Boom bei Tafeln und Kleiderläden

Caritas in NRW kritisiert soziale Schieflage und fordert Verteilungsgerechtigkeit

Den Rückzug des Staates aus seiner sozialen Fürsorge- und Vorsorgeverantwortung hat die Caritas in NRW kritisiert. Wegen wachsender Armut „boomen die existenzsichernden Hilfen", sagte der Aachener Diözesan-Caritasdirektor Burkard Schröders auf einer gemeinsamen Fachtagung der fünf Diözesan-Caritasverbände in Krefeld.

Allein die Caritas betreibe in NRW 250 Kleiderläden und rund 150 Warenkörbe und Tafeln. Das sei ein Spiegel der „krassen Schieflage" in der Gesellschaft und lasse den Ruf nach Verteilungsgerechtigkeit immer lauter werden. Zeitgleich setze der Staat zunehmend auf Almosen und solidarisches Engagement von Bürgern, kritisierte Schröders.

Höchste Anerkennung verdiene das ehrenamtliche Engagement von Menschen für ihre Mitbürger in existenzgefährdeten Lebenssituationen. „Nach jahrelanger Diskussion über die schwindende Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement ist es für die meisten Tafeln oder Caritas-Läden kein Problem, freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden", sagte Schröders. Dieser zusätzliche Benefit für das Gemeinwesen dürfe aber nicht zum Ersatz für sozialrechtlich geregelte gesellschaftliche Leistungen werden, betonte der Caritas-Direktor. Im Ringen um Antworten für den richtigen Weg bleibe es Ziel aller Caritasarbeit, Menschen, insbesondere Benachteiligte und Schwache, vor Ausnutzung, Ausgrenzung und Vereinnahmung zu schützen.

Ziel: Armutsbekämpfung ohne Almosen 

Über hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten auf der Fachtagung Thesen mit dem Ziel einer verbandlichen Positionierung. „Barmherzigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit gehören zusammen. Dieser Dreiklang werde in vielen existenzsichernden Hilfen auf Barmherzigkeit und Solidarität verkürzt", so eine These. Aufschlussreich war dabei der Versuch einer ethischen Differenzierung: Das Engagement des Einzelnen bei Tafeln und Kleiderkammern ist individualethisch betrachtet edel und richtig. Aus sozialethischer Perspektive muss das Ziel jedoch eine Armutsbekämpfung ohne Almosen sein.

Das bedeutet für die Caritas, stärker nachhaltige Hilfsformen zu entwickeln, alle Formen der Selbsthilfe zu integrieren und die Beteiligung und vielleicht gar politische Aktivierung der Betroffenen zu unterstützen. In einem gerechten und auf Ausgleich bedachten Sozialstaat braucht es keine Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern. Ihre Abschaffung könnte ein Gradmesser für erfolgreiche Armutsbekämpfung sein. Bis es so weit ist, wird es weiter Tafeln geben; gleichzeitig muss die Caritas weiter anwaltschaftlich und leidenschaftlich für bedarfsgerechte soziale Sicherungssysteme kämpfen.

Markus Lahrmann