Gute Pflege nicht zum Billigtarif

Die Pflegeheime in NRW sind teurer als in anderen Bundesländern. Dafür gibt es gute Gründe.

Die Pflegeheime in Nordrhein-Westfalen sind zehn Prozent teurer als im übrigen Bundesgebiet. Für die Heimbewohner bedeutet dies Mehrkosten von täglich 7,50 Euro, wie aus einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) hervorgeht. Danach summieren sich die Mehrkosten für die NRW-Pflegeheime auf 460 Millionen Euro.

Mit guten Gründen: So sind die Personalschlüssel für den Einsatz von Pflegekräften höher als in anderen Bundesländern und es gibt auch einen hohen Anteil tarifgebundener Träger, unter ihnen die Caritas.

„Es hat sich mittlerweile eingebürgert, die billigste Lösung grundsätzlich für die beste Lösung zu halten", ärgert sich Eric Lanzrath, im Diözesan-Caritasverband Münster zuständig für die Verhandlung der Pflegesätze. Tatsächlich gehe es um Qualität und da müsse NRW sicher keinen Vergleich scheuen. Das Verfahren, wie die Pflegesätze gefunden werden, weist dabei eine hohe Transparenz auf. Anders als in anderen Bundesländern erfahren die Pflegekassen detailliert, was in welchem Bereich des Altenheims ausgegeben wird, und können überprüfen, ob diese Ausgaben angemessen sind.
 
„Das sind nicht nur die Personalkosten", so Lanzrath, „sondern auch die Aufwendungen für Lebensmittel und den hauswirtschaftlichen Dienst. „Nur was von Pflegekassen und Sozialhilfeträgern als angemessen beurteilt wird, kann im Pflegesatz vereinbart werden und wird in den nächsten Verhandlungen wiederum transparent überprüft", sagt der Pflegesatzexperte.

Die Höhe der Pflegesätze relativiert sich auch bei genauerem Hinschauen. Lanzrath rechnet vor, dass einer Pflegekraft bei einem Bewohner der Pflegestufe I pro Tag 66 Minuten zur Verfügung stehen für Grundpflege, Begleitung durch den Tag, behandlungspflegerische Maßnahmen und immer umfangreichere Büroarbeiten. Bei der guten Stunde muss dann sogar noch ein Zeitanteil für den Nachtdienst abgerechnet werden. „Wer zu hohe Pflegesätze beklagt, muss konsequenterweise auch fordern, diese Zeit für den Bewohner weiter einzuschränken", sagt Lanzrath.

Weitere Gründe für die Spitzenstellung NRWs kommen hinzu: Hier bieten die Sozialdienste in den Altenheimen ergänzend zur Pflege besondere Betreuung mit gymnastischen Angeboten, Gedächtnistrainings und vielem mehr. In Niedersachsen beispielsweise könne ein solches Angebot nicht über den Pflegesatz finanziert und somit auch nicht vorgehalten werden. Schließlich muss über den Pflegesatz auch die Ausbildung von weiteren Altenpflegern finanziert werden. Das sei politisch so gewollt und gefordert. Die Personalkosten der Auszubildenden, so Lanzrath, „fließen voll in den Pflegesatz ein."

Ein reiner Preisvergleich greift aus Sicht der Caritas deshalb zu kurz. Der möglicherweise entstehende Eindruck, dass in Nordhrein-Westfalen unwirtschaftlich gearbeitet werde, sei falsch. Letztlich laufe es auf die Frage hinaus, „was uns die Pflege und Betreuung älterer pflegebedürftiger Menschen wert ist", sagt Lanzrath.

Laumann fordert Qualiät und verteidigt Tarifbindung

Landessozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte die Untersuchung des RWI in Auftrag gegeben. Er wolle „keine Billigpflege, sondern hohe Qualität", sagte er bei der Vorstellung. Aber die Heimbewohner und ihre Angehörigen hätten ein Recht auf Kostentransparenz und müssten erfahren, worin die Ursachen für die Mehrkosten liegen. Im Vergleich zum benachbarten Niedersachsen sind die Heime sogar um 21 Prozent teurer.

Rund 60 Prozent der höheren Kosten, 280 Millionen Euro, werden durch mehr Betreuungspersonal, eine höhere Tarifbindung und im Bundesvergleich ältere Mitarbeiter verursacht. Gerade als Arbeitsminister werde er diese Mehrkosten „vehement verteidigen", erklärte Laumann. Die Pflegekräfte in Nordrhein-Westfalen müssten weiter anständig bezahlt werden. An der Tarifgebundenheit werde nicht gerüttelt.

M.L. / mit KNA

" Sehr geehrter Herr Minister Laumann,

mit Bestürzung müssen wir feststellen, dass die aufopferungsvolle Arbeit der Pflege hilfebedürftiger Menschen diskreditiert wird. (...) Ein Preisvergleich ohne Qualitätsvergleich ist unseres Erachtens nicht aussagefähig und führt zu falschen Schlüssen. Wir haben in NRW eine gute Qualität zu bieten, nicht umsonst kommen die Skandalmeldungen in der Regel aus dem Norden oder dem Süden der Republik.

Die Caritas im Bistum Essen hat sich seit einigen Jahren dazu einem besonderen Caritas-Qualitätsmanagement verpflichtet. Sie führen die Investitionskosten als besonders teuer an. Dies ist richtig, ist aber der Tatsache geschuldet, dass in NRW nie richtig gefördert wurde, sondern nur verbilligte Darlehen für den Bau gegeben wurden (und selbst diese fallen seit 2003 weg). In anderen Bundesländern, so z. B. Bayern, wurden 50 % der Baukosten vom Land geschenkt und somit die Bewohner entlastet.
Damit sind sie im Preis natürlich erheblich niedriger. Ein Preisvergleich ohne Berücksichtigung der Fördermittel der jeweiligen Länder ist völlig unsinnig."

Aus einem Brief des Vorstands der Diözesan-Arbeitsgemeinschaft der katholischen Einrichtungen der Altenpflege im Bistum Essen an Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)

Aus "Caritas in NRW - AKTUELL", Ausgabe 1/08