Aufregende Begegnungen
Udalrike Hamelmann und Gregor Sasse: "Der Himmerl geht über allen auf."

Kunst und Kreativität im Heilpädagogischen Therapie- und Förderzentrum Warburg
Von Sandra Wamers
Es sind Dialoge ohne Worte: Halina malt eine runde Sonne. Die Landtagsabgeordnete Hannelore Kraft schmückt das Gestirn mit dem gelben Strahlenkranz. Dirk bannt das Weltall auf ein Blatt. Gemeinsam mit dem Bundestagsabgeordneten Jürgen Herrmann zeichnet Dirk akkurate Kreise. Das sind die Planeten. Zuletzt hat Gregor einen Vogel gemalt, dem die Künstlerin Udalrike Hamelmann Flügel verleiht. Bei diesen Schöpfungsakten ersetzt ein Pinselstrich tausend Worte.
Das sind ganz persönliche Begegnungen von Menschen im Heilpädagogischen Therapie- und Förderzentrum Michaela Lehnert: Viele Leute werden getragen (Ausstellung „Der Sturm ist mein Sessel – Seelenimpressionen“) Gregor Sasse: gemalt nach dem Besuch einer Ausstellung eines Sauerländer Künstlers
St. Laurentius in Warburg (kurz HPZ), die über Kunst entstanden sind. Diese Begegnungen sind Bereicherungen für alle, weil die Kunst eine Begegnung auf Augenhöhe ermöglicht. Von Mensch zu Mensch, einerlei, ob mit oder ohne Beeinträchtigung. Kunst wird zur Brücke: „Es entstehen Dialoge, welche Antworten ermöglichen, die jeder zum Werden braucht“, sagt Ute Dohmann-Bannenberg, Kulturbeauftragte des HPZ. „Jeder Mensch benötigt in seinem Tun eine Antwort.“ Dann wird Kunst eine heilsame Kraft. „Menschen mit Beeinträchtigung werden zu Gebenden. Sie führen dem Dialogpartner Wesentliches vor Augen: Zeit füreinander haben, aufeinander zugehen und die Authentizität – sie lügen nicht“, sagt die Kulturbeauftragte. Kunst – eine Art der Nächstenliebe. Nächstenliebe heißt Caritas.


Fotos: HPZ St. Laurentius, Warburg
Jede Kunst-Gattung eröffnet andere Erfahrungsräume: Bildhauerei, Fotografie und Malerei. Mit dem Höxteraner Künstler Wladimir Zlatkov haben die Bewohner Engel erschaffen. Sie haben die göttlichen Boten aus Holzblöcken geschält – die Engel befreit und ihnen Gestalt gegeben. In der Fotowerkstatt haben Frauen mit der Fotografin Cornelia Suhan ganz bewusst den Fokus auf sich gerichtet, um im Dialog ihre Bedürfnisse und Gefühle auszuloten. Diese spiegeln sich einen Lidschlag lang auf ihren Gesichtern wider. Das sind die Augenblicke, den Auslöser zu drücken. Ein Porträt ist entstanden. Das Foto kann betrachtet, gezeigt, weitergereicht werden. Fotografien werden so zu millimeterdünnen Brücken der Begegnung und des Dialogs.
Die Malerei bildete den Anfang. Seit 2000 sind Kunst und Kultur fest in die Konzeption des HPZ integriert. Die Kunst öffnet Türen – ganz zu Beginn die Pforten des Museums. „Der Sturm ist mein Sessel“, so war 2001 die erste Ausstellung von „Seelenimpressionen“ der HPZ-Bewohner übertitelt. Es folgten weitere Schauen, zum Beispiel in Berlin, Düsseldorf, München. Dort haben die Künstler gezeigt, was sie können – wer sie sind. Das sind große Ausflüge, aufregende Begegnungen.
Aber lauter hallen die leiseren Begegnungen mit Kunst nach: immer dann, wenn ein Werk entsteht. Dann wird Kunst zu einem ganz intimen, konzentrierten Mittel, um die Brücke zwischen zwei Menschen zu bauen. So wie bei Gregor Sasse, HPZ-Bewohner, und Udalrike Hamelmann, Künstlerin aus Bad Driburg. Beide stehen im lichtdurchfluteten Atelier der Künstlerin. Die große Leinwand ist leer. Sie haben einen Auftrag, sollen das HPZ-Jahresmotto malen. Es lautet: „Der Himmel geht über allen auf.“ Wie kann dieser Himmel aussehen? Der Dialog beginnt. Zwei Menschen begegnen sich auf künstlerischer Ebene und auf Augenhöhe – vermeintliche Behinderung wird jetzt zur Bereicherung. Sicht-, Denk- und Schaffensweisen werden erst aufgebrochen, dann zusammengeführt. Am Ende steht das fertige Bild. Dieses ist sichtbar, greifbar. Flüchtig waren hingegen die Worte und Gesten während des kreativen Schöpfungsaktes. Flüchtige Augenblicke mit langem Nachklang: Gregor hat Mut gefasst. Er hat in Udalrikes perfekten, in Gold gefassten Erdball einen roten Pinselstrich gesetzt. Im Gegenzug hat Udalrike Hamelmann sich zurückgenommen. Sie steht gewöhnlich allein vor der Leinwand. Sie hat ihren Stil gefunden. Jetzt gibt sie Gregor mit der blauen Grundierung und dem runden Erdball einen Rahmen. Diesen Halt will Gregor haben, um den anderen Bildraum zu füllen. Er greift zu Gelb, Rot und Weiß: der Mond, drei Sterne und ein Vogel – in der Mitte die Erde. Genauso sieht es aus, wenn der „Himmel über allen aufgeht“. Da sind sich Udalrike und Gregor einig.
Sandra Wamers ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Heilpädagogischen Therapie- und Förderzentrum St. Laurentius.
Aus "Caritas in NRW", Ausgabe 3/2008









