeitsplatz sehr gut gefällt, wird schnell deutlich: "Dieser Mix aus Klientenkontakt und Büroarbeit macht mir besonders viel Spaß." Celina Herr stellt Anträge und setzt Schreiben an verschiedene Institutionen auf, begleitet aber auch ihre sechs Kollegen zu regelmäßigen Hausbesuchen bei Betreuten. Erstgespräche für neu aufgenommene Betreuungen findet sie besonders spannend: "Von Anfang an in die Betreuung mit eingebunden zu sein, ist schön."

Der übliche Praxisschock ist bei der Studentin ausgeblieben, denn Erfahrungen in der sozialen Arbeit hatte sie schon reichlich gesammelt. In einem Freiwilligen Sozialen Jahr arbeitete sie in den Außenwohngruppen für Menschen mit geistiger Behinderung des Caritasverbandes Emsdetten-Greven. "Für mein anschließendes Fachabitur habe ich ein Jahrespraktikum im Haus vom Guten Hirten gemacht, einer Einrichtung für Menschen mit psychischer Erkrankung und geistiger Behinderung", berichtet Celina Herr. "Im Praxissemester wollte ich noch mal eine neue Perspektive bekommen", erzählt die 23-Jährige von ihrer Suche nach einem passenden Platz. Fündig geworden ist sie über die Praktikumsbörse ihrer Hochschule.

"Ehrenamt vor Hauptamt" ist ein wichtiger Grundsatz in der rechtlichen Betreuung, den die Kollegen Celina Herr früh mitgegeben haben. Denn eine zentrale Aufgabe des Vereins sind die Beratung und Fortbildung sowie Gewinnung von ehrenamtlichen Betreuern. "Mich haben sie auf jeden Fall schon begeistert", sagt die Praxis­semestlerin. Bald möchte sie als Ehrenamt­liche Menschen im alltäglichen Leben da unterstützen, wo es notwendig ist: "Das ist ein super Ehrenamt!"

www.caritas-ms.de